Die Plastikjägerinnen vor der Küste von Mallorca

Ein Forscherteam von der Insel untersucht die Folgen von kleinsten Kunststoff-Partikeln in Fischen

02.12.2016 | 12:15

Die Gelbstriemenbrasse vor ­Mallorcas Küsten trägt etwas in ihrem Bauch, was dort nicht hingehört und schwer verdaulich ist. Es sind Mikroplastikstücke – dazu zählt alles unter 5 mm –, die der Fisch durch die Nahrung aufgenommen hat. Eine Bedrohung, die wie ein Bumerang zum Menschen zurückkommt, denn am Ende der Nahrungskette und dem Wasserkreislauf landen diese Teilchen und die in ihnen enthaltenen Schadstoffe wieder bei uns auf dem Tisch.

Ein Forscherteam um die mallorquinische Biologin Salud Deudero am Ozeanografischen Zentrum in Palma (COB) untersucht die kleinsten Kunststoffteilchen im Meer. Die Wissenschaftler entnehmen Sedimentproben vom Meeresgrund vor Cabrera und Andratx. Zusätzlich filtern sie das Meerwasser mit feinsten Nylonnetzen dicht unter der Wasseroberfläche. Das gewonnene Material landet unter dem Mikroskop. Beschaffenheit der Mikroteilchen, Fasertypen bis hin zu atomarer Struktur, all das werten die Forscher aus. Auch die Gelbstriemenbrasse schnitten sie auf. In jedem zweiten Fisch fanden sie kleinste Kunststoffrückstände.

„Ich möchte keine Panik verbreiten", sagt Deudero, die auch das COB leitet. Aber die Ergebnisse seien deutlich. Im Sand und rund um das Neptungras vor Cabrera fanden die Forscher viele dieser kleinsten Kunststofffragmente. Das Cabrera-Archipel ist Nationalpark und weitgehend unbewohnt, das Wasser müsste eigentlich „sauber" sein. Dass sich dort viele Mikropartikel fänden, zeige, wie stark die Verschmutzung bereits fortgeschritten sei, so Deudero. Wie sich die Mikroteilchen letztendlich beim Konsum auf den Menschen ­auswirkten, könne noch nicht gesagt werden.

Mikrofasern und Polymere, die Hauptbestandteile zur Herstellung von Kunststoff, sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Beim Waschgang eines Polyesterpullovers können zum Beispiel bis zu 1.000 kleinste Fasern ins Abwasser gelangen. Fasern, die für die Filter der Kläranlagen zu klein sind und direkt ins Meer gelangen. Aber auch Abriebe größerer Plastikstücke durch ­Wellen oder Wind sickern in die Tiefe oder schweben wie ein Film oben auf der Wasseroberfläche. „Die Moleküle sind im ´Organismus Meer´ neu. Vor 50 Jahren gab es diese Art von Substanzen noch gar nicht", sagt Deudero. Ihr mache es Sorgen, dass niemand wisse, was die Auswirkungen dieser Stoffe in der Natur sein könnten.

Die Gelbstriemenbrasse ernährt sich von Plankton und kleinsten Krebsen in bis zu 350 Metern Tiefe. Nachts schwimmt der Fisch an die Wasseroberfläche. Mikroplastikstücke schwimmen oft oben oder setzen sich in die Tiefe ab und gelangen so in die Nahrungskette der Brasse. Die Fische können an den Teilchen ersticken, die kleinsten Plastikstücke können, je nach chemischer Zusammensetzung, auch wie ein Magnet wirken. Schluckt der Fisch zum Beispiel viel „verseuchtes" Plankton, kann es ihn beim Schwimmen aus dem Gleichgewicht bringen. Viele dieser kleinsten Partikel dringen direkt über die Poren in die Meerestiere ein, wo sie langfristig das Erbgut verändern können.

Salud Deudero zeigt auf eine Karte des Mittelmeerraums. Die Küste Nordafrikas ist rot gepunktet. Rot bedeutet: kein effektives Abwassersystem. „Das Mittelmeer ist wie eine Badewanne ohne Stöpsel. Es fließt nichts ab. Deshalb ist es besonders anfällig für Verschmutzung." Meere seien dynamisch. Gezeiten, Strömungen, Winde, all das wirbelt die Partikel durcheinander. Woher genau die Mikroteilchen kommen, das gilt es herauszufinden. Flüsse, Kläranlagen, beliebte Bootsankerplätze und bebautes Gebiet – all diese Faktoren berücksichtigen die Forscher.
„Reinigungsaktionen helfen nur dann, wenn wir genau wissen, wo welche Form von Kunststoffpartikel schwimmt", sagt Deudero.

Das Plastikmüllproblem ließe sich nur gemeinsam lösen, so ­Salud Deudero. Mit Industrie, ­Konsumenten, Politik und Umweltverbänden. „Ich bin Optimistin. Wir haben die Technik, wir sind am Thema dran."

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