Als die Deutschen die Flüchtlinge waren

Otto Klepper, preußischer Finanzminister, stand 1933 vor der Wahl, mit den Nazis zusammenzuarbeiten oder als Staatsfeind festgenommen zu werden. Er entschied sich für das Exil und trat mit seiner Familie eine Odyssee an, bei der auch Mallorca eine entscheidende Rolle spielte

05.11.2017 | 23:57
Otto Klepper mit seinen Töchtern Ingrid (li.) und Renate auf Mallorca.

Otto Klepper (1888–1957) war Jurist, Politiker in der Weimarer Zeit und als Publizist ein prägender Geist der Bonner Republik. In den bislang erschienenen Kurzbiografien über sein Leben finden sich fast immer auch Hinweise auf die vielen Exilstationen, die er nach seiner Flucht 1933 aus Deutschland vor den Nationalsozialisten beziehen musste. Neben Finnland, China, USA, Frankreich und Mexiko war auch Mallorca einer seiner Aufenthaltsorte.

Nach der kürzlich veröffentlichten Klepper-Biografie von Astrid von Pufendorf*, die sich fast wie eine Kriminalgeschichte liest, soll in diesem Beitrag das Exil der ganzen Familie von Klepper auf der Insel Mallorca zwischen 1933 und 1941 etwas näher betrachtet werden. Die Familie von Otto Klepper, der seit 1931 preußischer Finanzminister war, aber schon 1933 nach der Machtergreifung von Hitler vor die Wahl gestellt wurde, entweder in der Nazi-Regierung mitzuarbeiten oder als Staatsfeind behandelt zu werden, bestand zu dieser Zeit aus seiner Ehefrau Gertrud (38 J.), den beiden Töchtern Ingrid (12 J.) und Renate (11 J.) sowie seinem Sohn Martin Otto (9 J.). Alle mussten im Jahr 1933 in Eile aus Deutschland flüchten, nachdem der antifaschistisch eingestellte Otto Klepper mit Haftbefehl gesucht wurde.

Über Umwege nach Palma

Im Frühjahr 1933 hatte die Familie ihr Heim in Berlin-Zehlendorf verlassen. Über Stettin ging es mit dem Dampfschiff „Nordland" nach Finnland, zuerst nur das Ehepaar Klepper, wenig später machten sich auch die drei unmündigen Kinder mit der Hilfe von Freunden auf den Weg. Von Finnland aus fuhren dann alle zusammen auf der „Arcturus" nach Dänemark und gelangten schließlich über Antwerpen nach Paris. Während der Vater von da aus seine Flucht weiter über China, den USA, der Schweiz und wieder Frankreich fortsetzte, schifften sich Frau Klepper und die Kinder Anfang Oktober 1933 in Marseille in Richtung Mallorca ein. Dazu gesellte sich noch die Sekretärin von Otto Klepper, Hedwig von Kalinowski, eine enge Freundin der Familie, die sich bis zuletzt noch um die Kinder und die Wohnung in Berlin gekümmert hatte. Sie hatte es gerade noch rechtzeitig vor ihrer Verhaftung geschafft, wegzukommen.

Verkauf von Handarbeiten

Nach der dramatischen Flucht nach Mallorca bezogen sie nach erstem provisorischen Aufenthalt im Hotel Solarium (Cala Major) das kleine Haus „Sa Caseta" (bei Son Matet, nicht weit vom damaligen „Hotel Príncipe Alfonso"). Mithilfe von amerikanischen Freunden, mit Handarbeiten und dem Verkauf von Wertsachen, konnten sie sich erst einmal „über Wasser halten".

Ein erneuter Wohnungswechsel führte sie in die „Casa Moragues" (Son Alegre/Son Armadams), wo zwei Jahre später, im Juli 1935, auch Otto Klepper, aus Paris kommend, zu seiner Familie stieß. Noch im gleichen Jahr erfolgte dann der nächste Umzug in den „Camino de la Bonanova" (heute „Camí de Corb Marí") im Süden des Villenviertels El Terreno, wo die Kleppers schließlich bis Juli 1941 im Haus Nr. 17 wohnten.

