Die unerzählte Schlacht von Mallorca

Im August 1936 landeten republikanische Truppen an der Ostküste, um die Insel den Putschisten zu entreißen. Die Stellungen gibt es heute noch. Nun ermitteln Forscher erstmals vor Ort, was damals geschah

19.08.2017 | 07:36
Die unerzählte Schlacht von Mallorca

Laia Gallego ist Archäologin, klingt aber bei ihren Erläuterungen eher wie eine Ballistikerin. Sie zeigt das Foto von Patronenhülsen und Projektilen – oxidierte Gewehrpatronen, 57 Millimeter lang, Kaliber 7 mm. Manche sind nur ein bisschen angekratzt, andere völlig deformiert. „Dieses Projektil hier ist auf einen mittelstarken Widerstand getroffen", sagt die junge Frau, „es ist verbogen, aber nicht vollständig verformt". Dann zeigt sie auf eine Gravur am Boden des Geschosses. „FN 1935" steht dort: Fábrica Nacional. Die Munition wurde ein Jahr vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) in einem Staatsbetrieb in Toledo hergestellt.

Das Projektil liegt wie all die anderen gesichteten Spuren der strategisch wichtigen Bürgerkriegsschlacht von 1936 weiter in den Hügeln, die Son Servera an der Ostküste umgeben. Gallego und ihre 13 Kollegen, die in den vergangenen Wochen ein groß angelegtes Forschungsprojekt über die einzige Schlacht jener Jahre auf Mallorca begonnen haben, belassen es zunächst bei Sichtung, Vermessung und GPS-Ortung der mehr als 80 Jahre alten Spuren. Die Fundstücke werden zurückgelegt. In den kommenden Jahren wollen die Forscher wiederkommen – um zu graben und Antworten zu finden, wie die Schlacht wirklich abgelaufen ist.

Vor allem zwei Dinge sind erstaunlich an diesem Projekt. Zum einen mussten acht Jahrzehnte vergehen, bevor nun erstmals die Schlacht, die alles andere als ein unwichtiges Scharmützel war, vor Ort im Gelände erforscht wird. Wie bei so vielen Aspekten bei der Bewältigung des Bürgerkriegs verhinderten das Franco-Regime (1939–1975) und der anschließende Schweigepakt im Zuge des friedlichen Übergangs zur Demokratie (Transición) über Jahrzehnte eine wissenschaftliche Beschäftigung.

Erstaunlich ist zum anderen die Organisation des Projekts: Keine staatliche Institution oder Universität leitet und finanziert es, vielmehr haben es Archäologen, Historiker und Journalisten initiiert, die sich nun in ihrer Freizeit und bei knapp 40 Grad durch das unwegsame Gelände schlagen. Immerhin, der Inselrat und die Gemeinde Son Servera beteiligen sich an den Kosten für Transport und Verpflegung. Zusammengefunden hat sich eine bunte Truppe, fünf Katalanen, acht Mallorquiner und eine US-Amerikanerin – sie grub eigentlich Talaiots auf Mallorca aus und blieb dann aus Interesse einfach länger.

„Die archäologische Arbeit wird belegen, was wir bislang nur aus Berichten und Erzählungen zu glauben wissen", meint Journalist und Historiker Manuel Aguilera, einer von zwei Koordinatoren. Am 16. August 1936 landeten republikanische Kämpfer unter dem Kommando von Kapitän Alberto Bayo bei Porto Cristo, um die Insel den Putschisten unter General Franco zu entreißen. Die Milizionäre hatten im Auftrag der damals republiktreuen katalanischen Regierung zunächst Formentera und Ibiza eingenommen. Auf Mallorca jedoch kam die Offensive schnell ins Stocken, und das Franco-Lager bekam Zeit, um gemeinsam mit italienischen Faschisten zum Gegenangriff überzugehen. Anfang September gaben die republikanischen Kräfte auf und zogen sich zurück.

Den Vormarsch der geschätzten 4.000 bis 8.000 Milizionäre hat Aguilera in einer Animation rekonstruiert. Von Tag zu Tag dehnt sich auf seiner Karte eine rote Fläche von Porto Cristo Richtung Norden aus, nähert sich Sant Llorenç und Son Servera, ohne die Ortskerne einzunehmen. Dann schwindet das Rot und ist bis 4. September wieder ganz weg. Kurz darauf sollten auch Ibiza und Formentera erneut dem nationalen Lager zufallen.

Obwohl bei der Schlacht von Mallorca stets von Porto Cristo und Sa Coma die Rede ist – hier am Strand liegt ein noch ungeöffnetes Massengrab mit einer unbekannten Zahl verscharrter Milizionäre –, fanden die wichtigsten Gefechte in den Hügeln um Son Servera statt. Aguilera steht auf dem Dorfplatz und zeigt durch eine Gasse auf den Puig de Sa Font. „Von Stellungen dort oben haben die Republikaner auf das Dorf geschossen." Die alte Kirche wurde sogar vom Meer aus unter Beschuss genommen – statt der Maschinengewehr-Stellung im Turm trafen die Geschütze der „Jaume I." und der „Libertad" jedoch Nachbarhäuser. Eine Frau und deren Tochter starben.

