Menschlichkeit vor dem ersten Atemzug

Juan Carlos Berdeal ist zum "humansten Krankenpfleger Spaniens" gekürt worden. Er arbeitet im Son-Espases-Hospital auf Mallorca. Seine Schützlinge sind Frühchen. Manche wiegen kaum mehr als 500 Gramm

04.09.2017 | 06:03
Krankenpfleger Juan Carlos Berdeal im Son-Espases-Hospital in Palma de Mallorca kümmert sich gut um die Neugeborenen und ihre Eltern
Das Team um Juan Carlos Berdeal im Son-Espases-Hospital in Palma de Mallorca kümmert sich gut um die Neugeborenen und ihre Eltern

„Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn Eltern von Frühchen weinen vor Angst? Wenn sie verzweifeln, weil ihr Kind so zerbrechlich und klein ist und sie in seinen ersten Wochen auf dieser Welt nicht bei ihm sein können? Oder weil sie nicht wissen, was mit ihm passiert?", fragt Juan Carlos Berdeal eindringlich und fügt hinzu: „Können Sie sich vorstellen, wie es ist, einen Menschen zu sehen, der nur 500 Gramm wiegt – und der das eigene Kind ist?"

Juan Carlos Berdeal ist der „humanste Krankenpfleger Spaniens". Er und sein 65-köpfiges Team auf Mallorca haben diesen Titel im Juli von der gemeinnützigen Organisation AdQualitatem verliehen bekommen. Für besondere Verdienste um die Betreuung von Patienten.

2014 wurde Berdeal zum Supervisor der Neugeborenen-Intensivstation in Palmas Son-Espases-Hospital befördert. Vorher hatte der Galicier bereits viele Jahre als Krankenpfleger in anderen Abteilungen in Son Espases gearbeitet. Als neuer Supervisor setzte er eine Weiterbildung des Personals durch, damit eine neue Philosophie ins Haus einziehen konnte: die der familienzentrierten Versorgung Früh- und Neugeborener. Das Konzept ist einfach: „Die Eltern sollen eingebunden werden, und zwar von vorne bis hinten", sagt Berdeal. Schon vor dem ersten Atemzug. Denn: „Vor allem die Mütter, die oft selbst noch im Krankenhaus liegen, und sich gar nicht vorstellen können, wo ihr Kind plötzlich hin ist, machen sich große Sorgen."

Woher Berdeal das weiß? „Weil ich mit den Patienten spreche", sagt er. Und weil er kurz nach seiner Amtseinführung Umfragen unter den Eltern durchführen ließ. Sie ergaben, was Berdeal von Anfang an vermutet hatte: Viele Eltern haben im Vorfeld der zu frühen Geburt große Ängste und fühlen sich auch in den Wochen danach allein, ausgeschlossen und hilflos. Als Supervisor der Neugeborenen-Intensivstation in Palmas Son-Espases-Hospital hätte Berdeal nicht unbedingt selbst so engen Kontakt zu den Patienten und Eltern pflegen müssen – eigentlich kamen ihm Führungsaufgaben zu. Aber er habe es eben doch getan, war ständig auf der Station, sprach mit den Eltern. „Es war mir wichtig, zu wissen, wie jeder Fall genau aussieht. Um helfen zu können."

Wer heute – zwei Jahre nach der Umstrukturierung – die Neugeborenen-Intensivstation im Son-Espases-Hospital betritt, spürt eine besondere Stimmung. Auch das ist ein Verdienst von Berdeal. In dem großen Raum mit den vielen Brutkästen ist das Licht gedimmt, Maschinen messen den Geräuschpegel und zeigen auf kleinen Anzeigen an der Wand an, wenn eines der gedämpften Gespräche zu laut wird. Die Hektik von den Krankenhausfluren scheint ausgesperrt zu sein. „Dadurch versuchen wir, so gut es geht das Ambiente im Mutterleib nachzubilden", sagt Juan Carlos Berdeal. Gleich am Eingang zeigt eine Fotowand ­Abbildungen ehemaliger Patienten. „We will never forget you" (Wir werden euch niemals vergessen) steht auf einer. „Gracias de corazón" (Danke von Herzen) auf einer anderen. Nachrichten glücklicher Eltern.

