Im Arbeitslager von Franco: Straßenbau bei Schneckenkost

Zeitzeuge: Gabriel Riera (98) war Zwangsarbeiter unter dem Diktator

21.02.2017 | 20:01
Trotz hohen Alters putzmunter: Gabriel Riera mit seinem Buch über die Jahre in den Arbeitslagern.

Ein Dutzend Arbeitslager auf der Insel

  • Zu Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) gab es auf Mallorca fast ein Dutzend Arbeitslager, in ganz Spanien schätzt man ihre Zahl auf knapp 200.
  • Interniert wurden dort jene Anhänger der Republik und politisch Andersdenkende – aber auch etwa Homosexuelle –, die den Erschießungen entkommen waren. Rund 3.000 Menschen, so die Schätzungen der Historiker, wurden so auf Mallorca festgehalten.
  • Das erste dieser Lager – gleichzeitig das erste seiner Art in Spanien – eröffnete bei den Thermalbädern Banys de Sant Joan de la Font Santa in der Nähe von Campos. Überwiegend mussten die Gefangenen Verbindungsstraßen zwischen Dörfern in Küstennähe und Hafenorten bauen. Bis 1938 wurden so etwa 70 Kilometer Straße von politischen Gefangenen erbaut.
  • Daneben setzte das Regime die Zwangsarbeiter auch ein beim Bau von Bunkern, Telefonmasten, Luftabwehrstützpunkten oder einer geplanten Eisenbahnlinie zwischen Sa Pobla und Alcúdia.

Nein, seine politischen Ideale habe er zu keiner Zeit aufgegeben, und er gedenke es auch jetzt, mit knapp 98 Jahren, nicht zu tun. Gabriel Riera, Jahrgang 1919, sitzt in der Eingangshalle des Altersheims Llar d´Ancians in der Straße General Riera im Norden von Palma und lacht. Das Lachen ist irgendwo zwischen verschmitztem Grinsen und altersmildem Lächeln angesiedelt. Er sei nun mal ein „Linker", auch wenn ihn das beinahe das Leben gekostet hat.

Gabriel Riera war zu Beginn des Franco-Regimes sechs Jahre lang Strafgefangener und durchlief ein halbes Dutzend Arbeitslager auf Mallorca, auf dem spanischen Festland und in Marokko. Dort schuftete er unter grausamen Bedingungen. Er hat ein Buch darüber geschrieben. Die „Crònica d´un presoner mallorquí als camps de concentració (1936–1942)" (Chronik eines mallorquinischen Gefangenen der Konzentrationslager) sei zwar schon lange vergriffen und werde wohl nicht mehr aufgelegt. „Aber der Verlag hat mir erzählt, er habe mit meinem Buch immerhin Geld verdient, während er mit den meisten anderen eher Miese gemacht hat."

Riera erinnert sich noch detailliert an jene Jahre, die er in den Arbeitslagern verbrachte. Nur bei den Jahreszahlen muss er manchmal genervt passen: „Meine Erinnerung setzt manchmal aus." Genau präsent hat er noch jenen Tag im Sommer 1936, an dem sein Vater, ein überzeugter Gewerkschafter, der im Metallbau aktiv war, von mehreren Falange-Mitgliedern im Haus der Familie in Ses Cadenes nahe Arenal abgeholt wurde. Gabriel, seine beiden Geschwister und seine Mutter blieben zurück, lange Zeit wussten sie nichts über den Verbleib des Vaters. „Später haben wir erfahren, dass er im Panzerkreuzer ´Jaume I´ im Hafen von Palma eingesperrt wurde." Das Gefängnis in Palma quoll bereits über, sodass Ausweichmöglichkeiten für Regimegegner gesucht werden mussten.

Wenige Monate später nahm die Falange auch Gabriel fest. Er war Mitglied in der sozialistischen Jugend auf der Insel und hatte sich gerade zu Fuß auf den Nachhauseweg von einer Finca nahe Llucmajor gemacht, wo er bei der Mandelernte half. Auf dem Weg war er zuvor bereits an mehreren erschossenen Republikanern vorbeigekommen. Sie lagen im Straßengraben, einer röchelte noch.

