Gitarrenbauer Morales: "Kreativität braucht ein Maß an Einsamkeit"

Der Meister aus dem Viertel Pere Garau liebt die Erforschung des Klangs. Sein bekanntester Kunde war Paco de Lucía

27.12.2016 | 08:30
In der Werkstatt von Gitarrenbauer Antonio Morales

In der Werkstatt in Pere Garau, einem Stadtviertel in Palma, liegt der süßliche Geruch von Holz in der Luft. Hier, fast schon versteckt hinter einem weißen Eisengitter, liegt das Reich von Antonio Morales. Der 60-Jährige mit den langen Haaren und dem weißen Bart ist einer der wichtigsten
Gitarrenbauer Mallorcas. Bei ihm wird alles noch per Hand gefertigt, teilweise mit Werkzeug, das über ein halbes Jahrhundert alt ist. In den Regalen lagert das Holz, manches ist schon in Form geschnitten.

Hier in der Werkstatt ist auch eine Gitarre entstanden, die gerade der Protagonist einer Dokumentation ist, die zurzeit auf Festivals auf der ganzen Welt gezeigt wird: „La Maestro" heißt sie, die letzte Gitarre, die Morales für seinen Freund Paco de Lucía entworfen hat. Es ist die dritte oder vierte, die er für den 2014 verstorbenen weltberühmten Flamenco-Gitarristen gebaut hat, so genau weiß oder will Morales das nicht sagen.

In dem Film „La guitarra vuela" reist die Gitarre durch Spanien, die USA und mehrere lateinamerikanische Länder und wird dort von berühmten Musikern gespielt, unter anderem vom Brasilia­ner Carlinhos Brown, dem Kubaner Alain Pérez und dem Spanier Alejandro Sanz. Der Popsänger aus Madrid hatte ein besonders enges Verhältnis zu Paco de Lucía und durfte das Original behalten.

Der Beruf des Gitarrenbauers sei einsam, sagt Morales. „Aber das ist gut so. Ich glaube, Kreativität braucht ein gewisses Maß an Einsamkeit." Zudem gebe es immer wieder Abwechslung, wenn Gitarristen die Werkstatt besuchten und anfingen zu spielen. „Natürlich ist es sehr erfreulich, mit so talentierten Musikern Zeit zu verbringen."

Am Anfang stand die Liebe zum Holz. „Ich wusste schon als kleiner Junge, dass ich damit arbeiten wollte. Auf meiner Wunschliste für die Heiligen Drei Könige stand immer Werkzeug." Und auch die Gitarre habe ihn schon immer begeistert, dabei sei er selbst kein großer Musiker. Nach der Schule gründete er aber zunächst eine Kunstschreinerei.

Gelernt hat Morales, der mit 15 Jahren nach Mallorca kam, beim US-Amerikaner George Bowden, der seine Gitarren in der gleichen Werkstatt baute. „Ich habe ihn eines Tages mit einem Freund besucht. Er wollte Bowden eine alte mallorquinische Gitarre aus dem 19. Jahrhundert verkaufen. Ich fragte, ob ich sein Schüler werden könnte. Er sagte, er würde sich melden. Zwei Jahre später rief er tatsächlich an." Morales war 33, als er bei Bowden anfing.

Eigentlich, sagt Morales jetzt, habe er sich nur selbst eine Gitarre bauen wollen. Bowden aber vermittelte ihm die Leidenschaft für die einzelnen Schritte der ­Konstruktion. Das fixte ihn an. „Es gibt Gitarrenbauer, die sagen: Das wichtigste ist, dass ein berühmter Gitarrist deine Gitarre spielt. Mich aber interessiert viel mehr die Forschung, die Mathematik einer Gitarre. Wie kann ich ihren Klang verändern? Eine Gitarre hat ihr eigenes Innenleben, ihre eigene Magie." Hätte Bowden ihm diese Neugier nicht vermittelt, würde er schon lange nicht mehr Gitarren bauen.

„Der Unterschied zwischen einer sehr guten und einer herausragenden Gitarre ist minimal. Und jeder spielt und hört sie anders. Ich habe häufig mehrere Stunden mit Gitarristen verbracht, um ein Schnarren in ihrem Instrument zu beseitigen, das nur sie selbst gehört haben." Morales kann sich mit dieser intensiven Art von Besessenheit durchaus identifizieren. „Ich bin ja genauso, wenn nicht noch schlimmer."

Sein Ruf reicht weit über die Küsten der Insel hinaus. Er hat viele Kunden im Ausland, vor allem in Deutschland und Schweden. Wer sie sind, das will er nicht sagen. „Wenn man ein paar nennt, dann fühlen sich andere ­vernachlässigt. Und alle kann man nicht nennen."

