Die kleinen Dörfer mit der großen Handwerkskunst

In Caimari, Bùger, Campanet oder Sineu gibt es sie noch, traditionelle Schreinereien. Hier ist noch alles Maßarbeit und die Branche boomt. Ein Besuch bei den Meistern

20.05.2017 | 07:05
Die kleinen Dörfer mit der großen Handwerkskunst
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  • Jeroni Reus Rotger C/. Virgen de Lluch, 29 07314 Caimari Tel.: 971-51 56 02 Jaume Fusteret Carpintería Martorell Carrer de ses Tavernes 3 07314 Caimari Tel.: 971-51 52 08 Pep und Jordi C/. Estació Nr. 13 07510 Sineu www.fusteriasaserradora.es Tel.: 971-52 01 05

Am Fuße des Tramuntanagebirges liegt das 750-Seelen-Bergdörfchen Caimari. Viele Touristen kennen die Gegend als hübsch anzusehendes Anbaugebiet für Olivenbäume, Wanderungen zum Kloster Lluc starten hier. Doch hinter den oft unscheinbaren Pforten der Häuser verbirgt sich eine kunstvolle Form des Handwerks, die anderswo selten geworden ist. In Caimari wird noch geschreinert.

Einer, der das Handwerk hier von der Pike auf gelernt hat, ist Jeroni Reus Rotger (60). Im Alter von 14 Jahren begann er seine Lehre beim damaligen Ortsschreiner Juan Mairata Pons. Doch während seine Gesellen-Kollegen nach und nach weiterzogen, blieb Jeroni bei seinem Meister. Bis dieser schließlich in Rente ging und Jeroni den Betrieb übernehmen konnte, da war er 21 Jahre alt. „Ein Glücksfall", sagt Jeroni heute, denn auch sein Sohn Toni (34) arbeitet im Betrieb als Schreiner, in nicht allzu ferner Zukunft soll er den Betrieb weiterführen.

Noch fertigen sie zusammen Türen, Tore, Fenster, Möbel oder Küchenschränke an. Sie reparieren und restaurieren auch antike Möbel, sogar Dachkonstruktionen kann man bei ihnen bestellen. Die Grenzen der verschiedenen Berufe von Tischlern, Zimmermännern und Restauratoren gehen fließend ineinander über.

„Für einen deutschen Kunden haben wir sogar ein komplettes rundes Holzhaus samt Innenausbau und Dach, das als Gästehaus auf seinem Grundstück dient, errichtet", berichtet Jeroni stolz. „Es gibt nichts, was wir nicht machen", ergänzt sein Sohn. Solange es nur mit Holz zu tun habe. Und falls man eine Fertigkeit nicht beherrscht, eignet man sie sich selbst an. „Mein Lehrmeister mochte keine Rundbögen, daher fing ich dann an, damit zu experimentieren, und heute sind sie meine Spezialität", sagt Jeroni. Mehr als die Hälfte seiner Kunden sind Ausländer, vorwiegend Deutsche und Engländer. Zum großen Glück für die Insel, ist er überzeugt, kaufen diese immer noch gelegentlich große, halb verfallene Herrenhäuser auf und erhalten sie möglichst originalgetreu. Dabei springen dann lukrative Großaufträge für die Schreiner heraus „Da ist alte Handwerkskunst gefragt, und das kann kein industrieller Schreiner", sagt Toni.

Auch Caimaris zweiter Schrei­nerbetrieb ist in den Händen einer Familie – nun schon in der dritten Generation. Jaume Fusteret (40) ist mit 16 Jahren bei seinem Onkel in die Lehre gegangen und führt seit dessen Pensionierung vor einigen Jahren den Betrieb alleine. Onkel Mateo Martorell lässt es sich allerdings nicht nehmen, täglich vorbeizuschauen und auch mit Hand anzulegen. Sein Vater begann vor 99 Jahren mit der Fertigung von Särgen. Nachdem diese später mehr und mehr industriell ­hergestellt wurden, stieg er auf den Bau und die Restaurierung von Kutschen um. Zusammen mit Sohn Mateo begann er dann mit Türen und Fensterrahmen sowie Möbeln. Gemeinsam fertigten die beiden vor 60 Jahren auch die schweren Kirchenbänke aus ­nordischer Kiefer und einen originalgetreuen Einbau der maroden Innentüren für die Dorfkirche Caimaris. Mateo war damals gerade 18 und absolvierte eigentlich ­seinen Militärdienst. Dank eines verständnisvollen Vorgesetzten konnte er für diesen Auftrag freigestellt werden und seinem Vater zur Hand gehen. „Als Ausgleich musste ich dann für die Kasernen Holzspinde bauen", erzählt er. Heute überlässt er dem Neffen das Feld und widmet sich lieber seiner Finca und den 25 Schafen, die alle einen von ihm handgefertigten Halsring mit Glocke tragen. Dafür nimmt man die Äste des Zürgelbaums (katalanisch lledoner), dessen Holz besonders biegsam und haltbar ist. „Beim Schneiden der Bäume kommt es auf die richtige Mondphase an, sonst modert das Holz sofort", sagt Mateo. Bäume, die ihr Laub im Winter verlieren, müssen in der entgegengesetzten Mondphase geschnitten werden als ihre immergrünen Verwandten. „Doch daran hält sich heute kaum noch jemand", sagt er. Neffe Jaume hat noch eine zusätzliche Spezialität für einen Juwelier aus Palma entwickelt. Er bearbeitet besondere Hölzer wie Kirsche, Aprikose oder Zypresse zu edlen Sockeln für wertvolle Silbertrophäen, die unter anderem bei großen Segelregatten verliehen werden.

