Blühende Artenvielfalt für den Teller

In ihrem Garten bei Sencelles züchtet Heide Göbel wilde Kräuter, Gemüse sowie Zierpflanzen mit Blüten, die nicht nur essbar sind, sondern richtig gut schmecken

02.05.2017 | 02:30
Blühende Artenvielfalt für den Teller

„Essen Sie Ihre Rosen", so lautet der Titel eines der Pflanzenbücher, in dem Heidi Göbel gerade blättert. „Viele Blüten sind essbar, doch nur einige schmecken richtig gut", sagt die Deutsche, die in Südafrika geboren wurde. Die Blumen, die sie in ihrem Garten zieht, sollen nicht bloße Dekoration auf dem Teller sein, sondern mit ihrem Geschmack Gerichte verfeinern.

Die Blühpflanzen gedeihen auf einem kleinen Areal des insgesamt 28.000 Quadratmeter großen Grundstücks bei Sencelles. Auf der einen Seite fällt der Blick auf die zentralen Gipfel der Serra de Tramuntana, auf der anderen wachsen Bioreben, so weit das Auge reicht. Das im minimalistischen Stil errichtete Haus lässt eher einen durchgestylten Garten erwarten, zumal sich davor auch noch Rosensträucher und Obstbäume in wohlgeordneten Beeten zeigen. Hinter dem Haus jedoch herrscht auf verschiedenen Ebenen ein Wildwuchs, der an eine frühlingshafte, kunterbunte Wiese erinnert.

Hier gärtnert die 50-Jährige täglich. Seit 2002 ist sie mit Mann und Kindern auf der Insel sesshaft, zuvor war sie als Skipperin auf den Weltmeeren unterwegs. Lange Zeit beschäftigte sie sich mit Heilkräutern und deren Wirkung, seit etwa fünf Jahren mit essbaren Blüten und wie man diese im Garten zieht.

Wildes Durcheinander

In erhöhten Pflanztischen aus Holz gedeihen winzige Stauden des Kulturgänseblümchens (Bellis) in Weiß, Zartrosa und Pink, auf dem Boden verschiedene Zwiebelpflanzen, wie beispielsweise der heimische Rosenlauch (Allium roseum bot., ajo rosado span., all de bruixa kat.), der auch wild wachsend jetzt im Inselfrühling rosa Kugeln auf hohen Stängeln zeigt.

„Blüten vom Wegesrand, wo Autos, Traktoren, Hunde oder Schafe vorbeikommen, sollte man nicht essen", sagt Göbel. Vor ein paar Jahren sammelte sie deshalb die dicken, rosa Samen vom wilden Rosenlauch und säte sie im Garten aus. Mittlerweile hat sich die Knollenpflanze üppig vermehrt, die Blütenblätter schmecken angenehm nach Zwiebel und Knoblauch. Ein winziges Veilchen dagegen erweist sich als süß im Geschmack. Die Züchterin erklärt, dass es bei Blüten Nuancen von honigsüß über würzig, salzig bis hin zu pikant gibt.

Diese Geschmacksvarianten sind nicht nur für Köche interessant. Auch Insekten auf der Suche nach Pollen und Nektar haben Appetit auf Vielfalt. „An sonnigen Tagen sind hier ganze Schwärme von Bienen unterwegs", sagt die Blütenexpertin. Zu den wichtigen Pflanzen der Bienenweiden im Frühling zählt die einjährige Kapuzinerkresse, die sich jedes Jahr selbst aussät und sich jetzt gelb und rot blühend großflächig nahe beim Haus ausbreitet. Sie bringt Farbe und zarte Blätter in frühlingshafte Salate.

Auf dem Weg zum Hauptgarten der Blütenzucht sind kleinwüchsige Rosensträucher in schmale Beete gepflanzt. Weil Rosen, die duften, auch besonders aromatisch schmeckende Blütenblätter liefern, wachsen hier die alten Sorten des britischen Züchters David Austin. Göbel hat niedrige Sträucher gewählt, weil sie Mini-Rosen liefern und Köche kleine Blüten bevorzugen. Rosenblätter werden nicht nur frisch verzehrt, sie sind auch getrocknet für aromatische Tees und Desserts gefragt.

