Alternative Trampen: Statt ewig auf den Bus zu warten...

Per Anhalter über die Insel fahren. Geht das? Ein Selbsttest

04.11.2016 | 15:24

Trampen ist eine Übung in Geduld, heißt es. Wenn das stimmt, fällt das Üben auf Mallorca leicht. Weil es nie länger als zwei Minuten dauert, bis jemand anhält. Wetten?

Letztens stand mal ein Mann im Kreisel von Algaida nach Palma und hielt den Daumen raus. Wir hätten ihn gerne mitgenommen, fuhren aber in die entgegengesetzte Richtung. Und dachten: Warum sieht man eigentlich so wenige Tramper auf Mallorca? In Zeiten von Carsharing, Umweltbewusstsein und den ewig schlechten Busverbindungen. Vielleicht, weil einen niemand mitnimmt?
Wir machen ein Experiment und trampen einen Vormittag über die Insel. Aus Spaß. Und um zu sehen, ob man in Zukunft wieder öfter per Anhalter fahren sollte. Wie vor 20 Jahren ...

Nach dem Abi, egal ob in den 70er- oder 90er-Jahren, war Trampen total angesagt. Noch ohne eigenes Auto, aber mit großem Drang endlich rumzukommen, galt der Daumen­express als die einfachste und preiswerteste Art, die Welt kennenzu­lernen. Natürlich warnten die Eltern davor, mit fremden Leuten mitzufahren. Doch auf einer Insel (damals Sylt), erschien uns das Risiko, bei einem Verrückten einzusteigen, eher klein. Und so sammelten wir zwischen Hörnum und List viele lustige Geschichten, gute Erfahrungen und virtuelle Punkte dafür, wer öfter einen BMW oder Mercedes anhielt (was auf Sylt ziemlich oft gelang).

In Llucmajor starten wir bescheidener, wollen beim Vehikel nicht wählerisch sein. Und was die Verrückten betrifft, hat die Redakteurin einen Spruch parat. Hält jemand an, bei dem sie ein mulmiges Gefühl hat, heißt es: Mein Freund hat mir verboten, bei Männern mitzufahren, die allein im Auto sitzen. Na dann los.

Mit Rucksack, einer Spur Abenteuer im Bauch und einem Stück Pappe in der Hand. „Campos" steht in großen Lettern darauf. „Hier kommst du nie weg", sagt ein Altmetallsammler, der in einer Mülltonne kramt. Er nimmt die Tramperin von ihrer Haustür mit zum Ortsausgang Richtung Campos und wünscht viel Glück. Wie er heißt? „Man nennt mich Petersilie", sagt er, gibt Gas und verschwindet. Macht man sich als Tramper heutzutage verdächtig?

Eindeutig ja. Der nächste Fahrer (dunkelgrauer Golf, Alu-Felgen) will wissen, was man im Rucksack transportiere. „Banane, Schreibblock, Wasser." Denkt er etwa an eine Bombe? Die Situation ist grotesk: Er ist Marokkaner (wie sich später herausstellt), die Mitfahrerin eine schutzlose Frau (eine Freundin riet ihr am Abend zuvor, nur mit einem offenen Taschenmesser in der einen und einem Stein in der anderen
Jackentasche zu trampen). Beim Small Talk nach Campos erzählt der Familienvater, dass er früher illegal auf der Insel lebte, oft keinen Job und Hunger hatte und manchmal wie ein Verbrecher behandelt wurde. Jetzt ist er mit einer Spanierin verheiratet, hat zwei Kinder, zwei Jobs und verdient im Monat 2.600 Euro. Trotzdem fürchtet er sich vor einer möglichen Polizeikontrolle. Würde man bei der unbekannten Beifahrerin etwas
Dubioses finden, wäre er mit dran.

