Ihr Glaube schützte sie vor dem Feuer

„Hexen" gab es auch auf Mallorca. Verbrannt aber wurde keine

04.11.2016 | 15:24

Man nehme ein wenig Eifersucht, gebe einen Schuss Wut dazu, vermische es mit ein paar Tropfen Boshaftigkeit und würze es mit einer guten Portion Bigotterie und Angst. Das Ganze lässt man eine Weile im Saft von Klatsch und Tratsch schmoren und heraus kommt ein giftiges, ja explosives Gebräu. Dieser Mischung fielen Tausende von Frauen im Mittelalter zum Opfer. Der Grund: Man hielt sie für Hexen.

Antoni Picazo i Muntaner, Historiker der Universität der Balearen, hat sich 13 Hexenprozesse auf der Insel näher angeschaut und sie in seinem jetzt erschienenen Buch „In umbra. Societat, poder i brui­xeria a Mallorca" (Im Schatten. Gesellschaft, Macht und Hexerei auf Mallorca) näher beschrieben. Kein einziger dieser Prozesse endete mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen. Die Urteile gegenüber den „Teufelsweibern" fielen deutlich milder aus als in Deutschland oder England. Die Erklärung von Picazo: Die spanische Inquisition habe selbst nicht an Hexen geglaubt.

Hexen, das waren in der Vorstellung vieler Menschen Frauen, die tief im Wald lebten, sich gut mit Kräutern auskannten und einen Pakt mit dem Bösen, dem Teufel, geschlossen hatten. Man sagte ihnen magische Kräfte nach, oft hieß es, dass sie allein durch ihren Blick andere verhexen oder verfluchen könnten. „Am Ende waren es häufig alleinstehende Frauen, oft Witwen oder von ihrem Mann Verlassene. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich durch kleine Tricksereien oder Gaunereien über Wasser zu halten", sagt Picazo. Mitunter spielten sie dabei mit dem Aberglauben, versprachen den Menschen Glück in der Liebe oder im Spiel – und beriefen sich dabei auf bestimmte Heilige. „Es waren devote und gläubige Frauen", sagt der Forscher.

Der Fluch der Eifersucht
Catalina Amorós war eine solche „Hexe". Hinter ihrer Geschichte steht ein Eifersuchtsdrama, das heute den Stoff für eine Telenovela hergäbe. Damals hätte diese Frau anderswo auch auf dem Scheiterhaufen enden können. Catalina Amorós aus Palma wurde von ihrem Mann verlassen. Sie verliebte sich in einen anderen, der sie wiederum wegen einer Jüngeren verließ. Catalina Amorós hatte fortan den Ruf weg, ein Lotterleben, ein Leben in Sünde zu führen. Zu dem Tratsch hinzu kam die Eifersucht der jüngeren Frau, Antònia. Die Situation eskalierte und am Ende hieß es, Catalina Amorós habe einen Fluch über die Stadt verhängt. Ihr zweiter Ehemann zeigte sie an, das Tribunal trat zusammen und befragte etliche Zeugen. Ihr Fall kam 1670 vor Gericht, drei Jahre später wurde die Akte geschlossen. Das Ergebnis: der Hexerei nicht schuldig.

Der Fluch der starken Frau
Ganz anders verlief der Prozess bei Magdalena Desideri. Sie entsprach nicht dem Profil der „klassischen Hexe", also der alleinstehenden, mittellosen Frau. Magdalena Desideri lebte in Pollença, war verheiratet, hatte zwei Söhne und besuchte regelmäßig die Messe. Ihr Mann hatte eine Schuhmanufaktur, die Familie war wohlhabend. Doch das entschiedene Auftreten und ihr ein wenig dominanter Charakter wurden Magdalena Desideri zum Verhängnis. Plötzlich schien sie daran schuld zu sein, wenn jemand in einer Familie starb oder wenn es im Bett zwischen Mann und Frau nicht mehr gut klappte. Die Inquisition ließ 1778 über 50 Zeugen befragen. Es waren Leute aus allen Bevölkerungsschichten: Männer, Frauen, Handwerker, Geistliche, Bauern und Adlige. Bei ihr hieß es am Ende: der Hexerei schuldig. Doch auch Magdalena Desideri entging dem Feuer, man sperrte sie ein und beschlagnahmte ihren Besitz.

Der Fluch der Armut
Deutlich seltener gerieten Männer ins Visier der Hexerei-Vorwürfe. Der 40-jährige Antoni Rosselló aus Selva hatte angeblich mit dem Teufel gemeinsame Sache gemacht. Der Familienvater hatte sechs Kinder, das Geld war häufig knapp. Bei der Bergung eines Schatzes habe er mit einem Ungläubigen, einem moro zusammengearbeitet. Das kam Teufelswerk fast gleich. Nach der Anhörung mehrerer Zeugen schickte ihn die Inquisition 1635 für ein Jahr in die Verbannung.

Der Fluch der Wortgewalt
Die aus Artá stammende Nonne Catalina Llinás galt als Hellseherin. Ihre „Wahrsagungen" waren allerdings so allgemein formuliert, dass es meist gar nicht anders kommen konnte. Man warf ihr vor, das Böse heraufbeschwören zu können. Als ihr bei der Feldarbeit ein paar vorbeilaufende Jungs Beleidigungen zuriefen und sie sich mit
„Ihr werdet euch noch wundern!" zur Wehr setzte, stürzte einer der Jungs kurz darauf. Bei der Zeugenvernehmung hieß es 1687, das sei ihr Werk gewesen. Catalina Llinás musste am Ende für drei Jahre die Insel verlassen. Darüber hinaus erhielt sie 200 Peitschenhiebe.

Wie es zu einer solchen Massenhysterie kommen konnte, erklärt sich der Historiker folgendermaßen: Hungersnöte, Seuchen und lange Kriege zermürbten die Menschen. Sie lebten lediglich für die Erlösung im Jenseits. Ein Schuldiger für all das Leid musste gefunden werden. Da kamen die Hexen als Bösewichte gerade recht.
Vergleichen könne man die damaligen Länder Europas kaum, so der Forscher. Zu unterschiedlich sei die jeweilige Gesellschaftsstruktur gewesen. In Spanien sei der katholische Glauben zudem deutlich tiefer verankert gewesen. In Deutschland habe die Abspaltung der protestantischen Kirche durch Luther zu den verheerenden Auswüchsen und massenhaften Verbrennungen von Frauen beigetragen. „Man wollte sich von Rom distanzieren und zeigen, dass der protestantische Glaube der reinere, der wahre Glaube sei, dessen Einhaltung mit aller Härte verfolgt wurde", sagt Picazo.

Das Thema Aberglaube zieht indes noch heute. „Machen Sie mal nach Mitternacht den Fernseher an. Da laufen viele Sendungen in denen Wahrsager etwas versprechen, und die Leute schauen das!", sagt der Autor. Er selbst erinnert sich als Junge an den Besuch bei einer alten Frau in seinem Dorf. Er hatte sich verletzt, sie kannte sich mit Kräutern aus. „Die Frau trug Schwarz und war alt. Ich dachte sofort an eine Hexe", sagt Picazo.

Antoni Picazo i Muntaner. „In umbra. Societat, poder i bruixeria a Mallorca". Editorial El Tall, 23,40 Euro.

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