Ein kräftiger Schnitt für den Johannisbrotbaum

Wer die großen Schattenspender regelmäßig stutzt, schützt sie vor Sturmbruch, Krankheiten und Schädlingsbefall

06.03.2017 | 01:00
Ramón Galmés und Andi Lechte.

Schneidet man Johannisbrotbäume im Zweijah­res­rhyth­mus, genügt ein leichter Pflegeschnitt. Im Garten von Santanyí wurde dies lange versäumt. Jetzt ist ein aufwendiger Verjüngungsschnitt angesagt. Die Gartenarchitektin Andi Lechte wird heute dem mallorquinischen Baumexperten Ramón Galmés zur Hand gehen. Vor ein paar Jahren entwarf die 48-Jährige das zwei Hektar große parkähnliche Anwesen. Rund ums Haus sind die Areale gärtnerisch gestaltet und angelegt.

Doch bei dem Feld mit ­Mandel- und Johannisbrotbäumen - die Stämme Letzterer verraten, dass sie mehr als zwei Jahrhunderte auf dem Buckel haben - ließ sie alles beim Alten. Mandelbäume und an die 80 Johannisbrotbäume (Ceratonia siliqua bot., algarro­bo span., garrofer kat.) bilden nun einen fließenden Übergang zur hinter der Grundstücksgrenze liegenden, für die Insel typischen Kulturlandschaft.

Die Gartenarchitektin

Auf die Insel kam die aus Rendsburg stammende Andi Lechte 2006. Zuvor hatte sie bei namhaften Büros in Hamburg, Berlin und Barcelona gearbeitet. Auf der Insel war sie zunächst als Gartendesignerin beim Unternehmen Plantyserv in Manacor angestellt. Lechte ist Mitglied der Mediterranean Garden Society (MGS) und entwirft seit 2012 als Selbstständige Gärten. Sie war an der Gestaltung bekannter Anwesen wie Es Fangar und Son Muda beteiligt, um nur die wichtigsten zu nennen.

Doch mit der Gestaltung sieht die Gartendesignerin ihre Aufgabe nicht abgeschlossen. Auch wenn die Bepflanzung abgeschlossen ist, besucht sie die Gärten ihrer Kunden regelmäßig. Sie kümmert sich darum, dass ökologische Mittel zum Einsatz kommen, empfiehlt die Anlage hauseigener Kompostanlagen und ist auch immer darauf aus, bei mallorquinischen Gärtnern dazuzulernen. Deshalb lässt sie sich die Arbeiten an den Johannisbrotbäumen nicht entgehen. „Nur wenn man selbst mitgemacht hat, ist man in der Lage zu beurteilen, ob ein Schnitt richtig ausgeführt wurde oder nicht", sagt Lechte.

Schneiden und Pflegen

Viele Johannisbrotbäume wachsen auf der Insel als Plantagen. Aber vereinzelt auch inmitten von Mandelfeldern, damit die Schafe im Sommer einen Schatten spendenden Unterstand finden. Denn der algarrobo ist der Baum auf der Insel mit dem dichtesten immergrünen Blattwerk. Das macht den Schnitt nicht gerade einfach. Obendrein ist sein Holz dicht und hart, es wiegt schwer, und sobald die Äste zu dick werden, besteht die Gefahr des Sturmbruchs. Häufig ist zu beobachten, dass zu dicke Äste von unten gestützt oder gar bandagiert werden mussten.

Um das zu verhindern, wird heute bei Santanyí kräftig gestutzt. Federführend ist dabei Ramón Galmés. „Er gilt auf der Insel als Meister seines Fachs, er ist einer der erfahrensten Baumschneider", sagt die Gartenarchitektin. Das wäre ja auch kein Wunder, er habe in seinem Leben nie etwas anderes gemacht, fügt Galmés hinzu. Ein Schnitt wäre nicht nur für den Fruchtertrag wichtig, sondern ein wirksames Mittel gegen Schädlings- oder Krankheitsbefall.
Doch nur ein Schnitt, der fachgerecht ausgeführt wird, dient der Gesundheit des Baumes. Entstehen bei der Arbeit zu große Schnittwunden, bieten diese Pilzsporen und Bakterien breite Angriffs­flächen.

