"Conde Rossi" auf Mallorca: skrupelloser, blutrünstiger Aufschneider

Wie Mussolinis Handlanger Arconovaldo Bonacorsi 1936 monatelang auf der Insel mordete

11.04.2017 | 10:25
Bonacorsi (helles Hemd) gab sich selber den Kämpfernamen „Conde Rossi" und scharte einen Schlägertrupp als „Todesdrachen" um sich.

Der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) war auf Mallorca innerhalb weniger Wochen zugunsten der Franco-treuen Aufständischen entschieden. An den Kämpfen hatten die von den italienischen Faschisten zur Unterstützung geschickten Bombenflugzeuge, Kriegsschiffe und Militärberater einen entscheidenden Anteil. Um einen besonders blutrünstigen Anführer – um den unter seinem Kämpfer­namen „Conde Rossi" in die Geschichte eingegangenen italienischen Kriegsherr Arconovaldo Bonacorsi – ranken dabei besonders viele Legenden. Welcher Teil dieser unglaublichen Geschichte der Wahrheit entspricht – leider sehr viel – und welcher Teil beabsichtigte Übertreibung der damals Beteiligten war – mindestens noch mal so viel –, entlarvt 80 Jahre später der mallorquinische Gelehrte und Benediktiner-Mönch Josep Massot i Muntaner in einer akribischen historischen Aufarbeitung der fünf Monate, in denen Bonacorsi auf Mallorca wütete.

Schneller Sieg

Auf Mallorca hatten die Anhänger des späteren Diktators Franco schon kurz nach dessen Aufstand die Macht übernommen. Die Streitkräfte der Republikaner unternahmen von Menorca aus noch einen kurzen Versuch, die Inseln zurückzuerobern und bombardierten Palma mehrmals aus der Luft. Am 16. August 1936 landeten Schiffe mit einer vom Republikaner-Kommandeur Alberto Bayo geleiteten Miliz, der es jedoch lediglich gelang, einen etwa sieben Kilometer langen Streifen an der Ostküste bei Son Servera zu besetzen.

Eine Woche später, am 23. August, baten Kontaktleute Francos in Rom den Verbündeten Benito Mussolini um Hilfe. Für das faschistische Italien war es von strategischer Bedeutung, dass die Balearen nicht in feindliche Hände fielen. Mussolini schickte ein mit Jagdbombern beladenes Kriegsschiff sowie Geschütze und eine Gruppe von Militärs, darunter den in Italien als kriminell und sadistisch verschrieenen und lange von der faschistischen Bewegung ausgeschlossenen Haudegen Arconovaldo Bonacorsi.

Der aus Bologna stammende Faschist erreichte Mallorca vier Tage später, am 26. August, mit einem Wasserflugzeug, quartierte sich im Hotel Mediterráneo in Palma ein und spielte sich von Anfang an als Oberbefehlshaber der Truppen auf Mallorca auf. Diese Position hatten ihm aber nachweislich weder Mussolini noch Franco oder die auf Mallorca stationierten Militärs zuerkannt.

Bonacorsi – in vielen Dokumenten fälschlich Bonaccorsi geschrieben – beeindruckte durch seine massige Figur, sein großkotziges und ungehobeltes Auftreten, seine feurigen Augen und vor allem durch seine unersättliche Kampfeslust. Er ließ sich auf Mallorca mit einem neu erfundenen Kämpfernamen anreden – Conde Rossi – und scharte schnell eine Truppe von etwa 50 freiwilligen jungen Mallorquinern um sich, die schwarz gekleidet und durch besondere Brutalität auffallend unter dem Namen „Dragones de la Muerte" (Todesdrachen) auftraten und die faschistische Falange-Partei neu organisieren sollten.

Bonacorsi beschimpfte die auf Mallorca stationierten Militärs als unfähig und feige, ließ sich selbst einen Stempel mit der Aufschrift „General Aldo Rossi, antikommunistisches Heer, Palma" anfertigen, mit dem er Befehle abstempelte, und rief wenige Tage nach seinem Eintreffen zum Marsch auf die Stützpunkte der Republikaner auf, „um die Eindringlinge in die Fluten zu treiben".

