Keine Lust auf Ramsch und billige Unterwäsche

Unikate statt Massenware – in Sineu bekommt der überlaufene Wochenmarkt Konkurrenz von Kunsthandwerkern

20.06.2017 | 20:14
Keine Lust auf Ramsch und billige Unterwäsche

Flavia Flores nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Märkte auf den Mallorca sind eine Respektlosigkeit gegenüber den Kunden." Seit
Jahren arbeitet die Argentinierin mit Wolle und Filz und stellt damit Deko, Taschen, Schuhe und vieles mehr her – eigenhändig. „Ich hole sogar die Wolle von den Bauern­höfen", sagt sie. „Und dann steht man auf den Wochenmärkten neben Ständen, an denen Billigunter­wäsche oder sonstiger Ramsch angeboten wird."

Davon hat Flores schon lange genug, mit drei anderen Kunsthandwerkern rief sie deshalb das Projekt Nova Plaça d'Artesania (Neuer Platz des Kunsthandwerks) ins Leben. „Wir waren sozusagen vier Hippies, die im Rathaus von Sineu um Erlaubnis baten, unseren eigenen Markt zu machen", berichtet Flavia Flores. Mit Erfolg: Seit dem 5. April 2017 dürfen sich die Kunsthandwerker jeden Mittwoch von 9 bis 14 Uhr unterhalb der Kirche auf der Plaça Es Mercadal ansiedeln – in unmittelbarer Nähe des bekannten Wochenmarkts, aber eben nicht Teil davon.

Tatsächlich ist das Ambiente hier ein anderes. Entspannter und ursprünglicher als der hektische Rummel nebenan. Ein junger Mann mit Zopf bläst prüfend in ein Didgeridoo – später wird er mit seinem Musikerkollegen unter dem Namen „The Market Noise" auftreten –, wenige Meter entfernt steht ein augenscheinlich unbewachter Stand mit Lampen aus Recycling-Material. „Der Betreiber kann heute nicht hier sein, weil er krank ist. Aber wir alle zusammen passen auf seine Produkte auf", sagt Anna Charlene vom Nachbarstand.

An einer Holzstange hängen Lederbikinis, Lederröcke und Ledertops auf Bügeln, daneben hat die junge Frau mit der natürlichen Ausstrahlung ihre Kollektion an Lederohrringen und -geldbeuteln ausgestellt. Sie deutet in Richtung Wochenmarkt. „Dort drüben wird ja nur Leder aus Marokko verkauft. Massenware. Ich kaufe das Material ausschließlich in Spanien." Es ist offensichtlich, dass Anna Charlene mit ihrem Label „Huella Indígena" alles selbst herstellt: Die eingearbeiteten Nieten, Steine oder Federn, die Kombination verschiedenster Farben und Schnitte machen jedes Stück zu einem Unikat.

„Wir stecken nicht nur eine Perle auf ein Band und sagen, es ist Kunsthandwerk, hier werden wirklich einzigartige Dinge ausgestellt", findet auch Alejandra Epifani. Die gelernte Industrie- und Schmuckdesignerin begann vor fünf Jahren mit ihrer eigenen Marke „Cartonpia". Alle Ohrringe, Ketten oder Broschen an ihrem Stand hat sie aus Papier oder Pappe hergestellt. „Einige Stücke mit klassischen Techniken, andere mit Methoden, die ich mir selbst beigebracht habe", erzählt sie. Tatsächlich lohnt es sich, genauer hinzuschauen: In den filigranen Strukturen kann man die vielen Stunden Handarbeit förmlich sehen.

„Dieser neue Handwerkermarkt ist genau das, was ich gesucht habe. Etwas, wo meine Arbeit noch geschätzt wird", sagt Raquel Sánchez. Alle ihre Artikel sind aus organischem Material hergestellt, fast alle sind recycelt: Die maritimen Mobiles hat sie aus Strandgut gefertigt, die Schmuck­stücke aus gebrauchten Schmuckteilen von Flohmärkten neu zusammengestellt.

„Die Markttradition in Sineu ist älter als in jedem anderen Ort Mallorcas. Auch deshalb wollten wir unseren neuen Handwerkermarkt unbedingt hier aufbauen", berichtet Aïda Rull. Sie stellt in der fünften Generation Skulpturen, Schmuck und Accessoires aus Bronze und Messing her und hat mit um den neuen Kunsthandwerkermarkt gekämpft. „Hier können wir dem Ort etwas Ursprüngliches zurückgeben."

Damit es auch tatsächlich authentisch bleibt, kann sich nicht jeder dem Artesano-Projekt anschließen. „T-Shirts aus Asien zu bestellen und etwas draufzudrucken, reicht bei uns nicht", so die Veranstalterinnen. „Wir haben auch schon Freunden eine Absage erteilt oder gesagt, dass zumindest einige ihrer Produkte nicht ins Konzept passen."

Gute Handarbeit hat aber auch ihren Preis – und den sind Kunden nicht immer bereit zu zahlen. „Jeder echte artesano hat mal eine Krise und denkt sich: Warum importiere ich nicht auch Ware aus Asien und verkaufe sie", so Flores. „Aber wir hier haben alle nicht aufgegeben. Und zusammen ist es einfacher." Momentan seien sie 14 Aussteller, ein paar mehr ­hätten noch Platz, sagt sie. „Vielleicht können wir einige animieren, sich zu uns zu gesellen, die auf normale Wochenmärkte auch keine Lust mehr haben."

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