Wir verabschieden uns fast herzlich in Campos, keine Minute später hält Katharina an. Die Immobilienverkäuferin lebt seit über 20 Jahren auf Mallorca, obwohl sie ursprünglich von Deutschland nach Südafrika auswandern wollte. Auf der Rückbank sitzt ein mallorquinischer Wasserhund mit dicken Locken: Paulina sei ihre Familie, erzählt Katharina, sonst habe sie niemanden. In Felanitx fährt sie extra einen kleinen Umweg und lässt die Tramperin am Manacor-Kreisel wieder raus.

Das Wetter wird besser, das Anhalten klappt – das nächste Auto darf jetzt gerne mal ein schicker Mini sein (gehört immerhin zur BMW-Group). Es kommt anders, schon nach 30 Sekunden stoppt ein weißer Fiat 500 (leider ohne Faltdach) mit einer Familie aus Köln drin. Der Vater steigt zur Tochter auf die Rückbank, die Redakteurin darf vorne Platz nehmen. Laut Mitfahrexperten existieren weltweit keine erkennbaren Unterschiede zwischen den anhaltenden Fahrern, es gibt demnach keinen bestimmten Typ Mensch, der Tramper (übrigens abgeleitet vom tramp, der in Amerika auf den Waggondächern der Eisenbahn reiste) mitnimmt. Wir klönen ein bisschen über Mallorca, 15 Minuten später sind wir in Manacor. Es wäre zu einfach gewesen, bis Artá sitzen zu bleiben und so 35 Kilometer am Stück abzureißen.

Inzwischen scheint die Sonne, nicht immer das beste Wetter für Anhalter, wie sich herausstellt. Denn wer als Tramper „umsteigt", muss auch mal längere Gehwege ohne Schatten in Kauf nehmen. 20 Minuten braucht man für die Strecke auf der ­Ringstraße halb um Manacor herum bis zum Ortsausgang. Wo man sich an der Schnellstraße nach Palma schwitzend in Stellung bringt. Ein älteres Paar aus Madrid hält an, seit 25 Jahren wohnt es auf dem Land in Sant Joan. Von den vielen Touristen merke man dort nichts, sagen sie, doch an ihren Lieblingsstrand, der früher auch sonntags im August menschenleer war, fahren sie jetzt nur noch im Winter. „Alle schimpfen über
Mallorca, aber auf dem Festland hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel mehr verändert", sagt der Mann, der dasselbe Brillen­modell wie seine Frau trägt.

Am Kreisel von Sant Joan dauert es keine zwei Minuten, da hält Eva an, eine Mallorquinerin, die im Inselrat arbeitet. Da das Auto­radio kaputt ist, freut sie sich über Gesellschaft. Doch die Strecke ist kurz, am Kreisel von Algaida heißt es wieder umsteigen. Diesmal in einen Fiat-Kastenwagen, Estela ist auf dem Weg zum Kloster von Randa. Im Auto läuft gerade ein Deutschsprachkurs, denn Estela stammt zwar aus Panama, als Fremdenführerin bringt sie aber deutschen Touristen die mallorquinische Kultur näher. Schon interessant: Da man keinen Einfluss darauf hat, wer einen mitnimmt, bekommt man beim Trampen einen Querschnitt durch die Insel-Gesellschaft präsentiert.

Die letzte Etappe (Dorfausfahrt Randa?– Dorfeingang Llucmajor) ist die kürzeste der Tour und die rasanteste. Ein junger, gut aussehender 20-Jähriger bremst scharf seinen schwarzen Alfa Romeo. Er will wissen, warum eine Frau mitten am Tag in der Pampa an der Straße steht. Ohne Auto. Als er die Geschichte hört, schüttelt er den Kopf: „Was für eine Schnapsidee!" Tja, der Twen hatte wahrscheinlich mit 18 sein erstes eigenes Auto. Weiß nichts von Freiheit und Abenteuer am Straßenrand. Und war noch nicht geboren, als es Anfang der 70er-Jahre mal eine Rote-Punkt-Aktion in Berlin gab: Autofahrer klebten einen roten Punkt auf weißem Hintergrund an die Windschutzscheibe und signalisierten damit: Ich nehme Tramper mit. Eine super Idee, finden wir, die man auf Mallorca sofort einführen sollte.

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