Keine Chance den bösen Träumen auf Mallorca

Über dem Bett, im Garten, auf dem Balkon – Traumfänger machen sich überall gut. Auf der Insel sind sie beliebt wie nie. Dabei stammen die Originale eigentlich von ganz wo anders

10.09.2017 | 16:19
In Manacor auf Mallorca zieren rund 200 Traumfänger die Straßen im Zentrum

Vor langer, langer Zeit, da wanderte ein alter Schamane der Lakota-Sioux-Inidianer auf die Spitze eines Berges. Dort hatte er eine Vision: Ihm erschien die Weisheit in Gestalt einer Spinne. Er solle Federschmuck an einen Weidenring hängen und ein Netz in die Mitte weben, sagte die Spinne. Alle bösen Kräfte könnten so durch das Loch in der Mitte des Netzes verschwinden, die guten Kräfte dagegen würden aufgehalten. „Sie können dir helfen, ein glückliches Leben zu führen, in Einklang mit dem großen Geist." So entstand, der Legende nach, der erste Traumfänger.

Die Spanierin Inés hat davon noch nie etwas davon gehört, obwohl sie momentan täglich von Dutzenden Traumfängern umgeben ist. Sie arbeitet seit sechs Jahren in einem Laden in Cala Ratjadas Einkaufsstraße Calle Cala Agulla. „Ich habe keine Ahnung von der genauen Bedeutung der Traumfänger, aber sie sind ein absoluter Trend",sagt sie. „Wir haben sie in diesem Jahr zum ersten Mal im Sortiment und sie verkaufen sich richtig gut." Und zwar die gesamte Bandbreite. Traumfänger mit Bommeln, mit Spiegelchen, gehäkelt und sogar mit Mallorca-Aufdruck hängen an den Ständern der Ladenterrasse. „Die maritime Variante ist besonders beliebt", sagt Inés und deutet auf einen Traumfänger, an dem an ­Naturfaserkordeln zahlreiche Muscheln hängen. Er ist für zwölf Euro zu haben, die kleinen neonfarbenen schon für fünf Euro.

Einige Läden weiter sticht ein Meter großes Mobilé aus Traumfängern ins Auge. 65 Euro will die Inhaberin dafür haben, ihren Namen verrät sie aber nicht. „In vielen Deko-Geschäften und Souvenirshops heißt es handmade. Aber letztlich bedeutet das handmade in Indien", sagt sie. Mit Mallorca haben die atrapasueños, wie sie auf Spanisch heißen, nichts zu tun, trotzdem kaufen gerade Touristen sie in dieser Saison zuhauf. Warum sie gerade jetzt so in Mode sind, kann sich die Ladenbesitzerin auch nicht erklären. „Diese hier mit den weißen Leinen sind sehr beliebt. Hippie Chic, der Trend kommt aus Ibiza", berichtet sie.

Wenn Gisela Hillesheim das hört, lächelt sie. 2015 hat sie mit ihrem Mann Mike einen Rock- und Bikershop auf der Calle Cala Agulla aufgemacht. Auf den ersten Blick passt er mit seinen Lederhüten und überwiegend in Schwarz gehaltenen Kleidungsstücken nicht in das Konzept der typischen Mode- und Souvenirläden in der Umgebung. Doch an Kunden mangelt es nicht – und auch hier hängen Traumfänger zum Verkauf. „Wir haben sie schon ewig im Sortiment, bei uns hat das nichts mit Mode zu tun", erzählt die Deutsche. Wer sich hier für die guten Stücke entscheidet, tut es meist aus esoterischen Gründen oder um ein Stück Amerika mit nach Hause zu nehmen. Seit gut 20 Jahren fahren die Hillesheims immer wieder in die USA und nach Mexiko, um Waren einzukaufen. Früher für nur ihren Laden in Deutschland, seit zweieinhalb Jahren nun auch für den Shop auf Mallorca. „Wir haben schon in Indianerreservaten in Tipis gesessen und die wahren Ursprünge der Traumfänger gesehen", berichtet Gisela Hillesheim. Die dreamcatcher, die sie verkaufen, kommen den Originalen am nächsten.

„Die Netze sind aus Sehnen hergestellt, der Rahmen mit Leder umwickelt. Baumwolle hatten die Indianer früher nicht." Gisela erinnert sich noch an die 80er- und 90er-Jahre, als die Traumfänger in Europa erstmals beliebt wurden. Ob sie an ihre Wirkung glaubt? „Ich glaube an den Placebo-Effekt. Gerade bei Kindern funktioniert es häufig, sie können besser schlafen, wenn der Traumfänger in ihrem Zimmer hängt", sagt sie. Gänzlich geht der jetzt neu aufgekommene Trend aber auch am Rock- und Bikershop nicht vorbei: „Wir haben derzeit vermehrt auch T-Shirts, auf die Traumfänger aufgedruckt sind, da gehen wir mit der Mode."

Dass die atrapasueños in diesem Jahr beliebt sind, hat sich auch Antònia Roig zu Nutzen gemacht. Die Mallorquinerin betreibt den kleinen Modeladen „Ca n'Antònia" im Zentrum von Manacor. Hier gibt es Kleidung, aber auch Accessoires und Deko-Artikel zu kaufen. Wenn Antònia Roig aus der Scheibe ihres Schaufensters hinaus auf die Straße blickt, dann kann sie sehen, was viele Passanten ihre Smartphones zücken lässt: Scheinbar unzählige bunte Traumfänger hängen an naturfarbenen Leinen kreuz- und quer über den kleinen Einkaufsstraßen Calle Bosch, Calle Mercadal und Calle Alexandre Rosselló und auch an der Plaça Weyler, wo Roig ihren Laden hat.

„Es waren mal 220 Stück, das war meine Idee", sagt Roig und man hört den Stolz in ihrer Stimme. „Ich mochte Traumfänger schon immer und wollte die Leute hier in die Straßen locken", erzählt sie. Gemeinsam mit den Inhabern anderer Lädchen in der Umgebung machte sie sich im Frühjahr da­ran, die atrapasueños in mühsamer Handarbeit zu basteln. „Es ist alles Recycling-Material, wir haben viele alte Bettlaken verwendet." Ursprünglich sollten die Traumfänger nur zu den Fiestas im April hängen, doch die Wirkung auf die Passanten war enorm. „Ich werde so häufig gefragt, ob die Stücke verkäuflich seien. Und rund 60 wurden schon geklaut. Es scheint niemanden zu geben, dem sie nicht gefallen." Selbst alte Mallorquiner interessierten sich plötzlich für die Bedeutung der farbenfrohen Hingucker. Deshalb entschieden die Händler, die Schmuckstücke den Sommer über hängen zu lassen. „Und wenn der Herbst kommt, werden wir sie in passenden Farben umdekorieren und neue dazuhängen", so Roig, die – selbst­redend – auch in ihrem Geschäft auf die dekorativen Kultobjekte setzt. „Sie haben halt eine magische Wirkung", sagt sie verschmitzt.

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