Wenn die Wachtürme auf Mallorca Rauchzeichen senden

Am Samstag (7.1.) geben 24 sogenannte talaias rund um die Insel erstmals seit vielen Jahren wieder Signale von sich. Es geht um Denkmalschutz, Mathematik – und Menschlichkeit

06.01.2017 | 09:21
Wenn die Wachtürme auf Mallorca Rauchzeichen senden

Es gibt im Mallorquinischen eine Redewendung, die heißt: Ara que no hi ha moros a la costa (Jetzt, wo keine Mauren vor der Küste liegen). Gemeint ist eine Situation, in der die Luft rein ist, also keiner mithört oder zusieht.

Der stehende Begriff ist übrigens an Spaniens gesamter Mittelmeerküste verbreitet. Er verweist auf Zustände, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert den Alltag der Inselbewohner und den der Festland­spanier in Küstennähe prägten: die häufige Belagerung durch muslimische Piraten aus der Türkei oder Nordafrika.

Besonders die sogenannten­ Berberisken-Korsaren aus den heutigen Ländern Algerien, Tunesien und Marokko kamen, um Geld und Güter zu stehlen und Menschen zu entführen und zu versklaven. Eine grauenhafte Vorstellung.

Von dieser Zeit zeugen alte Redewendungen sowie auch die identitätsstiftenden „Moros y Cristianos"-Dorffeste, bei denen der Konflikt nachgespielt wird. Und davon zeugen bis heute 53 noch erhaltene Wachtürme rund um die Insel. Sie erzählen von einer Gefahr, der Mallorquiner jahrhundertelang ausgesetzt waren.

Dem Verfall preisgegeben
Leider hört ihnen heutzutage kaum mehr jemand zu. Das soll sich am 7. Januar ändern. Dann werden diese Wachtürme reihum nacheinander Signale senden: Eine Kette aus Rauch und Licht wird sich dann um Mallorca legen. „Wir wollen auf den teils schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen", sagt Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter. „Sie müssen erhalten bleiben, denn sie sind Teil unseres historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbes." Viele Türme sind heute Ruinen, nicht alle stehen auf öffentlichem Grund und sind zugänglich.

Der Inselrat will das ändern. Von einst etwa 60 Türmen sind 26 noch so gut erhalten, dass sich eine Res­tauration lohnt. Privateigen­tümer oder Rathäuser werden beim Erhalt finanziell und technisch unterstützt. Zudem sollen alle Türme denkmalgeschützt­ werden. Das bringt den Besitzern Steuervorteile, nimmt sie aber auch in die Verantwortung, Besuchern den Zugang zu ermöglichen.

Das findet Pep Lluís Pol natürlich gut. Er ist Mathematiklehrer an der Oberschule von Marratxí und Mitglied des Balearischen Mathematikergesellschaft (XEIX). Das Projekt ist beste angewandte Mathematik. Es liegt schon lange in der Schublade, aber jetzt konnten die Mathematiker es nicht weiter aufheben.

Joan Binimelis zu Ehren
Der Grund ist ein Jubiläum. 2016 jährte sich zum 400. Mal der Tod des Priesters und Universalgelehrten Joan Binimelis (1538–1616). Als echter Sohn seiner Zeit, der Renaissance, hat der Mann aus Manacor Ende des 16. Jahrhunderts die erste Mallorca-Chronik verfasst („Història nova de l´illa de Mallorca"). Und auf den Denker und Aufklärer geht der Bau der meisten talaies zurück, wie die Wachtürme auf Katalanisch genannt werden.

Binimelis errechnete die Distanzen, in denen Türme zueinander stehen müssen, um untereinander Sichtkontakt zu ermöglichen. Und er entwickelte eine Art Geheimsprache der Fackeln. „Binimelis war unser erster Wissenschaftler", sagt Pep Lluís Pol. Und er war ein Menschenfreund: Das ewige Gemetzel und die ewige Angst sollten ein Ende haben.

