Canizales: Wenn die Hexe und der Oger online daten

Der Autor und Zeichner schreibt und zeichnet Kinderbücher und mag es etwas unangepasst. Dritter Teil unserer Serie über Mallorcas Illustratoren-Szene

21.04.2017 | 16:14

Draußen dröhnen die Bauarbeiten. Sie stören die Ruhe, die den kolumbianischen Illustrator Canizales in seiner Wohnung im Herzen von Palma umgibt. Es ist aufgeräumt hier. An den Wänden des Wohnzimmers hängen eigene Kunstwerke. Sie wirken wie überdimensio­nale, farbige Pixelkombinationen. Der 44-Jährige ist ein eloquenter, sympathischer Gesprächspartner. Der Mann mit den markanten Koteletten wirkt entspannt. Und das, obwohl er ein Jahr hinter sich hat, das man mindestens mit dem Wort rasant beschreiben könnte. „Vor zwölf Monaten hatte ich noch kein einziges Buch veröffentlicht", erzählt er. Jetzt sind es derer schon drei, teils bereits übersetzt. Die Verträge für weitere Bände sind schon unterschrieben. Auch Buchpreise hat Canizales schon abgeräumt. Ihn nur als Illustrator zu bezeichnen, greift zu kurz. Er ist auch Autor seiner Bücher.

Seit 19 Jahren lebt Canizales auf der Insel. Das weiche Spanisch, das in seiner Heimat gesprochen wird, hat er sich beibehalten. Ursprünglich kam er mit einem Stipendium her. Seit vier Jahren ist er Dozent an der Escola d´Art i Disseny, der Fachhochschule für Design in Palma. Dass er jetzt auf einmal Bücher veröffentlicht, verdankt er im Grunde den balearischen Institutionen. „In den Vorjahren habe ich ein paar Comics gezeichnet und Illustrationen gemacht. Irgendwann lud mich das Kulturinstitut Illenc ein, zu einer Messe mitzukommen. Da habe ich langsam verstanden, wie der Buchmarkt wirklich funktioniert und angefangen, mich einzuarbeiten."

Sein hierzulande vielleicht bekanntestes Buch heißt „­Guapa" (Schöne). Es handelt von einer Hexe, die online ein Date mit einem Oger ausmacht. Die Tiere im Wald, der Fuchs, die Maus, das Eichhörnchen und der Hase, geben ihr alle andere Ratschläge, wie sie sich schön machen kann. Die Warze muss weg, die Nase muss kleiner werden. Solche Sachen. Als sie zum Date kommt, erkennt der Oger sie nicht und schickt sie weg. Also macht sie sich wieder hässlich. Sie bekocht den Oger. Er sagt: „Das war lecker. Was war drin?", und die Hexe antwortet: „Eichhörnchen, Fuchs, Hase und Maus."

„Wegen dieses Endes habe ich schon Stress bekommen", sagt der Illustrator. „In der englischen Version wurde es anders übersetzt." Es sind die Gesetze des Buchmarktes, die Canizales gerade kennenlernt. „Es gibt unglaublich viele ungeschriebene Regeln, hinter die man erst mit der Zeit kommt. So kann man auch nur bedingt andersfarbige Kinder zeichnen. Nur mit weißen Kindern schafft es ein Buch wirklich auf dem internatio­nalen Markt. Kommen schwarze Kinder vor, richtet es sich automatisch an schwarze Kinder. Bei asiatischen Charakteren an ­Asiaten."

Canizales hat auch deswegen in seinem Buch „El sombrero de Bruno" (Brunos Hut), das Mobbing zum Thema hat, statt Kindern Tiere als Charaktere gewählt hat. So ließ sich Vielfalt einführen, ohne sie zu offensichtlich zu machen.