Otto Klepper, der die Zeit einer gewissen Ruhe auch genutzt hatte, um seine bisherigen Erfahrungen im Exil, seine politischen Ideen und wirtschaftspolitischen Zukunftspläne zu formulieren, musste gleich nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs (Juli 1936) wieder Abschied nehmen von Frau und Kindern. Mithilfe des französischen Konsuls in Palma konnte er gerade noch im August 1936 auf einem französischen Schiff nach Marseille entkommen, denn mittlerweile drohte die Gefahr der Auslieferung deutscher antifaschistischer Emigranten an den NS-Staat auch aus Spanien.

Auf keiner Konsulats-Liste

Die übrige Familie konnte sich offensichtlich einigermaßen bedeckt halten und behielt noch bis 1941 ihre Wohnung im Terreno. In Listen von Reichsangehörigen, die im deutschen Konsulat oder bei anderen Behörden geführt wurden, tauchen die Namen der Familie Klepper nicht auf. Nur in den Ausbürgerungslisten des Deutschen Reichsanzeigers finden sich Otto Klepper (April 1937) und seine Frau Gertrud Klepper mit den Kindern Ingrid, Renate und Martin Otto (Januar 1938).

Schule für Flüchtlingskinder

Frau Klepper bemühte sich in den Jahren bis 1941, trotz aller Exilprobleme und materieller Sorgen, ihren heranwachsenden Kindern ein relativ normales Leben in Palma zu ermöglichen. So schickte sie alle drei in den „Mallorca Junior Club", ein privates internationales Bildungs- und ­Erholungszentrum für junge Leute, das von einer Amerikanerin, Dina Moore Bowden, im Terreno, damals im Carrer 14 de Abril, 37 (heute „Avinguda Joan Miro") eingerichtet worden war. In einem Buch des Priesters und Musikers Joan Maria Thomás („Manuel de Falla en la isla", Palma 1947) wird ein kleines Gebäude mit weißen Säulen in einer Art Kolonialstil nahe bei der Plaça Gomila beschrieben, in dem sich neben einer anglikanischen Kapelle, einem Buchclub und einer Leihbücherei auch der „Junior Club" von Mrs. Bowden befand.

Dina Moore, eine Sängerin und Musikliebhaberin aus einer reichen kalifornischen Familie, hatte sich mit Ehemann und Sohn nach einer zweijährigen Reise durch Südeuropa 1932 auf Mallorca niedergelassen und sich dort bald kulturell und sozial engagiert. Ihr großes Interesse an der Bildung emigrierter Jugendlicher und Flüchtlingskinder aus verschiedenen Nationen zeigte sie durch die Gründung des Clubs, den sie auch als Direktorin leitete. Diese erzieherische Jugendbetreuung kam so auch den Klepper-Kindern zugute.

Schutz vor Bombenangriffen

Zwar war in der Bürgerkriegszeit das Terreno-Viertel eine relativ ruhige Zone und deshalb auch ein Refugium für viele Einwohner, von denen einige hier ihre Sommerresidenzen hatten. Dennoch kam es zu gelegentlichen Bombenabwürfen auch auf dieses Stadtgebiet, und die Kleppers mussten sich manchmal in benachbarten Schutzräumen oder frisch gegrabenen Bunkern verstecken.

Trotz allem schlossen die Kinder Freundschaften mit spanischen und deutschen Gleichaltrigen. Die Klepper-Schwestern freundeten sich mit Pastora an, der Tochter von Emili Tramullas, dem damals ersten Direktor der Banca March. Die drei Mädchen hatten sich beim Schwimmen in der Bucht Ca´n Barbarà unterhalb der bekannten „Casa Servera", in der Pastora zuhause war, oft getroffen und näher kennengelernt. Bekannt ist auch eine dicke Kumpanei zwischen Martin Otto Klepper und einem gewissen Hans Kaufmann, vermutlich ein Sohn des Alfred Israel Kaufmann aus dem Carrer Son Armadams, der sich in einer Liste des deutschen Konsulats mit jüdischen Ausländern findet. Zusammen mit anderen deutschen und spanischen Kindern machten sie El Terreno „unsicher" und hatten ihren Spaß an typischen Jungsstreichen, wie Martin Otto später seiner Tochter erzählte.

