Was es mit der Mallorca-Amphore auf sich hat

Die sogenannte Gerrete stand früher in vielen mallorquinischen Haushalten. Nun soll das Schmuckstück aus Felanitx in einer Ausstellung zu Ehren kommen

02.12.2016 | 12:18

Die üppigen Verzierungen aus stilisierten Blüten, Muscheln und Vögeln, die große Teile der Oberfläche bedecken, geben der Amphore aus Felanitx etwas Rokokohaftes. Solch eine gerrete war früher in jedem Haushalt auf Mallorca zu finden, der perforierte Krug mit zwei seitlichen Henkeln hatte keinerlei Funktion, außer das Auge des Betrachters zu erfreuen. „In Andalusien gibt´s die azulejos, bei uns schmückten die Bewohner ihre Eingangshalle oder den Patio mit einer großen Pflanze und einer Amphore aus Ton", erzählt Xisco Duarte (29). Der Künstler und Stadtrat für Kultur plant für 2017 eine Ausstellung mit Veranstaltungen rund um die gerretes, damit Felanitx´ Kulturgut nicht in Vergessenheit gerät (Infos: Casa de Cultura Felanitx, Tel.: 971–58 22 74).

Schon Erzherzog Ludwig Salvator zeigt sich in seiner Balearen-Enzyklopädie begeistert über die besonders reich verzierten Amphoren aus Felanitx. Heute stehen rund 40 Exemplare im Museo de Mallorca in Palma, auch die britische Königsfamilie und der Vatikan besitzen eine der Amphoren. Die ältesten Fundstücke gehen auf Ende des 16. Jahrhunderts zurück, man fand sie bei Ausgrabungen im Garten des Klosters Santa Catalina de Sena in Palma. Die meisten Stücke, die sich im Familienbesitz befinden (früher wurden gerretes gerne zur Hochzeit verschenkt), stammen aus den vergangenen 150 Jahren und wurden von der Handwerkerfamilie Capó in Felanitx gefertigt. Doch seitdem Keramikmeister Andrés Capó in den 80er-Jahren starb, wird das traditionelle Deko-Objekt nicht mehr hergestellt.
„Das Besondere der Felanitx-Amphore ist neben den Verzierungen ihr spezieller, feiner Ton von gelb-brauner Farbe", erklärt Xisco Duarte, der neben dem Kunststudium auch einen Master in zeitgenössischer Keramik absolvierte. Er erkennt sofort, ob eine Amphore aus Felanitx stammt oder anderswo auf der Insel gefertigt wurde, etwa in Marratxí, wo der Ton einen rosa Stich hat.

Die fünf Amphoren, die im Haus der Kultur in Felanitx ausgestellt sind – Xisco Duarte ist dort Direktor –, stammen aus seinem Dorf. Die größte Amphore ist ein ungewöhnliches Exemplar, denn durch das lückenhafte Muster erkennt man, dass sich in seinem Bauch noch eine zweite Amphore befindet. „Je größer und schwerer der Tonkrug ausfällt, desto wertvoller ist er", erklärt Xisco Duarte. Zudem kann man an der Art der Dekoration erkennen, ob es sich um ein frühes oder späteres Exemplar handelt: Die ältesten gerretes, die besonders bauchig ausfallen, zieren einfache und von Hand geformte Motive, jedes individuell angefertigt. Später benutzten die Keramiker Gussformen sowohl für die Amphore als auch für die Verzierungen. Die Motive wie Vögel, Muscheln, Blüten und Zapfen wirken realistischer und wiederholen sich öfter.

Zurzeit sammelt Xisco Duarte Informationen und Fotos von gerretes, die er zu einem Buch zusammenstellen möchte. In den Insel-Zeitungen hat er Besitzer von Felanitx-Amphoren bereits dazu aufgerufen, sich bei ihm zu melden, „denn einige möchten ihre gerrete vielleicht für die Ausstellung verleihen", hofft der Stadtrat, dem der Kulturtourismus am Herzen liegt. Er will auch Keramikkünstler aus und um Felanitx dazu animieren, die typische Amphore neu zu interpretieren, auf seiner Wunschliste stehen beispielsweise Miquel Barceló, Pere Bennàssar und die dänische Kunsthandwerkerin Lin Utzon. Ihre Werke sollen dann ebenfalls gezeigt werden. „Vielleicht greift jemand die Idee auf und stellt die typischen gerretes wieder her. Dann hätten wir ein tolles Souvenir aus Felanitx", findet Xisco Duarte. Schon George Sand sah in den gerretes aus Felanitx ein ungewöhnliches Souvenir, das man nach ganz Europa exportieren sollte, wie sie in ihrem Mallorca-Roman schrieb.

Zu spät ist es dafür nicht, denn die original Gussformen von Meister Capó existieren noch. Sein Enkel Andrés Bennàssar Capó bewahrt sie in einem Wandschrank zusammen mit der Amphoren-Sammlung seines Groß- und sogar Urgroßvaters auf (jedes Exemplar ist unter dem Boden firmiert). „Als ich klein war, wollte mein Großvater mir die Töpferkunst beibringen", erinnert sich Andrés Bennàssar Capó, „doch ich spielte lieber Fußball." Wenn er von solch einem Spiel zurückkam, war der Ton meist schon zu trocken zum Verarbeiten und sein Großvater befand, dass der Junge sich fürs Töpfern nicht eigne. „Für das alte Handwerk ist die neue Generation gefragt", findet Xisco Duarte. „Wer weiß, vielleicht gehen die Amphoren nach der Ausstellung ja wieder in Produktion."

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