Als die Inquisition auf Mallorca Juden verbrannte

Palma will eine Straße nach der 1691 zum Tode verurteilten Caterina Tarongí benennen. Das ist ihre Geschichte

10.03.2017 | 12:33
Ein Autodafé auf der Plaza Mayor von Madrid (Francisco Rizi, 1683). In dieser Zeit starb auch Caterina Tarongi auf dem Scheiterhaufen.

Ein Kreuz, links ein Olivenbaum, rechts ein Schwert, darum herum der Spruch „Exurge Domine et Judice Causam Tuam, Psalm 73" (Erheb dich, oh Herr, und richte deine Sache. Psalm 73). So sieht das Symbol der spanischen Inquisition aus. Der Olivenbaum steht für Aussöhnung mit reuigen Konvertiten, das Schwert für die Härte gegen Andersgläubige.

Caterina Tarongí bekam das Schwert zu spüren. Sie bekannte sich Ende des 17. Jahrhunderts offen zu ihrem jüdischen Glauben und wurde dafür mit der schlimmsten Strafe belegt, die die staatliche Behörde der Inquisition bereithielt: Nachdem man sie bei einem Autodafé, einem öffentlichen Glaubensgericht, der Häresie für schuldig befunden hatte, wurde Tarongí 1691 neben ihrem Bruder Rafel und dem Rabbiner Rafel Valls in Palma bei lebendigem Leibe verbrannt, in der Nähe der Plaça Gomila, an einem Ort, der bis heute als El fogó dels jueus (das Judenfeuer) bekannt ist.

30.000 Menschen sollen zugeschaut haben. So steht es in den Archiven der Inquisition, und so ist es im Kollektivgedächtnis der Mallorquiner verewigt. Die Tatsache, dass Tarongí schön gewesen sein soll, hat die Wirkung des grausamen Schauspiels wohl verstärkt. Mit Caterina wurden 37 weitere Bürger zum Tode verurteilt. Sie alle waren Kryptojuden: zum Christentum zwangskonvertierte Juden, die heimlich ihre eigentliche Religion weiter praktizierten.

Tarongí ist bis heute eine he­rausragende Figur in Mallorcas Geschichte. Sie galt als starke Frau, die den anderen Angeklagten Mut machte. Deshalb hat die Stadt Palma jüngst beschlossen, ihr eine Straße zu widmen, im Stadtteil La Vileta.

Welche das sein soll, dafür interessiert sich Manel Quadreny Cortès. Der 64-jährige Anwalt wohnt in dem Stadtteil. Wird gar seine Straße umbenannt? Das würde passen, denn Quadreny ist der Vorsitzende der Gruppe „Llegat Jueu" (Jüdisches Erbe) im Denkmalschutzverein Arca. Dort setzt er sich seit 14 Jahren für den Erhalt jenes Erbes ein, „das entscheidend unsere Identität geprägt hat". Mit uns meint er nicht nur die Nachkommen der Zwangskonvertierten (Xuetes auf Mallorquinisch), zu denen er auch gehört, sondern die aller Insulaner. „Die Geschichte der Juden lag lange im Dunkeln, eine Schande für Mallorca."

Der Straßenname sei die Anerkennung „einer Heldin und Märtyrerin" und ein Zeichen der Wiedergutmachung. In den 1930er-Jahren, während der Zweiten Republik, sei schon einmal eine Straße nach Tarongí benannt worden, erzählt Qua­dreny. Doch während der Franco-Diktatur (1939–1975) wurde die Straße wieder umgetauft. Die erneute Benennung korrigiert nun auch den Umgang mit der Geschichte während der Diktatur.

Seit den 1980er-Jahren habe sich die Situation normalisiert, sagt Quadreny. Auch die Hommage der Balearen-Regierung 2011 an die Opfer von 1691, mit Friedenstauben und hochkarätigem Besuch aus Israel, sei ein Zeichen dieses normalisierten Umgangs mit der Geschichte. Und der Beitritt Palmas 2005 zum ­Netzwerk spanischer Städte mit gut erhaltenen Judenvierteln, Red de Juderías, belegt den Willen, den Juden ihren Platz in der Inselgeschichte zu geben, ebenso wie das 2015 eröffnete Dokumentationszentrum Centro Maimó ben Faraig in der Altstadt (C./ Almudaina, 9, Mo.–Sa. 10–15 Uhr) oder die jährlichen jüdischen Kulturwochen.

Zu verdanken ist das nicht nur dem Verein Llegat Jueu, sondern auch anderen Nachkommen von Xuetes wie dem Tierarzt und Journalisten Luis Pomar. Er habe in den 1980er-Jahren als Erster das Wort Xueta im Titel eines Artikels verwendet, erzählt dessen 28-jährige Großnichte Natxa Pomar. Für sie ist die Benennung einer Straße nach Caterina Tarongí doppelt wichtig: „Es wird eine Frau geehrt und ein Opfer großen Unrechts."

Pomar wertet das als einen Anfang, denn im Gegensatz zu Quadreny glaubt sie nicht, dass die Geschichte aufgearbeitet sei. „Kein Mensch kennt Caterina Tarongí", sagt sie. Sie fordert ein Museum und besseren Geschichtsunterricht. Solange das nicht der Fall sei, „müssen wir Nachkommen das Erbe hochhalten". Sie selbst hat erst als Jugendliche die Geschichte ihrer Vorfahren entdeckt. „Ich war perplex", sagt sie, „niemand hatte mir je etwas darüber erzählt." Und fügt an: „Meine Tochter wird das früher erfahren."

Tarongí & Co.: 15 Familien blieben


Die meisten waren geflohen, doch 15 Familien wurden Ende des 17. Jahrhunderts Opfer der Inquisition: Sie hießen Aguiló, Bonnin, Cortès, Forteza, ­Fuster, Martí, Miró, Picó, Piña, Pomar, Segura, Valls, Valentí, Valleriola und Tarongí. Nach den Prozessen von 1691 wurden sie stark unterdrückt. Die geheime Religions­ausübung wurde zu gefährlich, der Glaube schwächer, die Inquisition hatte ihr Ziel erreicht. Besonders später unter der Franco-Diktatur (1939–1975) litten sie unter sozialer Verachtung.

Bis heute leben auf Mallorca Familien mit obigen Namen. Auch von der Familie Tarongí gibt es Nachkommen. Das Statistikamt zählt 81 Tarongís mit erstem Nachnamen und 89 mit zweitem. Kurioserweise gibt es auch in Zaragoza eine kleine Gruppe von Spa­niern, die sich Tarongí nennen, vielleicht Nachfahren der geflüchteten mallorquinischen Juden. Die Bedeutung des Namens: Taronger heißt auf mallorquinisch Orangenbaum.

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