Ortsbezeichnungen: Wo Land und Sprache eins sind

Drei Sprachwissenschaftler haben 50.000 Namen zusammengetragen, von Magaluf bis Es pla de ses Egües

16.03.2017 | 19:06

Am 25. April diesen Jahres hat Joan Miralles Monserrat seinen großen Tag. Dann wird der 71-jährige Philologe ein Werk vorstellen, an dem er die vergangenen 18 Jahre gearbeitet hat: das „Nomenclàtor toponímic de les Illes Balears" (Verzeichnis der Ortsnamen der Balearen), eine Liste von 50.000 traditionellen Ortsbezeichnungen auf Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Die Arbeit hat er sich geteilt mit Xavier Gomila auf Menorca und Enric Ribes auf Ibiza und Formentera. Erfasst werden keine Straßennamen oder sonstige städtische Orientierungshilfen, sondern nur Bezeichnungen von Orten, Landschafts- und Flurnamen, Geländeformationen, Wäldern, Wegen, von Gewässern oder des Meeres. Am Tag der Präsentation geht die Liste online, derzeit wird sie von Informatikern der katalanischen Sprachakademie Institut d´Estudis Catalans (IEC) fertiggestellt. Als Schmankerl bieten die drei Autoren den Besuchern einen Audio-Link zur Aussprache der wichtigsten Ortsbezeichnungen. Ein Jahr lang soll dann eine Funktion zur Verbesserung und Erweiterung der Liste zugänglich sein. Die Vorschläge der Nutzer wollen Miralles, Ribes und Gomila bearbeiten und dann das Namensverzeichnis auch gedruckt publizieren.

540 geduldige Informanten

Die drei Sprachwissenschaftler arbeiteten mit schriftlichen Dokumenten – alten Enzyklopädien mit historischen Karten, einer modernen Karte im Verhältnis 1:5000, sprachwissenschaftlichen Nachschlagewerken und einem ersten toponymischen Werk aus den 60er-Jahren von Josep Mascaró Pasarius – sowie mit mündlichen Quellen: Ein Netzwerk aus 540 „unglaublich geduldigen und sehr weisen Informanten" habe den Akademikern Bodenkontakt verliehen, erzählt Miralles. Die meisten Freiwilligen sind Menschen über 60, die Landwirtschaft betreiben oder in Bauernfamilien aufgewachsen sind und sich genau an all die Ortsnamen erinnern, die sie ihr Leben lang begleitet haben.

Die Interviews versetzten Miralles immer wieder in Staunen. „Die Mallorquiner haben einen sehr engen Bezug zu ihrer Insel", erzählt er. „Allein im Gemeindegebiet Santanyí haben wir 6.000 Ortsnamen gesammelt." Auf Ibiza und Formentera hat Miralles besonders die Namensvielfalt an der Küste und im Meer beeindruckt. Jeder noch so kleine Fels im Wasser, jeder Küstenvorsprung habe einen Namen, sagt er, „sogar die, die nur bei Ebbe oder besonderen Wetterverhältnissen zu sehen sind". Das zeige, wie sehr die Bewohner dort dem Meer verbunden sind. Auch auf Menorca habe praktisch jeder Quadratmeter einen Namen, sagt Miralles, denn „dort hat der Tourismus weniger zugeschlagen als auf Ibiza oder Mallorca". Die herkömmliche Nutzung der Landschaft ist vielerorts noch lebendig und damit die ­entsprechenden Bezeichnungen. Auch die Mäuerchen zwischen den Feldern hätten geholfen, die Landstriche zu definieren und so anschauliche Bezeichnungen wie Es pla de ses Egües (die Ebene der Stuten), Sa Tanca des Ordi (das Weizengatter) oder Es Forn de Calç de Baix (der untere Kalkofen) zu bewahren, erzählt Miralles, selbst wenn dort keine Stuten mehr gezüchtet werden, keine Gerste mehr gelagert und kein Kalk mehr gebrannt wird.


Vier Sprachebenen

Miralles – der bis zu seiner Emeritierung im vergangenen September als Universitätsprofessor an der UIB arbeitete – stammt aus Montuïri, „einem der wenigen Orte mit einem Namen lateinischen Ursprungs". Bei der Arbeit haben seine Kollegen und er vier Sprach­ebenen entdeckt: die vorrömische, also die der Talaiot-Kultur, deren Sprache verloren ist und die nur noch in Ortsbezeichnungen erhalten ist, die auf -er enden (etwa Sóller, Síller, Búger) sowie in Namen wie Sineu und Inca, die ebenfalls so alt wie Mallorcas Besiedelungsgeschichte sind. Den Römern haben die Balearen Namen wie Porto Pí, Pollença, Muro oder Campos zu verdanken. Alle mit Bini beginnenden Bezeichnungen stammen vom „mallorquinischen Arabisch", einer lokalen Variante, die immerhin fast 400 Jahre Gültigkeit hatte. Ende des 13. Jahrhunderts dann brachten die katalanischen Eroberer ihre Namensgebung. Diese ist bis heute mit großem Abstand am meisten verbreitet, auch wenn sie durch Bebauung, Industrialisierung und durch den Tourismus einem sehr raschen Wandel unterliegt.

Zurück zu den Wurzeln

Man merkt es schon: Bei aller Sammlerleidenschaft und wissenschaftlicher Genauigkeit hat Miralles´ Werk auch etwas Forderndes. Toponymische Zeichen der „Unterwerfung unter den Tourismus" sollten verschwinden, findet er. Mit seinem Verzeichnis will er Kartografen, Schulen und Ämtern ein ­Werkzeug in die Hand geben, um etliche Orte wieder so zu benennen, wie sie vor der „Kolonialisierung" geheißen haben. Dabei träumt er von Videospielern, die beim Font des Verger (Brunnen des Obst- und Blumengartens) nach Pokémons suchen, oder von Anhängern des Geocaching (GPS-Schnitzeljagd), die beim Hort d´es Moro (Gemüsegarten des Mauren) Schätze verstecken. Auch Programmierer von Google Maps könnten auf sein Ortsverzeichnis zurückgreifen, findet Miralles.

Von einer fünften Sprachebene, der touristischen, will Miralles nichts hören. Schlichte und wohlklingende Kunstnamen wie Cala d´Or (Goldbucht), Cala Bona (Gute Bucht) oder Cala Millor (Bessere Bucht), die zu Beginn des Massentourismus´ der besseren Vermarktung wegen erfunden wurden, lässt der Sprachforscher aber gelten, „denn sie wurden immerhin in der Landessprache benannt".

Null Glamour

Das sei überall möglich, ohne die Besucher mit der Aussprache zu überfordern, erklärt er und nennt als Beispiel Magaluf. Der markante Name der britischen Urlauberhochburg ist älter als tausend Jahre und jüdischen Ursprungs. Komplett „lächerlich, unnötig und kitschig" findet er dagegen Namen wie Sometimes (Siedlung in Palma), Shangri La (Ortsteil von Valldemossa) oder Calle del Jamón (die altbekannte Schinkenstraße). „Denen fehlt nicht nur jeglicher Ortsbezug", sagt Miralles, „sie haben auch null Glamour."

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