Tante-Emma-Laden in Costitx: Krämer geht heutzutage so

Wie ein Einzelhändler wider Willen und Hobbyautor in Costitx das mallorquinischen Dorfgeschäft neu erfindet und dabei auch die Ausländer im Auge behält

27.01.2017 | 10:29

Ob man es glaubt oder nicht, ist der Tabak trotz Steuern, Verboten und Kampagnen immer noch grundlegend für den Umsatz. „Sonst würde ich längst keinen mehr verkaufen", sagt Miquel Horrach. Der 37-Jährige leitet den kleinen Laden „Sa Botiga Nova" in seinem Heimatdorf Costitx.

Von außen sieht er unscheinbar aus. Ein Zeitschriftenständer lehnt an der Hauswand. Doch drinnen eröffnet eine ebenso vielfältige wie sorgsam kuratierte Fundgrube. Es ist ein Tante-Emma-Laden im klassischen Sinne, so wie es sie heute kaum noch gibt. Horrach hat ihn vor zwei Jahren nach der Pensionierung seiner Mutter geerbt und das Konzept radikal umgekrempelt. „Als meine Mutter den Laden führte, gab es vor allem Tabak, Drogerie-Artikel und den vereinzelten Geschenkartikel. So war der Laden nicht mehr rentabel."

Horrach erweiterte die Öffnungszeiten und das Angebot. Eröffnet hat das Geschäft der Großvater, Rafael Nicolau, im Jahr 1948. Damals war es ein Gemischtwarenladen. In gewisser Weise ist der Enkel wieder zum ursprünglichen Konzept zurückgekehrt. Nur dass er großen Wert auf mallorquinitat legt, eine Art Lokalpatriotismus. Horrach verkauft ausgewählte lokale Produkte. Das bedeutet durchaus einen gesteigerten Arbeitsaufwand. „Wir haben über 60 verschiedene Zulieferer", sagt der Krämer.

Die Sobrassada, die mitten im Raum von einer Stange hängt kommt von der Öko-Finca Can Caló in Ruperts. Von dort gibt es auch Konfitüren, und, bei Vorbestellung, wöchentlich eine Bio-Gemüsekiste. Den Wein von Ca´n Novell aus Binissalem kann man sich selbst aus dem Fass zapfen. Es gibt Schmuck von der Designerin Núria Capdevila aus Costitx – stilvoll im alten Nudelschrank ausgestellt. Und T-Shirts von der Firma Melicotó, die etwa für ihre humorigen „Uep"-Motive bekannt ist. Bekannte regionale Marken wie Quely-Kekse oder Ànima-Negra-Weine gibt es
natürlich auch.

Wenn es etwas nicht aus Mallorca gibt, wie etwa Tofu, dann kommt dieses Produkt eben aus Katalonien. Tofu – das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Miquel Horrach die Bedürfnisse der Ausländer kennt. Denn die sind ein wichtiger Bestandteil seiner Kundschaft, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Betonung des Mallorquinischen. „Ich merke, dass es bei ihnen ein großes Interesse gibt, unsere Kultur kennenzulernen." Den Ausländern wegen hat Horrach auch fremdsprachige Presse im Angebot. „Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich sah, dass er jetzt auch den ´Spiegel´ führt", sagt ein Costitxer Resident, der die MZ auf Horrach aufmerksam machte.

Die Mallorquiner kämen hingegen eher aus Gewohnheit in den Laden, sagt Horrach. Die hohen Preise etwa für die Bio-Sobrassada schreckten einige der einheimischen Kunden ab. Aber da sind ja auch noch die Drogerie-Artikel, die Horrach weiterhin führt, um die Stammkunden seiner Mutter nicht zu verlieren. „Der Laden erfüllt weiterhin eine soziale Funktion. Ich kriege unheimlich viel mit, was im Dorf los ist. Nur laut Stellung kann ich zu manchen Themen nicht beziehen."

Horrach ist ein ruhiger Mann, der mit leiser Stimme spricht. Aus seinen Worten spricht die typische mallorquinische Bescheidenheit, aber seine Augen verraten, dass er stolz ist auf das, was er hier aufgebaut hat. Dass der gelernte Krankenpfleger mal den Laden übernehmen würde, war alles andere als klar. „Eigentlich wollte ich das nicht machen." Mehrere Jahre hatte er zuvor in einer Tagesstätte für Senioren gearbeitet.

Auch sonst sind seine Interessen weitgefächert. Er und seine Frau Eva Maria Guasp sind auch eine Art Insel-Chronisten. Horrach hat vor 15 Jahren ein Buch geschrieben, in dem er kleine Reime und Sprüche gesammelt hat, an die sich die Alten in Costitx noch erinnerten. Auf einem Esel machten die beiden eine Tour über die Dörfer, um das Buch zu verkaufen. Dabei sammelten sie weitere Sprüche, die in einem zweiten Band veröffentlicht worden. Eva Maria Guasp hat zudem ein Buch zu den malnoms, den Familienspitznamen, in ihrem Heimatdorf Consell geschrieben.

Die Bücher sind im Laden erhältlich, ebenso wie das aktuellste Werk, eine Sammlung von Aphorismen und Sinnsprüchen, die seit der Übernahme des Ladens täglich von Horrach an eine Tafel geschrieben werden. Da steht auch ein alter mallorquinischer und spanischer Spruch: „Lo barato surt car" – das Billige kommt teuer.

Sa Botiga Nova, Carrer de la Pau, 4, Costitx, Mo.–Sa. 8.30–13.30, 16–20 Uhr, So. 8.30–13.30 Uhr. www.facebook.com/sabotiganovacostitx

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