Eine Bar mit Klimaanlage in Son Servera ist die Basis für die Forscher, die eigentliche Arbeit aber findet draußen in der Augustsonne statt. Trotz der acht verstrichenen Jahrzehnte, der fortgeschrittenen Erosion und den Tritten der Ziegen lassen sich ohne Probleme drei Strukturen unterscheiden: Schutzwälle (parapetos) – provisorisch aufgetürmte Steinmauern, die vor gegnerischen Kugeln schützen sollten –, Schützengräben (trincheras) – langgezogene Verteidigungsstrukturen, die auch als Laufgräben dienten – sowie Schützenlöcher (nidos de tirador) – halbrunde Strukturen im Erdreich für ein bis zwei Soldaten der Vorhut.

Die Historiker und Archäologen dokumentierten des Weiteren Stacheldrahtverhaue sowie vor allem Zahl und Fundort der Munition, um daraus auf die Intensität des Kriegsgeschehens zu schließen. Eine erste Hypothese: „Die Schlacht war heftiger und die Verteidigung der Franquisten schlechter vorbereitet als bislang angenommen", meint Aguilera. Warum die republikanische Offensive letztendlich scheiterte, ist Anlass leidenschaftlicher Debatten zwischen ihm und dem zweiten Koordinator des Projekts, Gonzalo Berger. Welche Rolle spielten mangelnde Vorbereitung, schlechte Ausrüstung und Organisation oder ideologische Gespaltenheit im republikanischen Lager? Welche strategischen Fehler unterliefen der politischen Führung, setzte sie die Prioritäten falsch?

Es fehlt noch an Forschung, und auch die jahrzehntelange einseitige Lesart des Franco-Regimes, das das republikanische Lager als unorganisierte Chaos-Truppe darstellte, wirft lange Schatten. Gonzalo Berger erzählt von einer kleinen Einheit weiblicher Soldaten, die bei der Landung dabei war. „Das waren Kämpferinnen, die für ihre Ideale stritten", so der Historiker, „aber das passte nicht ins Frauenbild des Regimes." Und wohl auch nicht in das der Repu­blikaner. Die Frauen, die schließlich von Franco-Schergen hingerichet werden sollten, seien auf ihre spätere Rolle als Krankenschwestern und ihre Opferrolle reduziert worden.

Fest steht: Das Blatt wendete sich für die nationalen Verteidiger, die mit 3.000 Mann in der Minderheit, aber immerhin motorisiert waren, als am 28. August italienische Soldaten und ihre Flugzeuge ins Kriegsgeschehen eingriffen. Die republikanischen Milizionäre hatten bis dahin keinen Ortskern eingenommen. Wäre es ihnen gelungen, nach Son Servera, Sant Llorenç und in das Gebiet von Artà vorzustoßen, wären sie wohl nicht so schnell vertrieben worden, meinen die Forscher. So behielt das Franco-Lager ein strategisch wichtiges, vielleicht kriegsentscheidendes Gebiet: Von Mallorca aus ließ sich nicht nur der Schiffsverkehr im Mittelmeer kontrollieren. Von hier aus flogen auch mit alliierter Hilfe die Flugzeuge Richtung Festland und zerbombten die hochentwickelten katalanischen Industriegebiete.

„Wir müssen eigentlich alles vergessen und ganz von Neuem beginnen", meint Historiker Berger – also die Originaldokumente und die Funde rund um Son Servera sichten. Trotz der zahlreichen entdeckten Patronenhülsen ist es nur ein Teil der ursprünglichen Munition: Zeitzeugen berichteten der Forschergruppe, wie sie als Kinder, damals nach der Schlacht, durch die Wälder streiften und Geschosse sammelten – um das Metall zu verkaufen, aber auch um damit zu spielen, etwa das Pulver zu entzünden. „In Porto Cristo starben vier Kinder bei der Explosion einer Granate", berichtet Aguilera.

Aber auch so bleiben genügend Spuren, die noch ausgewertet werden müssen. Das bis 2022 laufende Projekt sieht Ausgrabungen vor, wofür allerdings noch die Erlaubnis der Grundstücksbesitzer gebraucht wird – und nicht alle zeigten sich bislang kooperationswillig. Auch ein paar Zeitzeugen scheuten das offene Gespräch mit den Forschern. „Eine Seniorin meinte, sie traut uns nicht, aus Angst vor Repressalien." Zum Zeitpunkt der Schlacht war sie acht.

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