Bodega Can Axartell: Wo der Wein aus dem Berg kommt

Über die Schwarzkopf-Bodega bei Pollença raunt die Insel seit Jahren. Jetzt lud der Hausherr erstmals zur Pressebesichtigung

23.11.2016 | 15:57
Bodega Can Axartell: Wo der Wein aus dem Berg kommt

Fast unsichtbar steht der 82-jährige Unternehmer vor der monumentalen Fassade seiner Bodega in Pollença. Er trägt eine unauffällige beige Winzerjacke über dem weißen Hemd und hält die Schultern etwas gebückt. Dann kommt er den Besuchern mit einem herzlichen Lächeln einen Schritt entgegen. Zum ersten Mal gewährt Hans-Peter Schwarzkopf, Familienspross der berühmten Shampoo-Dynastie, der Presse Zutritt in seine Höhle auf Mallorca, und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. In einem alten Steinbruch auf seinem Anwesen Can Axartell hat er Mallorcas derzeit wohl spektakulärste Kellerei gebaut. Der nach dem Anwesen benannte Wein ist erst seit wenigen Wochen im Handel.

Hans-Peter Schwarzkopf kann von sich sagen, dass er die natürliche Charakteristik eines mallorquinischen Tals vor der Zerstörung gerettet hat. Er erwarb das 200 Hektar große Anwesen unterhalb des Berges Axartell 1997. Zwei Jahre zuvor hatte der Hamburger Kaufmann seine Anteile an dem von Großvater Hans Schwarzkopf gegründeten Shampoo-Hersteller an die Henkel AG verkauft und sich zur Ruhe gesetzt. „Eigentlich wollten meine Frau und ich uns auf Mallorca erholen", sagt er.

Er hätte hier, in unmittelbarer Nachbarschaft der Finca von Peter Maffay, ein Hotel und 13 Apartmenthäuser bauen können – die Pläne und benötigten Genehmigungen lagen dem Vorbesitzer vor. Schwarzkopf aber wollte Landwirtschaft betreiben. Ein erster Versuch mit Schafen und Olivenöl erwies sich als wenig ertragreich. Also sattelte der Unternehmer um und beschloss, einen Teil seines Vermögens in Wein zuinvestieren.

Anfang des Jahres 2000 ließ Schwarzkopf auf seinem Anwesen die ersten Rebstöcke seiner Lieblingstraube Pinot Noir pflanzen. Er hatte gehört, dass die Felder am Fuße des Berges Axartell schon vor 100 Jahren, lange vor der ­gefräßigen Reblaus, guten Wein geliefert haben sollen. Dass zuvor das Land 30 Jahre lang brach gelegen hatte, kam dem nachhaltig und ökologisch orientierten Neubesitzer entgegen: „So konnte ich sicher sein, dass im Boden
keine giftigen Rückstände von Chemikalien waren und die Finca von Anfang an nach den streng überwachten ökologischen EU-Richtlinien betrieben werden konnte."

16 Jahren später führt uns Schwarzkopf durch das Resultat seiner damaligen Entscheidung: eine vierstöckige Kellerei, die in einen ehemaligen Kalksteinbruch gebaut ist – und zwar so geschickt, dass sie von außen praktisch nicht zu erkennen ist. „Andernfalls hätten wir auch die Genehmigung gar nicht bekommen", sagt Schwarzkopf. Die Bodega wurde von der Familie sowie Experten planerisch entwickelt und dem Architekten Bernd Schmahl und dem Ingenieur Juan Artigues gebaut. Das Bauwerk aus Glas, Zement und Stahl, mit Lichtschächten, geschwungenen Treppen und
hinter großen Glasflächen sicht­baren Felswänden ist umwerfend. „Es kostet vielleicht zehn Prozent mehr, nicht nur gut, sondern auch schön zu bauen, aber es lohnt sich", sagt der Hamburger Kaufmann. Er hat nicht nur das Geld dazu gehabt – die Investitions­summe möchte er nicht nennen –, sondern auch die Zeit, um hier alles bis ins letzte Detail zu perfektionieren. Zwölf Jahre dauerte es, bis alle Genehmigungen für die Bodega vorlagen. 2013 wurde der erste Wein gekeltert, jetzt ist das gesamte Gebäude fertiggestellt.

Zum Pinot Noir sind über die Jahre weitere klassische Reben hinzugekommen, darunter Syrah und Merlot, aber auch autochthone Sorten wie Callet, Manto Negro, Giró Ros oder Prensal. Zwölf weitere heimische Sorten werden noch auf kleineren Feldern getestet. Bis die eigene Produktion startete, verkaufte Schwarzkopf die Trauben an andere Bodegas wie Ànima Negra in Felanitx, behielt aber jedes Jahr einige Fässer für sich, um zu experimentieren. „Wenn wir schon etwas machen, dann richtig gut", sagt Schwarzkopf, dem es anzumerken ist, dass er jahrzehntelang Erfahrung gesammelt hat, wie man industriell produziert und verkauft.

