Schuster, bleib noch lange bei deinen Leisten

Toni Reinés ist einer der letzten traditionellen Schuhmacher auf Mallorca. Ein Besuch in seiner Werkstatt in Sa Pobla

06.03.2017 | 02:30
Der Mann aus Sa Piobla schwórt auf jahrhundertealte Tradition

Man muss wissen, wo man ihn findet. Kein Schild ziert seinen Laden. Und betritt man die Werkstatt an der Carretera de Muro 17 in Sa Pobla, verschlägt es einem erst einmal den Atem. Inmitten wahllos aufeinandergestapelter Pappkartons und meterhoch aufgetürmter gefüllter Plastiktüten, inmitten eines beispiellosen Durcheinanders, geht Antoni Reinés Socies einem der letzten alten Handwerke der Insel nach. „Toni Alpargatas", wie sie ihn hier überall nennen, ist Schuhmacher alten Schlages.

Den Weg zu ihm muss man sich vorsichtig bahnen, da jeder Qua­dratzentimeter flächendeckend mit Materialien, Rohlingen und halbfertigen Schuhen bedeckt ist. Der Herrscher über dieses Chaos sitzt im Halbdunkel in der hintersten Ecke auf einem Holzschemel und fertigt sie von Hand: die berühmten alpargatas, auf Katalanisch espardenyes genannt, in Deutschland als Espadrilles bekannt.

Doch das Chaos scheint System zu haben. Abholer von in Auftrag gegebenen Schuhen brauchen meistens nicht allzu lange zu warten, bis Toni aus den Bergen von Tüten die gewünschten hervorholt. Allerdings kann es auch vorkommen, dass der Abholer mit den Worten „letzte Woche habe ich sie noch irgendwo gesehen, sie werden bestimmt wieder auftauchen" auf ein andermal vertröstet wird. Man kennt ihn und nimmt es gelassen.

Toni Alpargatas kommt aus dem beschaulichen Bergdörfchen Campanet im Norden der Insel. Nachdem der Sohn eines Schuhmachergehilfen als 15-Jähriger die Schule beendet hatte, lernte er sein Handwerk bei einem Schuhmacher im benachbarten Inca. Damals, Anfang der 70er-Jahre, gab es noch etwa 70 selbstständige Alpargatas-Schuster auf der Insel.

Es waren wohl die Römer, die einst die alpargatas als eine Weiterentwicklung der ägyptischen Sandalen nach Spanien brachten, wo die Schlappen ihre endgültige Form erhielten und von wo aus sie dann auch nach Amerika gelangten. Lange Zeit galten sie als Arme-Leute-Schuhe für Landarbeiter. Allein in Campanet gab es Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 25 Familien­betriebe, die ihren Lebensunterhalt mit der Fertigung der Stoffschuhe bestritten. Die vier größten davon beschäftigten 62 Mitarbeiter und produzierten im Jahr 1915 etwa 422.000 Paare, viele davon für den Export nach Kuba bestimmt. Als dort ab 1925 die Wirtschaft zusammenbrach, mussten etliche Werkstätten in Campanet schließen. Die zunehmende Ausbreitung von Lederschuhen tat dann ein Übriges, die espardenyes hatten keine Zukunft mehr.

„Trotzdem wollte ich mit 25 endlich mein eigener Herr sein, zehn Lehrjahre waren genug", erzählt Antoni Reinés. Schon sein Großvater habe immer gesagt: „El miedo no existe". Zunächst bemühte er sich um die Werkstatt eines der letzten Schuster aus Campanet, doch jemand anderes schnappte sie ihm vor der Nase weg. Also baute er seine eigene auf. „Ich habe mich damals mit 10.000 Peseten selbstständig gemacht", erinnert er sich stolz.

