Schilf auf Mallorca: Rohr ist nicht gleich Rohr

Wie Sie die zwei Arten auf der Insel unterscheiden

21.10.2016 | 07:56
Das Schilfrohr.

„Die Unterschiede zwischen den beiden Canya-Sorten auf Mallorca sind klar und deutlich", sagt Jaume Seguí, Biologe beim Institut Mediterrani d´Estudis Avançats (Imedea) in Esporles. Der Arundo donax, im Deutschen Spanisches Rohr, Riesenschilf oder Pfahlrohr genannt, zählt zu den Pflanzen, die auf der Insel eingeführt worden sind. Wegen der Stabilität seiner Rohre fand diese Art auf Mallorca häufige Verwendung. Der Phragmites australis, im Deutschen Schilfrohr genannt, ist dagegen einheimisch auf der Insel. Er wächst in sumpfigen Gegenden, vor allem im Parc Natural de s´Albufera. Seine Rohre sind feiner und wurden nicht für den häuslichen Gebrauch verwendet.

Die Kultur- und Nutzpflanze
Das Spanische Rohr (Arundo donax, caña comun span., canya kat.) zählt zu den immergrünen Gräsern und wächst fast überall auf der Insel an trockenen Standorten. „Es bildet am Ende des Rohres Verzweigungen", sagt der Biogärtner Frédéric Saussaye, genannt „Willow". Er kennt sich mit den Riesengräsern aus, denn er hat neben einem Bambuswald (die MZ berichtete) auch ein Feld mit Pfahlrohr angepflanzt. Die bis zu sieben Meter hohen Rohre schneidet er jährlich bei Neumond im Januar komplett und lässt die Stangen völlig austrocknen. Danach treibt das Gewächs neu aus. Erkennen kann man es auch an den rosafarbenen Ährenblüten sowie an dem Knick ihrer Blätter.

Dem Spanischen Rohr begegnet man außerdem in Gärten. „Wenn es in der Mitte eines Anwesens wächst und andere Pflanzen verdrängt, tauschen wir es durch andere aus", sagt Erika Könn, Gartenarchitektin aus Binissalem. Wenn das Rohr dagegen in einer Ecke des Anwesens wurzelt, bezieht sie dieses in ihr Design mit ein, vor allem dann, wenn der Besitzer Bedarf für die Stangen hat.

Auch als stabiler Wind- und Sichtschutz werden die canyas in moderne Gartenanlagen gepflanzt. In Son Muda bei Porreres beispielsweise. „Weil wir die Rohre nicht bewässern, können sie sich nicht ausbreiten, sie benötigen auch keine Rhizomsperren", erklärt Hans Achilles, Gartendesigner bei Son Muda Gardens. Er und Erika Könn sind beide der Meinung, dass der Arundo donax zu den wichtigen Kultur- und Nutzpflanzen der Insel zählt. Nicht ohne Grund, denn Achilles lebt in einem Haus, in dem auf den Dachbalken canyas liegen. „Das hält schon über hundert Jahre", berichtet er. Die Rohrstangen gaben nicht nur den Dächern Halt, mit ihnen wurden ebenfalls Zwischenwände gezogen. In den au­tarken Landgütern waren die Stangen sehr begehrt: Mit ihnen erntete man Mandeln und ­Johannisbrot, sie dienten als Rohrmatten-Unterlage zum Trocknen von Feigen und Tomaten und die canyas wurden als Angelruten benutzt. Außerdem hängte man an ihnen auch in den Speisekammern Vorräte, wie beispielsweise Ramallet­tomaten, auf.

Obwohl die Stangen auch noch heute unverzichtbar sind als Stützen für Tomaten, Erbsen, Bohnen und vieles andere mehr, sind sie in vielen Bereichen durch moderne Materialen ersetzt. Mit der Folge, dass der Arundo donax nicht mehr geschnitten wird, verwildert und andere Gewächse verdrängt. Auf den Kanarischen Inseln ist die Einfuhr der invasiven Pflanze bereits verboten.

Auf Mallorca macht sich das Gewächs vor allem dann unbeliebt, wenn es in den torrentes wurzelt. Dort genügt ihm, um sich auszubreiten, die Restfeuchtigkeit des Vorjahrs. Wenn sich dann im Herbst nach starken Niederschlägen die Wassermassen den Weg durch das Bachbett suchen, reißen sie die Stangen mit, die an Brückenpfeilern hängen bleiben und den Wasserfluss aufhalten.

Mit Roden allein ist es beim Riesenrohr nicht getan. Will man den dicken Rhizomen zu Leibe rücken, sind Herbizide nötig. Auf dem spanischen Festland setzt man sie mittlerweile ein, wenn das Gewächs an den Ufern derart wuchert, dass der Wasserlauf von Bächen und Flüssen behindert wird.

„Das Pfahlrohr versucht ständig, in die Gebiete der s´Albufera einzudringen", erklärt Maties Rebassa, Leiter des Naturparks s´Albufera. Das zu verhindern wäre sehr schwierig, denn wenn der Arundo donax an Wasser kommt, ist er kaum aufzuhalten.

Die Naturbelassene
Beim Schilfrohr (Phragmites australis bot., carrizo span., canya borda kat.) handelt es sich um die Grassorte, die im Naturpark s´Albufera am häufigsten vorkommt und am höchsten wächst. Sie kommt jedoch auch in anderen Feuchtgebieten auf der Insel vor. „Das Schilfrohr bietet ideale Habitate für viele Vogelarten", sagt Rebassa. Eine der Vogelarten, die im Schilfrohr nisten, ist das Carrizal-Pfäffchen (Amaurospiza carriza­lensis). In den Blattachsen der Rohre leben zahlreiche Insektenarten, deshalb bieten sie Vögeln auch ideale Schlaf- und Nistplätze.

Zu erkennen ist das Schilfrohr an seinen weißen Blütenähren sowie an den Stangen, die keine Verzweigungen aufweisen. Es bildet außerdem ein dichteres Gestrüpp als seine Verwandten auf dem Trockenen. Zu den Immergrünen zählt es ebenfalls nicht, denn Stangen nebst Blättern verfärben sich im Winter gelbbraun und sterben ab. Die abgestorbenen Pflanzenteile bleiben auf dem sumpfigen Grund liegen, verrotten und verwandeln sich in Kompost. Im Frühjahr treibt die Pflanze dann wieder neu aus.

Das Schilfrohr ist für seine reinigende Funktion bekannt. Deshalb holte sich Willow Setzlinge in den Garten. Gemeinsam mit Papyrus, Gelber Iris und anderen Wasserpflanzen bereitet das Schilfrohr unter Zugabe von Schlamm das ­hauseigene Abwasser zu Brauchwasser auf.

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