Geschichtsfälschung

Am 3. September marschierte das neu gruppierte Heer auf die Stellungen der Republikaner in Son Corb, Son Carrió, Porto Cristo und Son Servera zu. Doch den vermeintlich heldenhaften Sieg gegen die Republikaner, wie er später in den Geschichtsbüchern stehen sollte, gab es laut der Untersuchung von Massot gar nicht. „Die Wahrheit ist, dass Son Carrió weder von Rossi noch sonst irgendjemand erobert wurde, da sich die von Bayo angeführte Miliz am Nachmittag des 3. Septembers zurückzog." Der aus Madrid angeordnete Rückzug der Republikaner hätte nachweislich nur wenig mit dem Anrücken von Rossi und seinen Mannen zu tun gehabt. Es stimme zwar, so Massot, dass Rossi mit seinem Kampfesmut die Stimmung der jungen Männer auf Mallorca herumriss, aber das ändere nichts an der Tatsache, dass die Stellungen „mit der Ausnahme von einigen Gefangenen kampflos eingenommen" wurden.

Bonacorsi ließ sich die Tage darauf als „Befreier der Insel" feiern und schickte einen – wie sich später herausstellte – völlig verfälschten Bericht über die vermeintlich heldenhafte Schlacht in die italienische Hauptstadt. Am 6. September organisierte der „Conde Rossi" einen großen Triumphzug, den er auf einem Pferd reitend persönlich anführte. Viele Menschen in Palma jubelten „Hoch lebe der Held!", während sich immer mehr Freiwillige in die Listen der neuen Falange-Organisation einschrieben oder sich den von Bonacorsi angeführten Todesschwadronen anschlossen.

Auch die wenige Tage später durchgeführte „Wiedereroberung" Ibizas traf auf keinen Widerstand, beschreibt Massot. Wenn es Tote gegeben habe, so nur deswegen, weil auf den Befehl Bonacorsis mehrere Gefangene an Ort und Stelle erschossen wurden.


Blutige Unterdrückung

Während der Historiker also die kämpferischen Erfolge des Italieners infrage stellt, gibt es für ihn keinen Zweifel an der Anführerschaft des „Conde Rossi" bei der nachfolgenden Unterdrückung auf Mallorca. Unter dem Motto „Alle Kommunisten erschießen" ließ der selbst ernannte General Parteimitglieder, Gewerkschafter oder sonstige Oppositionelle massenhaft und ohne jeglichen Prozess hinrichten.

Bonacorsi belehrte das spanische Militär, dass man in Italien anders mit dem Feind umspringe und dass Gefängnisse viel zu teuer seien. Wer aus den eigenen Reihen Zweifel an solchen Befehlen hatte, erhielt von ihm schnell einen Fausthieb ins Gesicht. Auf den Befehl, eine Gruppe von politischen Gefangenen zu erschießen, erwiderte zum Beispiel ein spanischer Offizier, dass er Zweifel habe, ob nicht auch Unschuldige unter den Häftlingen seien. Der Italiener, der sich selbst gerne als „Gotteskrieger" bezeichnete, antwortete: „Umso besser, dann kommen sie schneller in den Himmel."

Spanischer Bürgerkrieg: das Tabu von Porreres

Überregional bekannt wurde die Erschießung von fünf Krankenschwestern des Roten Kreuzes in Manacor, aber die Anzahl der Toten wird auf mehrere Tausend geschätzt. Die Gewalt bei der Unterdrückung kannte dabei keine Grenzen. Am meisten gefürchtet war die Gruppe der etwa 50 Todesdrachen, die ihren verehrten „Conde Rossi" inzwischen wie Leibwächter umgaben und ihm nach seiner späteren Versetzung nach Italien oder Málaga angeblich treu blieben.