Zwischen zehn und 13 Prozent aller Kinder kommen zu früh auf die Welt „Ab der 24. Schwangerschaftswoche ist es wahrscheinlich, dass ein Frühchen überlebt", so Berdeal. Wahrscheinlich, aber nicht sicher. In Son Espases sterben pro Jahr etwa 15 von 260 Neugeborenen auf der Intensivstation. Und auch in diesen Fällen werden die Eltern seit Berdeals Umstrukturierung eingebunden bis zur letzten Sekunde. „Es gibt einen abgetrennten Bereich auf der Station. Wir empfehlen den Eltern, ihr Kind auf dem Arm zu halten, wenn es stirbt." Man kann in Berdeals Gesicht ablesen, wie traurige Erinnerungen in ihm aufsteigen, während er erzählt. Ein Bettlaken oder das Mützchen des Kindes dürfen die trauernden Eltern mit nach Hause nehmen. „Und wir geben ihnen farbige Fußabdrücke des Kindes mit."

Berdeal selbst ist Junggeselle. „Vielleicht habe ich deshalb so viel Zeit, um nachzudenken", sagt er halb im Witz, halb ernst. Obwohl er selbst keine Kinder hat, gehen ihm die menschlichen Dramen rund um Frühgeburten immer wieder nah. Der 44-Jährige ist ein großer Mann, stark und gelassen, man fühlt sich automatisch sicher, wenn er in der Nähe ist. Und: Seine Empathie ist fast greifbar. Ob ihn die Auszeichnung als „humanster ­Krankenpfleger Spaniens" stolz macht? Berdeal wischt das mit einer Handbewegung weg. Nicht, dass er sich nicht über die Auszeichnung freuen würde. Doch wenn er erzählt, ist klar, dass er in keiner Sekunde auf Prunk oder Prämien aus war – sondern einfach nur darauf, den Menschen zu helfen. „Klar hat es vor allem während der Umstrukturierung mehr Arbeit für uns bedeutet. Aber man bekommt es um ein Vielfaches zurück, wenn man sieht, wie dankbar die Eltern dafür sind."

Rechts vom Eingang der Neugeborenen-Intensivstation haben sich Jimena Lamy und Ivan Mena niedergelassen. Schon jetzt merkt man dem Paar die Dankbarkeit an. Als Jimena schwanger wurde, waren die beiden zunächst überglücklich: die ersten Kinder des jungen Paares, und dann auch noch Zwillinge! Doch nicht alles während der Schwangerschaft verlief reibungslos und bald war klar, dass der Nachwuchs vermutlich zu früh auf die Welt kommen wird. Und tatsächlich: Am 10. August erblickten Mia und Marco das Licht der Welt – nach 31 statt 40 Wochen im Mutterleib. Anstatt in ihre Bettchen im frisch eingerichteten Kinderzimmer ging es für sie direkt in die Brutkästen auf der Intensivstation.

Panik? Angst? Verzweiflung? Nein, die jungen Eltern sehen acht Tage nach der Entbindung entspannt aus. Jeder hat einen der Winzlinge auf der Brust liegen, beide fläzen sich auf den grünen Sesseln und wiegen die Kleinen hin und her. Beglückt lächelt Jimena den ­Krankenpflegerinnen zu, die ständig in der Nähe sind, falls sie gebraucht werden.

Jimena und Ivan können zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihren kleinen Zwillingskindern kommen und so lange bleiben, wie sie wollen. Sie werden einbezogen bei der Versorgung der Kinder und ihnen wird erklärt, was genau geschieht und wie sie helfen können. So will es die Philosophie, die Berdeal eingeführt hat.

Ja, erzählen die Eltern, das alles trage dazu bei, dass sie sich wohlfühlen. Doch vor allem seien sie so ruhig, weil sie schon vorher wussten, was auf sie zukommt. Bereits vor der Entbindung konnten sich die beiden in Ruhe auf der Intensivstation umsehen, mit Eltern sprechen, die so wie sie jetzt neben Brutkästen ausharrten, und ungehindert Fragen stellen – ebenfalls ein Verdienst Berdeals. Vor allem aber seien sie entspannt, weil der Zustand ihrer Zwillinge mittlerweile stabil ist. In wenigen Wochen können sie die Station verlassen.

Juan Carlos Berdeal hat diesen Schritt bereits hinter sich. Vor anderthalb Monaten bescherte ihm sein Engagement eine Beförderung, einen verantwortungsvollen Bürojob. Jetzt unterstehen ihm und drei Kollegen rund 800 Krankenpfleger verschiedener Stationen. Trotzdem kommt er immer mal wieder bei den Brutkästen vorbei, nach der Arbeit oder in den Pausen. „Sonst vermisse ich die Menschlichkeit." Gleichzeitig schaut er nach vorne. Schließlich gibt es im Son-Espases-Hospital noch viele Dinge zu verbessern. Und die wollen angepackt werden.

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