Von der Wüste nach Mallorca: die deutsche Falknerin an Palmas Flughafen

Die 32-jährige Laura Wrede hat als erste deutsche Frau in Katar die Kunst der Falknerei erlernt. Jetzt trainiert sie auf der Insel einen Jungvogel

28.11.2016 | 11:14
Catalina, der Falke, frisst auf Laura Wredes Faust

696 Gramm wiegt Catalina an diesem Morgen. Am Vortag waren es knapp über 700 Gramm. Das bedeutet: Heute hat sie Hunger, und Hunger bedeutet Jagen. Der fünf Monate alte Wanderfalke ist noch ein Jungvogel und muss das systematische Jagen erst lernen. Dafür befindet er sich hier auf einer weiten Wiese neben Palmas Flughafen.

Catalinas Mentorin ist die Deutsche Laura Wrede, die seit wenigen Monaten auf Mallorca lebt. Sie trainiert täglich mit dem jungen Falken. Der erfahrene mallorquinische Falkner José Salom unterstützt sie dabei. „Falken haben zwar einen natürlichen Jagdinstinkt, aber wenn dieser nicht gezielt trainiert wird, kommt am Ende ein kleiner Wilderer he­raus", sagt Laura Wrede. Ziel des Trainings: Catalina soll später sofort auf ihr Pfeifen reagieren, um etwa Palmas Flughafen von Kaninchen und kleinen Vögeln frei zu halten.

Heute ist die Lektion an der 20 Meter langen Leine dran. Catalina soll von ihrem Block abheben und auf kürzestem Weg zu ihrem Fressen, einer kleinen Wachtel, fliegen. Schafft Catalina das ohne Umwege, hat sie ihre Lektion gemeistert und wird belohnt. „Falken lernen nur über positive Verstärkung", sagt Laura Wrede. „Die sensiblen Tiere können nicht mit Bestrafung umgehen, es würde sie verstören und der Lerneffekt bliebe aus."

Raum für Träume
Laura Wrede bekam Catalina von einem spanischen Freund geschenkt, um ihr den Abschied aus ihrer Wahlheimat Katar zu erleichtern. Die gelernte Wirtschaftswissenschaftlerin hatte dort die vergangenen sechs Jahre verbracht und in der Qatar Foundation gearbeitet, einer von den Scheichs gegründeten Stiftung für Bildung und Wissenschaft. Umtriebig war die junge Deutsche schon immer. Die Wahl-Münchnerin zog es nach der Schule hinaus in die Welt. Zum Studium ging sie nach Madrid und Paris, anschließend kam das Angebot aus Katar und mit ihm die Chance, dort ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen: Falknerin zu werden. „Ich bin schon immer geritten und bin Jägerin. In den Großstädten Madrid und Paris war an so etwas nicht zu denken, erst in der Weite der arabischen Wüste war Raum für diese Träume", erzählt sie.

Die Falknerei hat in den arabischen Emiraten eine lange Tradition. Hartnäckig erkämpfte sich die 32-Jährige ihren Platz in dieser Männerdomäne, für eine Frau und noch dazu eine Nicht-Katarin eine große Ausnahme. „In Katar gab es keinen Falkenclub als Anlaufstelle, wie es in Deutschland oder anderen Ländern üblich ist", erzählt Laura Wrede. Unerschrocken sprach sie einen Beduinen mit einem Falken auf einem Markt an. „Wir verständigten uns mit Händen und Füßen", erinnert sie sich. Der Beduine wusste mit der selbstbewussten Deutschen zunächst wenig anzufangen, eine Frau, noch dazu eine Fremde als Falknerin, das war für sein Verständnis zu viel des Guten. Schließlich gab er ihr seine Telefonnummer. Laura Wrede ließ nicht locker, rief ihn wiederholt an, bis sie schließlich beim Falkentraining zuschauen durfte. „Ich war in eine rein männliche Veranstaltung geraten, sehr familiär und intim", sagt die Deutsche. Aus der Anfangsskepsis wurde Freundschaft. Bei einem Deutschlandurlaub riefen die Beduinen sie auf ihrem Handy an, weil sie „ihre Falknerin" vermissten.