In der kleinsten Gemeinde Mallorcas, dem kleinen Dörfchen Bùger im Norden der Insel, betreiben die Brüder Pedro und Juan ihr Holzhandwerk. Auch sie haben dieses vom Vater erlernt und später übernommenen. Dessen Spezialität waren Mühlenräder der alten Windmühlen, die damals noch zuhauf in Betrieb waren. Danach stieg auch er auf Fenster, Türen, Möbel und Inneneinbauten um. Gegründet vom Großvater – auch dieser begann als Sargtischler – floriert das Geschäft hier genauso wie im Nachbarort Campanet. Dort hat vor Kurzem Sohn Juan Mairata das Zepter von Vater Tomeu übernommen, der sich nur noch sporadisch in der Werkstatt blicken lässt, und dann seiner Leidenschaft, der Kunstschreinerei, nachgeht. Er fertigt immer noch gelegentlich wundervolle kunstvoll verzierte Rahmen für Bilder und Spiegel an. Sollte man also einmal ein besonderes und individuelles Geschenk benötigen, kann man es sich von ihm nach Maß anfertigen lassen.

Handarbeit auf Bestellung und nach Maß unter Berücksichtigung aller individuellen Wünsche, denn der Kunde ist König und bestimmt Design und Qualität, die sich vor allem auch in der Wahl der verarbeiteten Hölzer widerspiegelt. Ausländische Kunden haben ein Faible für Olivenholz, das neben Steineiche eines der wenigen einheimischen Hölzer überhaupt ist. Früher gab es noch mehr Aprikosen- und Kirschbäume, deren edles Holz sehr beliebt beim Möbelbau war. Die meisten Hölzer – dazu gehören vor allem nordische Kiefer, Buche, Eiche und Teakholz – werden übers Festland aus Nordamerika und Skandinavien bezogen.

Der wilde Olivenbaum ist wegen seines schnellen Wachstums und der Härte und Robustheit seines Holzes bei den Schreinern besonders­ beliebt und die Basis für Peps und Jordis tägliches Schaffen in Sineu. Peps Vater gründete 1910 die Schreinerei mit der Fertigung von Agrarwerkzeugen. Lange Zeit stellte er die in Studentenbuden so beliebten Holzkisten zur Lagerung und Verschickung der berühmten Orangen aus Sòller her. „Die Plastikindustrie hat dieses Geschäft schließlich kaputt gemacht", sagt Pep, der bereits mit 13 Jahren bei seinem Vater in die Lehre ging. Glücklicherweise hatte man da schon mit der Herstellung von rustikalen Toren aus wildem Olivenholz begonnen, die man dann zum Haupterwerb ausbauen konnte.

Wer mit wachem Auge über die Insel fährt, dem mögen sie schon aufgefallen sein, die extravaganten Tore, die wegen ihrer asymmetrischen Form und den 'krummen' Latten auffallen. Hier in Sineu werden sie in Handarbeit hergestellt. Die Form der Latten ergibt sich von selbst, die wilde Olive wächst, wie sie will, und niemals gerade. Und so muss man eben mit den sich ergebenden Formen arbeiten. Dadurch ergibt sich das individuelle Aussehen eines jeden Werkstückes. Der laufende Meter der Tore liegt bei stolzen 225 Euro.

Auch rustikale, unregelmäßig geformte Tische und Bänke bauen die beiden Schreiner, die das Renten­alter längst erreicht haben. Doch es wäre zu schade, den Betrieb einfach zu schließen, und so machen sie weiter. Sie wollen erst aufhören, wenn ein Nachfolger gefunden sei. Hoffnung besteht, Jordis Sohn arbeitet immerhin halbtags mit den alten Herren zusammen – und wer weiß, vielleicht wird er die Freude am Beruf seiner Familie fortführen.

So wie auch Jaume aus Caimari auf seinen 14-jährigen Sohn hofft. „Ein solides Handwerk von Grund auf zu erlernen und dann einen gut gehenden Betrieb zu übernehmen zu können, besser geht es doch nicht", sagt er. Es gibt zwar durchaus Schreinerlehrbetriebe und Schulen, doch alle der hier genannten Schreiner sind bei ihren Vätern in die Lehre gegangen. In den Schulen lässt sich vielleicht industrielle Fertigung an Hochleistungsmaschinen lernen, aber die echte Handwerkskunst sicher nicht. Darin sind sich alle einig.

Die ländlichen Schreiner haben immer noch einen extrem hohen Stellenwert, Aufträge gibt es genug. Keiner hat ein Schild über der Werkstatt hängen, und ohne zu wissen, hinter welcher Tür sie sich verbergen, findet man sie nicht. Doch das ist auch nicht nötig. Mund-zu-Mund-Propaganda ist erfolgreicher als jede Werbung.

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