Riera wurde verhört und ins Gefängnis Can Mir (heute das Kino Augusta an den Avenidas in Palma) gebracht. Von dort ging es zunächst in ein Arbeitslager nahe Campos, bei den Thermalbädern Banys de Sant Joan de la Font Santa. „Dort mussten wir jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eine Landstraße nach Colònia de Sant Jordi und später die in Richtung Sa Ràpita bauen." 300 Mitgefangene waren damals dort im Einsatz, raus ging es im Hochsommer bei Hitze ebenso wie an feuchtkalten Wintertagen, zu essen gab es viel zu wenig – „Fraß", wie es Riera nennt.

Mit Spitzhacken und unter strenger Aufsicht säuberten die Gefangenen die Pisten und pflasterten sie mit Steinen, die sie in der Umgebung fanden. Meter um Meter kämpfte man sich mühsam voran. Als die Straßen fertig waren, ging es an anderer Stelle auf der Insel weiter. Etwa auf der Halbinsel Formentor, wo Riera und seine Mitgefangenen einen Weg hoch auf die Talaia d´Albercutx pflasterten, der später asphaltiert wurde. Ganz in der Nähe am Mirador Es Colomer tummeln sich heute die Urlauber und bewundern die Aussicht auf die Steilküste. „Wir hatten damals keinen Blick dafür, wir haben geschaut, wie wir überlebt haben."

Dabei sei es auf Mallorca ja noch gegangen. Als Riera später auf das spanische Festland verlegt wurde, schrammte er nur knapp am Tod vorbei. Am schlimmsten waren die Zustände in einem Lager nahe Córdoba in Andalusien. Der Lagerleiter hungerte die Gefangenen wortwörtlich aus. „Jeden Tage habe ich Tote gesehen, jeden Tag", sagt Riera. Er selbst hielt sich nur auf den Beinen, weil er den Ratschlag seiner Mutter, einer ausgebildeten Pharmazeutin, beherzigte, Schnecken zu essen. „Alle Schnecken, die ich fand, stopfte ich roh in mich hinein, sie haben mir das Leben gerettet."

Doch trotz der proteinhaltigen Zusatznahrung – viel fehlte nicht, und auch Riera hätte das Lager in Córdoba nicht überlebt. „Eines Tages ging es nicht mehr, ich wog gerade noch 40 Kilo, und der Krankenwagen musste mich abholen." Die Klinik war nicht über seine Ankunft informiert und verweigerte erst die Aufnahme, weshalb ihn der Fahrer wieder zurück ins Lager bringen wollte. Doch ein Arzt hielt ihn zurück. „´Den nimmst du nicht wieder mit´, sagte er zum Fahrer", erinnert sich Riera. Im Krankenhaus wurde er liebevoll von einer katalanischen Nonne gepflegt, die ihm auch das Essen anderer Patienten hinstellte, die zu schwach für die Nahrungsaufnahme waren.

Nachdem er später noch ins marokkanische Tetuán verlegt worden war, wo er mit seinen Mitgefangenen den Flughafen erweitern musste, wurde Riera 1942 freigelassen. Er hatte den Schrecken überstanden und wollte in Spanien ein neues Leben beginnen. Doch nachdem er nach drei Jahren Wehrdienst im Hafen von Palma einen Job als Mechaniker für die dort verkehrenden Loks bekam und dafür nur einen „armseligen Lohn" kassierte, beschloss er, mit seiner Schwester und zwei Freunden nach Algerien auszuwandern. Er flüchtete mit einem Fischerboot übers Mittelmeer und fand in Afrika eine neue Heimat, seine spätere Frau und Arbeit bei einem Unternehmen, das mehrere Stauseen baute. Endlich stimmte auch die Bezahlung.

Als in Algerien 1954 der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, kehrten Riera und seine Frau nach Palma zurück, wo sie in Son Cladera ein Haus kauften und darin eine Drogerie eröffneten. Als „Roter" hatte er so noch 19 Jahre unter Franco zu überstehen. „Ich habe mich aber nie wieder politisch engagiert", sagt Riera, der keine Kinder hat. Das Haus besitzt er noch heute. Jeden Nachmittag fährt er mit dem Bus hin, um seine zwei Katzen zu füttern. „Sie brauchen mich", sagt der „Linke".

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