Über den Einsatz von „Lac Balsam" ein Wundverschlussmittel für Bäume, sind sich Galmés und Lechte nicht einig. Der Baumexperte ist der Meinung, dass sich unter dem vermeintlichen Schutz Feuchtigkeit bildet, ein idealer Nährboden für Sporen und Bakterien. Übereinstimmung gibt es jedoch, dass ein - im ökologischen Anbau zugelassenes Kupfersulfat (Cuproxat) - auf die Schnittstellen gesprüht werden kann.

So geht der Schnitt

Beim Schnitt auf den Johannisbrotbaumplantagen arbeitet man üblicherweise zu dritt: Den Arbeiter mit der Motorsäge unterstützen zwei Helfer, einer – das ist heute Lechte – zieht die abgetrennten Äste aus dem Baum, ein weiterer sammelt diese auf und stapelt sie. Das Schnittgut wird später in der Häckselmaschine geschreddert.
Zuallererst entfernt Galmés mit einer Elektrosäge an einer Tele­skopstange alle dünnen Äste an der Peripherie des Baumes. Weil sie zu weit nach unten zum Boden hängen, behindern sie die Durchfahrt des Traktors.

In der Folge werden dort, wo sich der Stamm in zwei Hauptäste teilt, alle diejenigen Äste entfernt, die sich störend auf die Innenansicht der Krone auswirken. „Die Schnitte dürfen nicht stamm­parallel ausgeführt werden, sondern müssen leicht nach außen und nach unten führen, sodass das Regenwasser ablaufen kann", sagt der Mallorquiner. Er vertraue mehr auf gute Schnitttechnik als auf Wundpasten. Jetzt eliminiert er Totholz und Äste, die sich gegenseitig beim Wachsen stören oder kreuzen.

Zwischen Stamm und Ast entsteht häufig ein Astring, eine rundliche Verdickung des Stammes oder des Hauptastes. Der Schnitt am Astring wird – bei lebenden und toten Ästen – direkt vor dem Wulst zur Astseite hin durchgeführt, der Astring bleibt am Baum und darf nicht verletzt werden. Jetzt geht es im Inneren der Krone weiter, Galmés steigt mit der Motorsäge in der Hand die Leiter nach oben und sucht sich einen sicheren Platz auf starken Ästen. Dies sollte man immer einem Profi überlassen, denn es ist extrem gefährlich. Doch der 60-jährige Mallorquiner bewegt sich in der Baumkrone so behände wie eine junge Ziege.

Nun gilt es abzuwägen, ob bei Ästen, die über zehn Zentimeter dick sind, Gefahr eines Sturmbruchs besteht. Sägt man sie ab, verbleiben sehr große Schnittwunden, und der Baum benötigt lange Zeit, bis er auf der Fläche Kallus­gewebe bildet, das die Wunde schließt. Galmés lässt sich jedes Mal Zeit zum Überlegen, bevor er die Säge an dicken Ästen ansetzt.

Der Baum soll eine Hohlkrone bekommen. Das heißt, im Inneren werden alle überflüssigen Äste entfernt, sodass Licht in die Krone gelangen und die Luft zirkulieren kann. Weil der Johannisbrotbaum weit ausladende Äste bildet, sollte die Krone eine ovale breite Form bilden und immer nur so hoch wachsen, dass noch bequem geerntet werden kann.
Nach getaner Arbeit ist das Schnittgut gestapelt. Später wird das Häcksel dann auf dem Feld und beim Pflügen im Boden verteilt. Dabei wird auch die Erde gelockert, damit Luft und Wasser an die Wurzeln gelangen kann.
Doch zuvor wartet auf Galmés, Lechte und den Helfer nach der Arbeit natürlich eine opulente merienda.

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