Die Ballade vom lieben Mörder

Ein Verbrechen von 1851, ein berühmtes Lied gegen die Todesstrafe und eine lange überfällige historische Richtigstellung

01.07.2017 | 10:57
Der Tatort: die Hauptfassade des Anwesens Es Caparó auf einem Foto aus dem 19. Jahrhundert.

Die Geschichte machte eine Ewigkeit die Runde auf Mallorca: Ein Mann namens Jordi Roca habe eine Affäre mit der Besitzerin des Landgutes Es Caparó bei Manacor gehabt, der Witwe Catalina Aina Cànaves, „Madona des Caparó" genannt. Als Roca, der aus Petra stammte, sie eines regnerischen Februartages im Jahr 1851 mit zwei Bekannten aufsuchte, entspann sich eine Tragödie, in deren Verlauf ein Wächter starb. Zu allem Überfluss gaben sich Roca und die Frau dann noch dem Beischlaf hin.

Die drei Männer wurden kurz darauf festgenommen, ein Gericht in Manacor verurteilte sie zu lebenslanger Haft. Doch dann wandelte der Gerichtshof in Palma die Strafe von Roca in die Todesstrafe um. Sein Schicksal ereilte ihn durch das in Spanien bis in die Franco-Zeit übliche Würgeeisen. Ein Exemplar war extra von der Halbinsel herbeigeschafft worden. Der Verurteilte starb im Enagistes-Turm in Manacor – ohne seine Liebe gestanden zu haben, um die Madona des Caparó nicht zu entehren, wie es hieß. Ein zweiter Mann, der von einem Militärtribunal in Palma verurteilte Reservesoldat Guillem Rosselló, kam vor ein Erschießungskommando. Er soll vor seiner Hinrichtung noch eine Zigarre geraucht haben.

Viele Menschen in Manacor hielten Jordi Roca für ein Justiz­opfer, und dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass sie sich ohnehin gegenüber der Hauptstadt benachteiligt fühlten. Diese Sichtweise ging über auf Jahrmärkten vorgetragene Reime – sogenannte glosses – ins
Kollektivgedächtnis ein. Ein halbes Jahrhundert später hielt der Franziskaner-Mönch, Autor und Volkskundler Rafel Ginard i Bauça (1899–1976) diese Verse erstmals schriftlich fest. Pare Ginard, wie er genannt wurde, nahm sie in seine vierbändige Sammlung „Cançoner popular de Mallorca" auf.

Wiederum einige Jahre später – in den 50ern – stieß eine auf dieser glossa basierende Ballade ins gleiche Horn. Sie stammte aus der Feder des in der damaligen spanischen Kolonie Äquatorialguinea geborenen Liedermachers und Dichters Guillem d´Efak (1929–1995). D´Efak, der auf Mallorca heimisch geworden war, machte daraus ein aus Rocas Perspektive verfasstes Lied. „Morgen zu dieser Stunde werde ich schon tot sein ? Nur wegen deiner Liebe, nur wegen deiner Liebe." Und weiter: „Alle auf der Straße fragen: ´Was für eine Straftat hat Jordi Roca begangen, dass man so streng mit ihm umgeht?´"

Später, in der Endzeit des Franco-Regimes, sang auch der katalanische Liedermacher Joan Manuel Serrat die Ballade – als Protestsong gegen die Todesstrafe und für die freie Liebe.

Doch hat sich damals wirklich alles so zugetragen, wie in den Liedern beschrieben? Diese Frage stellt sich die Musikwissenschaftlerin und Lehrerin Bàrbara Duran in dem gerade erschienen Essay „Música per a un crim" (Musik für ein Verbrechen, Verlag Lleonard Muntaner, 10 Euro). Sie schildert darin anhand von Gerichtsakten, was damals wohl wirklich geschah.

Es bleibt bei dem schlechten Wetter, das Catalina Aina Cànaves veranlasste, dem ihr unbekannten Jordi Roca aus Mitleid die Tür zu öffnen. Dann aber nahm ein Raubmord seinen Lauf. Kaum hatte die Madona des Caparó den durchnässten Mann hi­neingelassen, rückten rüde zwei weitere Gestalten nach – Guillem Rosselló aus Felanitx und der Taschendieb Miquel Nicolau aus Ariany. Einer erstach den Wächter, der die Kriminellen aufhalten wollte. Gemeinsam fesselten sie die erst vier und sechs Jahre jungen Töchter und sperrten sie weg. Dann verging sich Jordi Roca an Catalina, seine Spießgesellen deckten sich derweil mit gelagertem Fleisch ein.

Noch ein anderes Detail verbarg sich in den Gerichtsakten: Roca hatte bereits elf Monate zuvor zusammen mit einem anderen Kompagnon in Petra eine gewisse Pedrona Ramis ausgeraubt und vergewaltigt – ein Gewaltakt, der ungesühnt blieb, weil Roca seinem Opfer wahrscheinlich Schmerzensgeld zahlte.

Auch die Revision des Urteils in Palma war nichts Ungewöhnliches, sondern vorgeschrieben. Zumal auf Einbruch mit Gewaltanwendung zwingend die Todesstrafe gestanden habe. Also keine Willkür der Inselhauptstadt, wie in Manacor gemutmaßt wurde, sondern geltendes Recht. „Die Menschen damals verstanden nicht immer die Funktionsweise der Justiz", sagt die Autorin Bàrbara Duran.

Das Anwesen steht noch heute: Man kann es etwa drei Kilometer vor Manacor von der Schnellstraße Palma–Manacor aus sehen (und dort, in einem Nebenhaus, eine Ferienwohnung mieten). Catalina Aina Cànaves versuchte nach der Vergewaltigung jenseits des Getuschels ein normales Leben zu führen, heiratete noch einmal und starb eines natürlichen Todes. Ihre Nachkommen mit dem Familiennamen Mesquida haben über Generationen darauf gepocht, dass die Witwe Opfer eines Verbrechens wurde. Wohl zu Recht, wie nun nachzulesen ist.

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