Aufbahrung in Pollença: Wo Trauer unbekümmert und bunt daherkommt

Gelungene Restauration: In dem Dorf ist zu bestaunen, wie man sich vor 500 Jahren die Aufbahrung des Leichnams Jesu vorstellte

15.04.2017 | 17:26
Aufbahrung in Pollença: Wo Trauer unbekümmert und bunt daherkommt

Außer Atem kommt eine Frau durch das große Holzportal der Kapelle Roser Vell gelaufen. Sie stürmt geradewegs auf den Altar zu, wo das frisch renovierte Figuren­ensemble des mallorquinischen Priesters und Bildhauers Gabriel Mòger aufgebaut ist. Die schon ältere Mallorquinerin muss sich weit über das Holzspalier zur Jesusfigur lehnen, um dem Leichnam einen Kuss aufs Bein zu drücken. „Er ist wieder hier", sagt sie zu Xisco Vicens, Pollenças Pfarrer und so etwas wie der geistliche Begleiter der achtköpfigen Figurengruppe, die 1525 erstmals in einem kirchlichen Bestandsverzeichnis erwähnt wurde. Bereits vor mehreren Jahren beantragte Xisco Vicens beim Bistum Mallorca ihre Renovierung. Anfang 2016 war es dann so weit, die Zustimmung kam und die Figuren wurden in die Restaurations­werkstatt des Bistums in Palma transportiert. Nach einem Jahr Bearbeitung sind sie nun nach Pollença zurückgekehrt.

Die mehrfarbige Figuren­gruppe zeigt einen Moment aus der Karfreitagsliturgie, der Feier vom Leiden und Sterben Christi, die in Pollença eine große Tradition hat. An den Füßen des Leichnams steht der Jude Nikodemus mit ausgebreiteten Armen. Zusammen mit Josef aus Arimathäa, die Figur am Kopfende gegenüber, nahm er den Leichnam vom Kreuz ab, nachdem Josef den Prefekten Pontius Pilatus um Erlaubnis gebeten hatte. Sie umwickelten den Körper mit Leinen­binden, zusammen mit wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis üblich ist.

Die hintere Figurengruppe beginnt auf der linken Seite mit Maria, der Frau des Klopas und einer Schwester Marias, der Mutter Jesu. Neben ihr steht Maria Magdalena, eine Gefährtin von Jesus und Zeugin der Auferstehung. In der Mitte der Gruppe sieht man Maria, Jesu Mutter, die ihre Hand zur Hand ihres Sohn bewegt. An ihrer Seite erkennt man den Evangelisten Johannes, Jesu Lieblingsjünger. Er blickt als einzige der Figuren gedankenverloren in die Ferne. Die Frau neben ihm ist Maria ­Salome, ebenfalls eine Jüngerin Jesu, die ihn auf dem Kreuzweg begleitete und als Erste an sein leeres Grab kam.

„Das Figurenensemble ist eines der vollständigsten und zudem ältesten, das auf Mallorca bewahrt wurde", sagt Antònia Reig, Direktorin der Restaurationswerkstatt des Bistums. Die hohlen Körper sind auf einer Holzbasis konstruiert und mit geklebtem Papier beschichtet. Insekten, Feuchtigkeit und Ratten hatten den Holzskeletten stark zugesetzt, die Figur der Maria Magdalena musste daher fast zu hundert Prozent erneuert werden. Während der Leichnam und die zwei Juden-Figuren aus kompletten Körpern bestehen, enden die Figuren hinter dem Sarg unterhalb des Rumpfes und ruhen auf einem Holzsockel.

Kunsthistorisch handelt es sich um naive Kunst oder Populärkunst mit betont einfacher, unbekümmerter Darstellung. „Dennoch hat Gabriel Mòger einige historische Details in seine Figuren einfließen lassen", erklärt Xisco Vicens. So trägt Maria, die beim Tod Jesu bereits Witwe ist, einen Halskragen, der ihre Brust komplett verdeckt. Bei den zwei verheirateten Frauen Maria Salome und Maria, der Frau Klopas, lässt der Kragen ein Stück vom Dekolleté frei, und die ledige Maria Magdalena darf sogar ganz ohne Bedeckung auf die Straße treten. Für die Gesichter der Frauen benutzte der Künstler dieselben Gussformen und bemalte sie anschließend unterschiedlich. Mal deutete er die Augenbrauen mit zarten, mal mit kräftigen Strichen an. Zudem variierte er die Augenfarbe und den Rotton der Wangen, um den Zügen einen unterschiedlichen Ausdruck zu schenken.

Die größte Herausforderung bestand für Antònia Reig und ihr Team in dem fragilen Papiermaterial. Mittels Röntgentomografie scannten sie zunächst Schicht für Schicht in die Figuren hinein und entdeckten, dass im Laufe der Jahrhunderte mehrere Farbschichten über die Originalfarbe aufgetragen worden waren. Die neueren Farben wurden entfernt, soweit dies möglich war. Manchmal sei von der Originalfarbe schlicht nichts übrig gewesen, erzählt Antònia Reig. Auf den Hüten der Juden legten die Restauratorinnen deren Namen frei, und auch die Jesusfigur setzten sie in den Urzustand zurück, indem sie Schleier und Keuschheitstuch entfernten, die aus modischen ­Gründen zu einem späteren Zeitpunkt aufgemalt worden waren.

Kein Original sei hingegen der Sarg, auf dem der Leichnam liegt, weiß Xisco Vicens. Dieser ersetzte vor circa hundert Jahren den alten, löchrigen Holzsarg. Etwa zur selben Zeit erneuerte man auch die Hände der zwei Juden-Figuren, die plumper und grobkörniger wirken als die Hände der anderen.

Unter den Heiligenscheinen befinden sich noch drei Originale (Maria Magdalena und die zwei Juden-Figuren), die anderen sind Kopien. Bei den Gewändern gibt es ebenfalls Originalteile, und solche, die nachgebildet wurden, was gut an den feinen Streifen auf der Oberfläche zu erkennen ist, die von der Restauration stammen.

Der Leichnam Jesu, der kurioserweise von Blutflecken bedeckt wird, die wie Tränen aussehen, ist glücklicherweise nicht mehr für die Karfreitagsprozession im Einsatz. „Inzwischen wird das Begräbnis in der Pfarrkirche von Pollença mit einer anderen Figur nachgestellt", so Xisco Vicens. Jesus und seine Begleiter dürfen still der Dinge harren. Und in der Kapelle Roser Vell einen überirdischen Moment bewahren.

In der Osterwoche bleibt die Kapelle (C/. Roser Vell, 4, Pollença) geschlossen. Ab Mai ist sie dann einmal die Woche zu besichtigen. Der Tag steht noch nicht fest.

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