Neben den Rosenbeeten steht ein Kirschbaum, dessen schneeweiße Blüten jedoch nicht gepflückt werden, weil die Familie Kirschen ernten möchte. Das gilt für alle Obstbäume im Garten, nicht aber für die Erdbeeren. Sie bilden jetzt weiße süße Blüten, die vor der Fruchtbildung gesammelt werden.

Die Hochbeete

In der Nähe des Hühnergeheges befinden sich fünf gemauerte Hochbeete, in denen viele Arten auf engem Raum nebeneinander wachsen. Dass es auch hier so üppig blüht, nimmt kein Wunder. Das Innere der rechteckigen Behälter hat Göbel zur Hälfte mit Steinen gefüllt, was Staunässe verhindert. Unter die Erde eines Aushubs verteilte sie viel Kompost und zusätzlich Mist von Pferden, die ausschließlich mit Bio-Getreide gefüttert werden. Obenauf sind Bewässerungsschläuche verlegt.

Hier wachsen Wildpflanzen, Kräuter und Gemüse, aber auch Ziergewächse. Zu den Wildpflanzen zählt das blaue Gurkenkraut, auch Borretsch genannt (Borago officinalis bot., borraja span., herba de la tos kat.). Das Heilkraut breitet sich in den Hochbeeten aus, aber auch daneben, wo es Stauden von über einem Meter Höhe bildet. In die Beete kam der blaue Borretsch, wie auch der Rosenlauch, durch Samen. Die seltenere weiße Variante des blauen Borretsch, der schon immer als kandierte Blüte für süßes Gebäck beliebt war, stammt von einem US-amerikanischen Samenzüchter.
Die Besucher kosten nun eine Korianderblüte, sie schmeckt ähnlich würzig und leicht scharf wie die Blätter der Pflanze. Das gilt auch für andere Küchenkräuter. Rosmarinblüten geben die Köche gern zu Lamm in die Töpfe. Mit den Blüten des Schnittlauchs stellt man Dips her. Bekömmlich und wohlschmeckend sind die der Gemüsezwiebel, des Fenchels sowie der Zucchini.

In den Hochbeeten wachsen jedoch nicht nur Heil- und Gemüsepflanzen mit essbaren Blüten, sondern auch bekannte Zierpflanzen. Rot und süß sind die der Fuchsie sowie von vielen kleinen Nelkenpolstern. Auch der Salbei blüht rot. Die Ananas-Salbei (Salvia elegans) ist – so die Züchterin – die einzige unter den Salvia-Arten, deren Blüten gut schmecken, und das in süßen sowie salzigen Gerichten.

Taufrische Ernte

Morgens früh, bevor die Kinder in die Schule gebracht werden, erntet Heidi Göbel von April bis November taufrische Blüten. Gemäß den Vorschriften des Gesundheitsamtes wäscht und trocknet sie die Blüten dann in einem eigens im Haus eingerichteten Labor. Dann stellt Göbel Arrangements in transparenten Boxen zusammen, auf die sie das Datum des Erntetags sowie die Pflanzenarten schreibt. Werden die Behälter im Gemüsefach des Kühlschranks aufbewahrt, bleiben die Blüten bis zu zwei Wochen haltbar.

Es habe lange gedauert, so die Züchterin, bis sie Abnehmer für ihre gepflückten Produkte finden konnte, die sie mit dem Logo Heidi´s Herbs verkauft. Jetzt liefert sie an Restaurants und an Köche, die auf großen Schiffen arbeiten. „Sie sind viel in der Welt herumgekommen und lernten auf ihren Reisen Gerichte mit Blütenzutaten kennen", sagt sie. Üppig sind ihre Einnahmen jedoch nicht. „Das ist mir auch nicht so wichtig", sagt sie. Es gebe für sie nichts Schöneres, als Samen zu sammeln, auszusäen und die Pflanzen zu pflegen. All das wäre für sie – Tag für Tag – immer wieder ein Fest für die Sinne.

Die Blüten gibt es unter: Heidi Göbel, Sencelles, Tel.: 626-99 36 59 oder Heidi´s Herbs bei Facebook

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