Die fremde Heldin

Clara Hammerl, eine Deutsche in Pollença, wurde 1908 zu Spaniens erster Sparkassenchefin. Jetzt erscheint das erste Buch über ihr filmreifes Leben

21.10.2016 | 09:49

Das hartnäckige Klischee der Strenge und Ernsthaftigkeit, das an den Deutschen haftet wie ein Kaugummi an einer Schuhsohle, machte im 19. Jahrhundert schon Clara Hammerl das Leben schwer. Die im ostpreußischen Bromberg geborene Lehrerin zog 1889 als 30-jährige Ehefrau des Pädagogen Guillem Cifre in dessen Geburtsort Pollença. Gemeinsam bauten sie dort eine freie Schule sowie die Sparkasse Colonya auf, die noch heute existiert.

Über das Leben und Werk von Guillem Cifre ist viel geschrieben worden, nicht so über die ebenso einflussreiche Rolle und faszinierende Figur der Clara Hammerl. Nach ersten Aufsätzen, die unter anderem in der Mallorca Zeitung erschienen, hat der Historiker Pere Salas, selbst ein pollençin, nun ein Buch über diese bemerkenswerte Mallorca-Deutsche vorgelegt: „Clara Hammerl, Una dona de paraula" (Clara Hammerl: eine Frau des Wortes, 168 S., El Gall Editor, 2016). „Mich fasziniert an ihr ihre Verbindlichkeit, ihre Bereitschaft, ohne Wenn und Aber für ihre Ideen einzustehen", sagt Pere Salas.

Clara Hammerl und Guillem Cifre waren Anhänger der Lehren des deutschen Philosophen Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832) und des spanischen Pädagogen Francisco Giner de los Ríos, Gründer der Freien Lehranstalt (Institución Libre de Enseñanza). Lehre und Lernen sollte von der Kirche abgekoppelt werden, die Ratio vom Glauben.

Der Wind, der Clara Hammerl im noch sehr katholisch geprägten Pollença entgegenschlug, war zuweilen eisig. „Ihr Verhalten war den pollençins zu männlich. Sie war zu groß, zu blond, zu hell gekleidet", sagt Pere Salas. „Sogar heute sind die Assoziationen älterer Menschen, denen der Name Clara Hammerl etwas sagt, negativ gefärbt."

Tatsächlich zeichnete Clara Hammerl wohl eine außerordentliche Strenge aus, auch ihren Kindern gegenüber ließ sie nichts durchgehen. Auf der anderen Seite war sie ein Freigeist mit revolutionären didaktischen Ideen, eine Frau, die sich nicht vorschreiben ließ, wie sie sich nach dem Tod ihres Mannes zu kleiden habe, die lieber einen Hut gegen die brennende Sonne aufsetzte anstatt eines Kopftuchs, die zu Fuß aufs Feld ging, anstatt sich kutschieren zu lassen.

Clara Hammerl, die ihr Leben auf Mallorca anfangs als „Hölle" bezeichnete, biss sich durch. Pere Salas fasziniert an ihr ihre preußische Disziplin: Geht nicht, gibt´s nicht, schien ihr Motto gewesen zu sein. Sie hatte Ja zu dem Leben auf Mallorca gesagt und hielt sich daran. Sie lernte Spanisch und Mallorquinisch – es ist überliefert, dass sie mit ihrem Sohn in der Inselsprache kommunizierte.

Die bereits von Guillem Cifre gegründete Sparkasse und Schule führten beide gemeinsam weiter, trotz großer Widerstände. In der Colonya Caixa de Pollença konnten zum ersten Mal auch einfache Leute ihr Geld anlegen. Und die Schule war mit ihrem freien pädagogischen Konzept ein Vorläufer der heutigen Montessori-Schulen. „Begreifen und direkt erfahren anstatt Auswendiglernen, lautete ihr Ansatz", sagt Pere Salas.

Das erste Kind, Guillem, starb zwei Tage nach der Geburt. Ein Jahr später kam Antònia zur Welt. Wieder ein Jahr später starb ein weiteres Kind, Emma, kurz nach der Entbindung. Das nächste Kind, sie nannten es wieder Emma, überlebte, wurde aber nur fünf Jahre alt. Dieser Verlust, gepaart mit großen finanziellen Schwierigkeiten, ließ Guillem Cifre zerbrechen. Auch eine unerwartete erneute Schwangerschaft von Clara half ihm nicht über seine Depressionen hinweg. Er sah keinen anderen Ausweg, als 1908 Selbstmord zu begehen.

Clara Hammerl stand von da an alleine da, mit zwei Kindern, wovon eines noch sehr klein war. Sie übernahm die Leitung der Sparkasse und wurde zur ersten Sparkassenchefin Spaniens. Auch die Schule führte sie weiter. Und sie packte auf dem Landgut mit an.

Für ihre Kinder blieb da wenig Zeit. Besonders Guillem brauchte die Mutter noch sehr. Die Briefe, die er später schrieb, zeigen die Zerrissenheit, die er seiner Mutter gegenüber empfand. „Einerseits achtete er seine Mutter sehr, andererseits litt er unter ihrer Strenge", sagt Pere Salas.

Nach fast zwanzig Jahren auf der Insel begann Clara sich mit ihren Kindern von Mallorca zu entfernen. Die Kinder sollten in Madrid und Berlin Schulen besuchen, auch um Deutsch zu lernen. Clara Hammerl verließ Mallorca 1916. Zunehmende Spannungen prägten die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Antònia ergriff in Berlin mit ihrem Freund die Flucht und wanderte später nach Argentinien aus. Es sollte Jahre dauern, bis sich Mutter und Tochter wieder versöhnten. Clara Hammerl zog am Ende zu ihrer Tochter nach Argentinien, wo sie 1931 mit
73 Jahren starb.

Neben den Briefen des Sohnes und den Briefen von Clara an Francisco Giner de los Ríos stützte sich Pere Salas noch auf weitere Quellen: etwa den Bericht einer deutschen Reisenden auf Mallorca, die Clara Hammerl kennenlernte. Sie sei sympathisch, engagiert, kreativ und uneigennützig gewesen, heißt es dort. Salas stieß auch auf Briefe eines früheren Schülers von ihr, der ein schon fast überschwänglich positives Bild von ihr zeichnete. „Eine Frau wie sie hätte es sicherlich auch in einem kleinen Dorf in Deutschland schwer gehabt", sagt der Historiker. „Clara Hammerl war ihrer Zeit weit voraus. Sie war eine Heldin."

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