Auf der Wiese neben dem Flughafen ist es José Salom, der sie begleitet. Vorsichtig löst er die Haube vom Kopf des jungen Vogels. Catalina breitet die Schwingen aus, hebt ab und fliegt los. Landung, Wachtel greifen, mit dem Schnabel zustoßen, fertig. Das Ganze dauert weniger als eine Minute. Damit Catalina nun in Ruhe fressen kann, nimmt Laura Wrede sie auf ihren Handschuh und hilft ihr, die Wachtel zu vertilgen. Mit einer kleinen Zange zerteilt sie die Knochen in kleine Stücke. Der Vogel zieht Proteine aus dem Fleisch, wichtige Spurenelemente und Fett aus Knochen und Haut. Mit einem Finger puhlt die Falknerin das Herz der Wachtel hervor, „das hat viele Vitamine", und hält es vor den Schnabel. Zimperlich darf man als Falkner nicht sein. „Ich bin Jägerin, das ist alles Natur."

Sechs Jahre Katar waren genug, dann zog es die junge Frau zurück nach Europa. Mallorca war für die Deutsche schon lange wie eine zweite Heimat, da ihre Eltern in Santa Ponça ein Haus haben. Kontakte zur hiesigen Falknerszene hatte sie während eines Mallorca-Besuchs geknüpft, José Salom besuchte Laura Wrede sogar in Katar, um die dortige Falknerei kennenzulernen. Und so entschlossen, wie sich die junge Falknerin in Katar ihren Platz erkämpfte, so zielstrebig geht sie jetzt in Mallorca vor. Sie ist erst wenige Monate auf der Insel, trainiert aber schon mit den Falknern auf dem mallorquinischen Flughafengelände. Laura Wrede spricht fließend Spanisch. Mit Pep, wie sie José Salom nennt, scherzt sie vertraut.

Im Funkkontakt zum Tower
Während Catalina die Wachtel verspeist und so Gramm um Gramm zulegt, erzählt Salom, dass er seit über 20 Jahren Falken züchtet und seit einem Jahr am Flughafen arbeitet. Drei bis vier Falkner sind jeden Tag bei Tageslicht rund um die Rollfelder unterwegs. Bis zu 20 Falken, Habichte und Adler sind im Einsatz, immer auf der Suche nach Kleintieren oder Vögeln, die startenden oder landenden Flugzeugen in die Quere kommen könnten. Entdecken die Falkner mit ihren geschulten Augen einen Vogel, teilen sie das per Funk dem Tower mit. Um sich gegebenenfalls der Rollbahn zu nähern, brauchen sie die Erlaubnis der Fluglotsen. Der Tower benachrichtigt dann die Piloten: „Andere Landebahn nutzen oder Geschwindigkeit drosseln." Währenddessen schickt Salom oder ein anderer Falkner seinen Falken auf die Jagd. „Das Ziel ist, dass erst gar keine Vögel im Luftraum am Flughafen umherfliegen. Dazu ist eine ständige Kontrolle nötig. Die Vögel wissen irgendwann: Achtung, da ist Gefahr, ich meide diesen Raum", sagt José Salom.

Der Rucksack fliegt immer mit
Catalina vertilgt die letzten Eingeweidebrocken. Sie sitzt ruhig und entspannt auf Laura Wredes Faust. An die Kamera, mit der sie fotografiert wird, hat sie sich gewöhnt. „Das ist gut", sagt Laura Wrede. Der Falke soll lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht von neuen Dingen ablenken zu lassen. In den nächsten Tagen wird seine Leine beim Trainingsflug Stück für Stück verlängert. Irgendwann wird Catalina frei fliegen. Was nicht heißt vogelfrei: Ein hauchdünner Rucksack bleibt dann auf ihrem Federkleid befestigt, darin ein GPS-Gerät, um sie orten zu können, sollte sie sich doch einmal verirren.

Die Weite der Wüste gibt es auf Mallorca nicht. „Dafür habe ich hier solche Wolken und diese Berge", sagt Laura Wrede und zeigt auf die weißen Quellwolken und die dahinter liegende Tramuntana. „In Katar war es Sonne, Wüste, Sonne." Wie lange die Deutsche auf der Insel bleiben wird – sie betreut von hier aus einige kleinere Projekte – vermag sie nicht zu sagen. Mindestens aber so lange, bis Catalina richtig flügge geworden ist und mit Peps Falken den Flughafen bewachen kann.

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