Politische Themen seien generell schwierig zu verkaufen. Auch dürfe das Buch nicht so traurig sein. Verbiegen lassen will er sich aber nicht. „Ich möchte, dass meine Bücher eine Botschaft haben, dass man etwas lernt. Ein eher radikales Ende wie bei ´Guapa´ würde ich auch heute noch machen." So süß die Geschichte der Hexe auch sein mag, sie basiert auf einem realen Problem. „Ich komme aus Cali. Das ist eine der lateinamerikanischen Hochburgen für Schönheits­chirurgie. Die Frauen lassen sich unmögliche Taillen und überdimensionale Brüste machen. Die Authentizität der Menschen geht verloren. Man muss sich selbst schätzen lernen. Das Ende von ´Guapa´ sagt im Grunde ja auch nur aus, dass man die Stimmen vertreiben muss, die einem einflüstern, dass man sich verändern muss, um geliebt zu werden."

Trotz aller Regeln ist Canizales manchmal auch überrascht, was der Kinderbuchmarkt doch erlaubt. „Ich habe auf der Buchmesse in Bolo­gna Bücher über Brüste gesehen. Oder auch welche über Fürze." Das veranlasste ihn, einen eigenen Versuch zu starten. „Ich habe ein Buch über den Oger aus dem ´Guapa´-Buch gemacht, in das man den Finger stecken kann. Der Finger verwandelt sich etwa in seine schiefe Nase oder in das Schmalz, das ihm aus den Ohren quillt. Oder auch in seinen Kot." Hier sei es natürlich weniger um die Moral als um den Spaß gegangen. „Es gab einen polnischen Verlag, der interessiert war. Am Ende war es ihnen aber zu heikel."

Canizales liebt es, mit der Dreidimensionalität des Buches zu spielen. Für einen polnischen Verlag hat er unter dem Titel „Gulp!" ein Buch veröffentlicht, auf dem erklärt wird, welches Tier von welchem anderen Tier gefressen wird. Mit jeder weiteren Seite wird das Loch in der Mitte größer, sodass man immer noch sehen kann, welches Tier bei welchem anderen im Bauch ist. „Das ist natürlich für ganz kleine Kinder. Es verkauft sich aber super."

Canizales will dabei nicht auf Kinderbücher reduziert werden. Derzeit arbeitet er für einen französischen Verlag an einer Graphic Novel über Beziehungsprobleme. Er zeigt ein paar Bögen, auf denen eine ganz andere, viel dunklere Bildsprache zu sehen ist. „Das ist für Erwachsene gedacht."

Auch in dem kürzlich erschienenen Comicband über die Küsten Mallorcas (MZ berichtete), ist er vertreten. Ihm wurde der Abschnitt über Magaluf zugeteilt. Und auch hier hat er erleben müssen, dass es den Leuten nicht immer recht ist, wenn man die Realität zu unverblümt zeigt. „Ich wurde gebeten, einige Bilder zu entschärfen, auf denen sich die Figuren etwa übergaben oder Oralsex angedeutet wurde."

­Vielleicht ist es manchmal von Vorteil, ein Ausländer zu sein. Es erlaubt eine distanziertere, auch kritischere Sicht auf die Dinge. „Ich bin nicht hier auf der Insel aufgewachsen. Also habe ich auch nicht das Gefühl, dass ich meine eigenen Leute verrate, wenn ich etwas ungeschminkter über Magaluf zeichne."

Auch wenn er manchmal aus der Reihe tanzt: Bei der Kinderbuchmesse in Bologna Anfang April, bei der die Balearen und Katalonien Gastland sind, wird Canizales Teil der balearischen Delegation sein. „Man darf das nicht unterschätzen. So ein Messeauftritt will richtig vorbereitet sein. Damit kann man schon ein paar Wochen verbringen." Vielleicht kann er wieder die Rechte für ein paar Bücher verkaufen. Denn Ideen, davon hat Canizales, der beim Zeichnen gern ­klassische Musik und Hörbücher hört, immer noch genug.

www.canizales.eu

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