Dieses „richtig gut" beginnt auf den 35 mit Wein bepflanzten Hektar auf Can Axartell. Unterirdische Dränage, Bewuchs mit Wildpflanzen zwischen jeder zweiten Reihe, strenger Schnitt im Frühjahr, auf dass die Reben nur wenige, aber ausgezeichnete Trauben tragen. Und dann, bei der Ernte, Auslese, Auslese, Auslese, damit nur die besten Früchte verarbeitet werden. Bislang kümmerten sich Saisonarbeiterinnen darum – „Frauen sind bei Fließbandarbeit bekanntlich effektiver als Männer" –, doch diese Arbeitskräfte werden in einer boomenden Tourismussaison schnell knapp. Zukünftig soll das eine Maschine aus Italien übernehmen, die per Laserstrahl fehlerhafte Trauben erkennt und diese per Luftdruck aussortiert. Zum Einsatz kommt zudem eine Schweizer Maschine, die Trauben anhand ihrer Farbe trennt. So können die dunkelroten, ausgereiften Callet-Trauben später zu Rotwein, die orangefarbenen, halbreifen zu Rosé und die grünen, angereiften zu Weißwein verarbeitet werden. „Es ist wichtig, die Prozesse zu automatisieren, schließlich steigen die Personalkosten jedes Jahr", sagt Schwarzkopf, der sein Weingut ausdrücklich rentabel betreiben will. Die teuren Auslese-Maschinen würden zudem verlässlicher sortieren als das menschliche Auge, das naturgemäß zur Ermüdung neigt.

15 Mitarbeiter sind in Can Axartell derzeit beschäftigt, die meisten auf dem Feld, außerdem gibt es den Vinologen Joan Manuel Ochogavia, der den Wein herstellt und die Bodega leitet, sowie den Önologen Guillem Vanrell, der aus Manacor stammt. Zusätzliches Know-how holt sich der frühere Shampoo-Produzent von verschiedenen Insel-Experten wie dem Agrarökonomen Pepe Cifre, der als Professor an der Balearen-Universität lehrt und seine Studenten auch über ökologische Schädlingsbekämpfung forschen lässt. Cifre ist in seiner Freizeit nebenberuflich strategischer Direktor von Can Axartell.

Dass Hans-Peter Schwarzkopf für die Kelterung auf die aufwendige Mètode Gravetat setzt, ist aber wohl seinem eigenen Perfektionsdrang zuzuschreiben. „Bei der Gravitationsmethode wird der Most der Rotweine ausschließlich mithilfe der Schwerkraft aus den Trauben gepresst", erklärt der Selfmade-Winzer, der rund hundert Tage im Jahr auf der Insel verbringt. Die Mètode Gravetat sowie die sanfte Wilmes-Press-Technik gewährten Axartell eine ­sorgfältige und schonende Art, um auch die feinsten Geschmacksstoffe und Aromen der Trauben freizusetzen. Durch Vermeidung von Reibung in mechanischen Pumpen werde sichergestellt, dass unerwünschte Bitterstoffe nicht in den Wein gelangen. Wann immer erforderlich wird der Wein sowie die Maische mit dem Laufkran nach oben transportiert, um für den nächsten Vorgang wieder nach unten zu fließen. Pumpen kommen in Can Axartell nicht zum Einsatz. Die würden dem Wein Aromen rauben, so der Hausherr, der auch den kleinsten Arbeitsschritt wissenschaftlich studiert zu haben scheint und darüber zu referieren weiß. „Das sind alles kleine Details, aber in der Summe tragen sie viel bei zum Gelingen eines guten Weins."

Über eine steile Treppe folgen wir Schwarzkopf hinab zu den großen Fermentationstanks und dann mit dem Lastenaufzug in die Lagerhallen der Flaschen und Fässer, ganz tief im Berg. „Hier bei konstant
18 Grad, die nur in einigen Räumen für bestimmte Vorgänge etwas tiefer gekühlt werden, kann der Wein in Ruhe reifen." Wobei nur ein Teil in französischen Eichenfässern ausgebaut wird – der Trend geht zu weniger Barrique. Der erste Fasswein von Can Axartell, Tinto Dos 2013, ist ein Cuvé aus Merlot-, Syrah-, Pinot-Noir- und Callet-Trauben. „Wir haben viel ausprobiert", erzählt Hans-Peter Schwarzkopf. „Dieses Jahr konnten wir endlich mit Produkten auf den Markt kommen, die uns selbst gut schmecken."

Und uns? Auch die Meinung der Besucher interessiert den Gastgeber, der zur Verkostung in den Präsentationsraum bittet. Weißwein, Rosé sowie die zwei Rotweine schimmern bereits in den Gläsern, zum Brot wird auch Olivenöl von der eigenen Finca gereicht. Wir probieren, schnuppern und entdecken die Farbnuancen im Glas. Den ersten Jahrgang, 100.000 Flaschen, vertreibt Schwarzkopf auf Mallorca sowie in Deutschland und in der Schweiz an Restaurants und ausgewählte Weinläden. Die Flaschenpreise für die verschiedenen Sorten liegen im mallorquinischen Handel zwischen 12 und 25 Euro. „Die Kunden sollen die Produkte ja zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis kaufen", sagt Schwarzkopf, der erst kürzlich in Vilafranca weitere 25 Hektar Land für den Weinanbau erworben hat. Can Axartell hat jetzt große Produktionskapazitäten, die auch gefüttert werden wollen. Die Jahresproduktion soll in den nächsten Jahren auf 400.000 Flaschen Wein klettern, Can Axartell wäre damit eine der größeren Bodegas Mallorcas. Die, so will es der Besitzer, auch in Zukunft ausschließlich Fachbesuchern zugänglich sein wird. Nur so könne er mit seinem Team weiter in Ruhe arbeiten und an den Weinen tüfteln, sagt Hans-Peter Schwarzkopf.

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