Heute ist er 60 und fertigt mit einem Angestellten und zwei Frauen, die für ihn in Heimarbeit die Nähte am Oberstoff nähen, 30 Paar Schuhe am Tag. In den 80ern beschäftigte er noch vier Näherinnen und hatte zeitweise sogar einen Teilhaber. Die Espadrilles waren damals wieder in Mode gekommen, die Auftragslage lukrativ. Allein für ­Jill Sander fertigte Antoni Reinés 3.000 Paare pro Bestellung, weitere Aufträge kamen aus Frankreich und Italien. Zeitweise betrieb er, zusammen mit dem Teilhaber, sogar einen eigenen Verkaufsladen in Campanet.

„Seit 35 Jahren beginnt mein Arbeitstag täglich um 7 Uhr und dauert zehn Stunden", erklärt er. Nadel, Faden und Ahle sind seine Hauptwerkzeuge. Für Großaufträge kommen dann noch Nähmaschine und jeweils eine Maschine zum Lochen und Ausstanzen der Stoffe zum Einsatz. Jede Sohle wird von Hand mit einem Kunststich mit dem Oberstoff zusammengenäht.

Früher kamen alle Materialien aus der Umgebung. Heute sind es nur noch die Stoffe mit den typischen bunten Zungenmustern (llengues mallorquines), die auf einem der ältesten Webstühle der Insel in Lloseta gefertigt werden. Die Jute für die Sohlen kommt vom Festland, und das Leder wird zwar in Inca gegerbt und gefärbt, aber der Rohstoff aus Indien oder Marokko importiert.

Viele Bestellungen fährt Antoni Reinés selbst aus, er beliefert auch Läden in Palma, Sóller und Andratx. Neun Monate im Jahr hat er außerdem jeden Sonntag einen Stand auf dem Markt in Pollença. Dort kommt er auch immer wieder mit Ausländern ins Gespräch, die dann zu Großkunden werden: eine schwedische Architektin etwa, die gleich 120 Paar alpargatas in Auftrag gab, oder eine Italienerin, die für ihren Laden in Bergamo 300 Paare bestellte. Auch ein entfernter Verwandter aus Frankreich, der ihn anhand eines Familienstammbaums ausfindig machte, lässt sich von Antoni Reinés beliefern.

Und da ist ja auch noch der lokale Markt: Der Schuhmacher profitiert vom mallorquinischen Traditionsbewusstsein und den Fiestas, bei denen Tracht Pflicht ist. Vergangenes Jahr etwa stattete er die Tanzgruppen aus Sóller zum „Moros y Cristianos"-Spektakel mit 300 Paar alpargatas aus.

Und dennoch: Schon längst fertigt Antoni Reinés nicht mehr nur alpargatas (ab 26 Euro). „Man muss mit der Zeit gehen", räumt er ein. Die Nachfrage bestimme bekanntlich das Angebot. Und so kommen denn statt Stoff auch einmal Leder oder handgeflochtene Obermaterialien zum Einsatz. Oder er fertigt menorquinas (ab 22 Euro) und Leder- oder Stoffschuhe mit Sohlen aus Autoreifen (skandinavische wegen der Baumwollverstärkung, die drahtverstärkten spanischen Reifen sind dafür unbrauchbar; um die 35 Euro). Man kann bei ihm noch seinen ganz individuellen, handgefertigten Schuh in Auftrag geben und Design und Materialien selbst auswählen.

Wenn man sich denn beeilt. Es ist abzusehen, dass es solche Schuhmacher wie „Toni Alpargata" – oder auch einen Kollegen von ihm mit einer Werkstatt in Consell – nicht mehr lange geben wird. „Die jungen Berufsanfänger sitzen lieber acht Stunden am Schreibtisch, da findet sich keiner mehr, der sieben Tage die Woche fast täglich zehn Stunden arbeiten möchte", erklärt Antoni Reinés, der selbst keine Kinder hat. Dabei kann keine industrielle Massenproduktion mit der Sorgfalt und der Qualität dieser traditionellen Handarbeit mithalten. Und mit diesem Chaos in der Werkstatt.

Antoni Reinés verkauft seine Schuhe ab Ende März jeden Sonntag auf dem Markt in Pollença. Für Besuche in der Werkstatt vorher anfragen unter Tel.: 871-70 70 99.

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