Das System funktioniert bis heute, wie die Mathematiker bewiesen haben. Bei einem Probe­lauf am 10. Dezember bemaßen sie bei wolkenfreiem Himmel die Sichtbarkeit der Signale. Am besten schnitten dabei mit über 20 Kilometern die Türme in Ses Salines, Cala Figuera, Banyal­bufar und Pollença auf dem Castell del Rei ab. Zum Vergleich: Das Signal des modernen Leuchtturms bei der Torre d´en Beu bei Cala Figuera ist etwa zehn Seemeilen (18,5 Kilometer) weit zu sehen.

Früher galt es, das Signal möglichst schnell zum Almudaina-Palast in Palma weiterzugeben: Dort lebte der König oder sein Statthalter, dort war Mallorcas Macht- und Schaltzentrale. Die damaligen Turmwächter wurden von ihren Landsleuten übrigens nicht unbedingt beneidet. Denn ihnen drohte nicht nur Gefahr, sondern gleichzeitig auch Langeweile. Im 18. Jahrhundert wurde in den „Ordenanses de les torres de foch" (Regeln der Feuertürme) festgehalten, dass es den torrers strengstens verboten war, ihren Arbeitsplatz zu verlassen.

An all das erinnern am 7. Januar die Signale in 24 Türmen. Freiwillige werden sich dort bereithalten. Sobald sie die Signale eines der benachbarten Türme sehen, zünden sie mittags ab 13 Uhr orangefarbene Rauchsignale und in der Dämmerung ab 18 Uhr Lichtfackeln, so wie sie normalerweise bei Seenot benutzt werden.

Den Anfang macht um 13 Uhr sowie um 18 Uhr der Turm auf der Insel Dragonera (vor Sant Elm). Er markiert den südwestlichsten Punkt Mallorcas, wurde 1585 erbaut, 2004 restauriert und steht unter Denkmalschutz. Man kann ihn bei einer Wanderung auf der Dracheninsel bewundern, wie er da 60 Meter über dem Meer thront und fernhin sichtbar ist.

In beide Richtungen
Wer die Lichtgeschwindigkeit live erleben will, kann sich an einem der Türme bereithalten, die links aufgezählt sind. Die Signale werden von Dragonera aus in beide Richtungen weitergegeben. Pep Lluís Pol schätzt, dass es an die 25 Minuten dauern wird, bis die Insel umrundet ist und auf der Dracheninsel wieder Rauch- und Licht­signale zu erspähen sind.

Die Veranstalter wollen die Aktion auf Video festhalten: Die Signale sollen nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch ein Zeichen für die Zukunft setzen. Symbolisch ginge es am 7. Januar auch darum, all jenen den Weg zu weisen, die übers Mittelmeer vor Krieg und Gewalt fliehen müssen, so Pep Lluís Pol, der von einem „Akt der Gastfreundschaft" spricht. Der Wissenschaftler und seine Mitstreiter setzen sich wie Joan Binimelis vor 400 Jahren nicht zuletzt für Menschlichkeit ein.

An folgenden, frei zugänglichen Türmen kann man die Rauch- und Lichterkette miterleben:
Torre de na Pòpia (Dragonera, Andratx)
Torre des Verger / de Ses Ànimes (Banyalbufar)
Torre Picada (Port de Sóller)
Torre de na Seca (Sóller)
Torre de Can Palou (Escorca)
Castell del Rei (Pollença)
Torre d´Albercuix (Pollença)
Talaia d´Alcúdia (Alcúdia)
Talaia Moreia (Artà)
Torre d´Aubarca (Artà)
Talaia de Son Jaumell (Capdepera)
Talaia Vella del Cap Vermell (Capdepera)
Castell de la Punta de n´Amer (Capdepera)
Torre del Serral dels Falcons (Manacor)
Torre de Portocolom (Felanitx)
Fortalesa de Portopetro (Felanitx)
Torre d´en Beu (Santanyí)
Guarda Secreta de na Gosta (Ses Salines)
Torre de S´Estalella (Llucmajor)
Torre des Cap Blanc (Llucmajor)
Torre de Cala Figuera (Calvià)
Guarda Secreta de Cala Figuera (Calvià)
Torre de Rafaubetx (Calvià)
Torre des Cap Andritxol (Calvià)

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