So bleibt vor allem die Assoziation Paco de Lucía. Morales versucht die Mythen, die um eine Gitarre entstehen, die „La Maestro"
heißt und für einen der größten Gitarristen der Geschichte gebaut wurde, im Keim zu ersticken.
„Paco und ich hatten nie die Absicht, einen neuen Standard zu setzen oder die beste Gitarre der Welt zu bauen. Es ging darum, für ihn ein Instrument nach seinen Vorstellungen zu entwerfen. Es war nicht mal eine Auftragsarbeit, sondern hat sich natürlich über die
Freundschaft und über die Jahre entwickelt."

Aber die Vorstellungen, die Paco de Lucía hatte, waren natürlich anspruchsvoll. So wollte er etwa, dass der Abstand zwischen Steg und Sattel 67 statt 65 Zentimeter beträgt. Auch bat er um die Umkehrung der üblichen Höhenanordnung der Seiten am Steg (die tiefe E-Seite liegt etwas höher als die hohen Saiten), ohne dass sich dies auf das Spielgefühl am Griffbrett auswirkt. „Manchmal ging es auch um das Gefühl, dass eine Saite hat, wenn man sie anschlägt. Wenn ich ihm sagte, ich wisse nicht, was er meinte, sagte er: Dir fällt schon etwas ein. Und dann gab er mir eine seiner Gitarren mit, damit ich das selbst herausfinde."

Früher, sagt Morales, habe es große Unterschiede zwischen der klassischen und der Flamenco-Gitarre gegeben. „Der Korpus bei der Flamenco-Gitarre war schmaler, die Saiten lagen näher am Griffbrett." Es seien Musiker wie Paco de Lucía gewesen, der für seine präzise Spielweise in dem von der Anschlagtechnik Rasgueado dominierten Flamenco bekannt war, die dafür gesorgt hätten, dass die Grenzen verschwommen sind. Ohnehin sei der Flamenco in einem steten Wandel.

Dass auch die Gitarre sich wandeln kann, zeigt das Projekt Home Study, an dem Morales seit einiger Zeit arbeitet: eine Gitarre, die ein mehrspuriges Aufnahmegerät integriert hat und das in Zusammenarbeit mit einer Firma vom Festland entstanden ist. Die Gitarre verfügt unter anderem über ein hochsensibles Mikrofon und einen in den Korpus eingebauten Lautsprecher. „Das ist vor allem hilfreich, wenn man beim Spielen spontan Ideen aufnehmen will. So kann man sich direkt an der Gitarre ein kleines Demoband aufnehmen. Das spart teure Zeit im Studio", erklärt Morales mit leuchtenden Augen das Projekt.

Sieht er sich als Künstler? Morales überlegt einen Moment. Dann sagt er Ja. „Es ist eine Mischung aus Kunsthandwerk und Kunst. Es sind verschiedene Schritte, von der Auswahl des Holzes über die Bearbeitung und nicht zuletzt die Psychologie, die dahintersteckt, einen Musiker zu verstehen."

Ende des Jahres bekommt Morales die Goldmedaille der Stadt Palma für seine Verdienste verliehen. Es ist bereits die zweite große Ehre 2016. „Ich durfte in diesem Jahr bei den Dorffesten in meinem Geburtsdorf Monesterio in
Extremadura den pregón halten, die Festrede. Das gilt dort als große Auszeichnung. Es ist sehr schön für mich, von meiner Heimat und von der Stadt, die mich aufgenommen hat, anerkannt zu werden."

Noch hat er keinen Schüler aufgenommen, wie sein Meister Bowden, mit dem er bis zu seinem Tod zusammenarbeitete. Sein Sohn habe ein wenig bei ihm gelernt. Es gebe viele Anfragen aus ganz Europa für Kurse in der Kunst des Gitarrenbaus. „Noch ist nicht der Moment gekommen, aber irgendwann werden wir das sicher machen."

Dann möchte er auch die Werkstatt ein wenig umgestalten. Die ganzen Instrumente, die herumstehen, sollen in neue Vitrinen kommen. „Ich möchte eine kleines Werkstatt-Museum errichten."

Zu der Zeit, als Morales mit seinem Freund bei Bowden vorbeischaute, war er übrigens längst nicht der Einzige. „Später habe ich von seiner Frau erfahren, dass Bowden am Abend zu ihr gesagt hat: ´Heute kam wieder einer vorbei, der Gitarren bauen will. Der war aber anders als die anderen.´" Sein Freund wurde die kleine Gitarre aus dem 19. Jahrhundert damals los. Morales hat sie wie den Rest der Werkstatt geerbt. „Die verkaufe ich für kein Geld der Welt." Er hebt sie in einer Vitrine auf, zusammen mit einem anderen alten Instrument. „Irgendwann, wenn ich Zeit habe, werde ich sie restaurieren."

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