Pompöse Reden

Außer an der blutrünstigen Gewalt berauschte sich Bonacorsi auf der Insel noch an zwei weiteren Leidenschaften: Hassreden und Sex. Fast jeden Morgen sprach er live über den Sender Radio Mallorca. Dabei ließ er die Hörer seinen Hass auf alle Kommunisten, Katalanen und Franzosen spüren. „Italien und Spanien sind Schwestern derselben Rasse, Ideen und Religion", erklärte er bei einem seiner zahlreichen Propaganda-Auftritte in den Dörfern Mallorcas. „Die Kultur, die Zivilisation und die Erhöhung der lateinischen Rasse fordern, dass wir auch den letzten Marxisten ausrotten. Und wenn es nötig ist, töten wir dafür auch Väter, Mütter und Kinder, damit diese verdammte Saat nicht aufgeht."

Von Mallorca aus sollte ganz Europa fallen: „Wir haben Ibiza zurückerobert und werden Menorca und schließlich Katalonien in unsere Macht bringen. Dann werden wir das faschistische Regime auf ganz Spanien ausbreiten." So wolle man „das demokratische Frankreich" in die Zange nehmen, weil „Deutschland, Italien und Spanien einen eisernen Ring" bilden. „Wir werden das Europa des Heiligen Römischen Reiches wieder errichten, das der Stolz einer ganzen Rasse war."

Massot berichtet von solchen Propaganda-Auftritten in Sóller, Llucmajor, Porreres, Consell, sa Cabaneta, Pòrtol, Santa Maria, Alcúdia und Santa Margalida, Felanitx, Muro, Lluc, sa Calobra, Pollença, Inca, Santanyí, Montuïri und Calvià. Innerhalb weniger Wochen hatte der „Conde Rossi" einen großen Personenkult aus seiner Figur gemacht. Bartschnitt und Frisur des Italieners wurden bald zur Modeerscheinung unter Mallorcas Männern.


Sexuelle Habgier

Um seinen Sexualtrieb zu befriedigen, ließ sich der vermeintliche Eroberer zwar ständig Prostituierte ins Hotel bringen. Aber auch Damen der mallorquinischen Oberschicht besuchten Bonacorsi. Angeblich soll dieser von jeder reichen Verehrerin ein Schmuckstück gefordert haben, sodass er nach seinem fünfmonatigen Aufenthalt eine wertvolle Sammlung zusammentrug. Häufiger mussten Militärberatungen verschoben werden, weil „Conde Rossi" noch „mit einer Frau Karten spielte". Solche Partien dauerten selten länger als eine halbe Stunde.


Schneller Abgang

Mit dem arroganten Personenkult, der Menschenverachtung und der Bevormundung der spanischen Militärs machte sich Bonacorsi vom ersten Tag an aber auch viele Feinde. Gleichzeitig kamen bei den britischen und französischen Diplomaten Zweifel darüber auf, welche Absichten Mussolini wohl auf den Balearen hatte. In einzelnen Kasernen wehte neben der spanischen bereits die italienische Flagge.

Schließlich wurde Druck auf Franco und Mussolini ausgeübt, um Bonacorsi von der Insel abzuziehen. Angeblich soll Franco am 16. Dezember 1936 befohlen haben, dass der „señor Conde Rossi" innerhalb von vier Stunden die Balearen verlassen solle. In der Praxis ließ sich der Anführer des Schlägertrupps ein paar Tage Zeit. Am 19. Dezember gab er eine Abschiedsfeier auf dem Flugplatz. „Jetzt wo das Volk die Falange-Bewegung verstanden hat, endet meine Mission auf den Inseln", erklärte Bonacorsi in großkotziger Manier und verließ Mallorca am Tag vor Heiligabend.

Der Kult um Bonacorsi ging weiter. Mehrere Orte ernannten den vermeintlichen Befreier zum Ehrenbürger. Palmas Rambla wurde in „Via Roma" umbenannt, Diktator Franco zeichnete ihn 20 Jahre später mit den höchsten Orden aus. Bonacorsi war der einzige Soldat, der während des Zweiten Weltkriegs Auszeichnungen dreier Nationen erhielt: Italien, Spanien und Deutschland. Erst vor wenigen Wochen strich Alcúdia den Namen des 1962 in Rom Gestorbenen aus der Liste der Ehrenbürger.

Josep Massot i Muntaner: „Arconovaldo Bonacorsi. El Conde Rossi". Publicacions de l?Abadia de Montserrat, zweite, neu bearbeitete Auflage, März 2017, 18 Euro.

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