Er hat auch berichtet, dass er schon früh technisches Interesse entwickelte und beispielsweise mit seinem Vater Otto Klepper, der ja nur etwa ein Jahr bei seiner Familie in Palma sein konnte, sogar ein meerestaugliches Boot mit einfachsten Mitteln bastelte, mit dem beide in der Bucht von Ca´n Barbarà ein wenig herumsegeln konnten. Martin Otto arbeitete später in den USA als Spezialist für Marinetechnik und Schiffsarchitektur.

Der blonde Schwimmstar

Ein anderes erstaunliches Zeichen von relativer Normalität im Leben der heranwachsenden Geschwister findet sich in der mallorquinischen, und sogar in der überregionalen spanischen Sportberichterstattung zwischen 1937 und 1941. Hier wird Renate Klepper immer wieder als Schwimmerin des „Club de Natación de Mallorca" und des „Club de Regatas" erwähnt. Als Mitglied im ersten weiblichen Schwimmteam der Balearen nahm sie an wichtigen Wettbewerben teil und war gut mit dem damaligen Star der mallorquinischen Schwimmsportler, Carmen Guàrdia, sowie anderen Schwimmerinnen wie Tilin Seguí oder Margarita Llobera befreundet, sie alle ebenfalls Pionierinnen dieser Sportart in Spanien.

Flucht nach New York

Nach dem Ende des Bürgerkrieges (1939), den sie heil überstanden hatten, wohnten die Kleppers noch bis zum Juli 1941 im Camino de la Bonanova (Corb Marí). Da sie aber zunehmend unter der Bedrohung standen, von Faschisten entdeckt und zurück nach Nazi-Deutschland deportiert zu werden, flüchteten Gertrud Klepper und ihre
inzwischen 17- bis 20-jährigen Kinder im August 1941 zunächst über Madrid nach Cintra (Portugal). Anfang September gingen sie dann in Lissabon an Bord des Schiffes „Nyassa" mit Bestimmung USA, wo sie schließlich am 27. September 1941 in New York ankamen. Die Freundin der Familie, Klepper-Sekretärin Hedwig von Kalinowski, konnte Spanien wegen fehlender Papiere noch nicht verlassen und erlebte später ihre eigene Odyssee durch Spanien und Nazi-Deutschland.

Mitbegründer der „FAZ"

Gertrud Klepper und ihre drei Kinder fanden schließlich in den USA mit der Unterstützung von Sponsoren und Freunden ihr neues Zuhause. Ingrid, Renate und Martin Otto genossen Ausbildungen an verschiedenen Schulen und Universitäten, konnten beruflich Fuß fassen, gründeten Familien und sind inzwischen, wie ihre Mutter auch, in den USA verstorben. Otto Klepper selbst war nach seiner Irrfahrt im Exil durch Skandinavien, Frankreich, China, USA und Mexiko im Jahre 1947 nach Deutschland zurückgekehrt und übte in Frankfurt am Main seinen Beruf als Rechtsanwalt aus. Er war an der Gründung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" beteiligt und starb 1957 in Berlin.


Erläuterungen des Autors: 
*Astrid von Pufendorf „Mut zur Utopie. Otto Klepper – ein Mensch zwischen den Zeiten" (Sozietätsverlag Frankfurt 2015, 373 S., ab 14,80 Euro). Weiter diente eine Dissertation über Otto Klepper (1997) als Wissensgeber. Eine große Hilfe bei der Spurensuche zum Exil der Familie Klepper auf Mallorca waren Informationen und Fotos, zur Verfügung gestellt von Karen Dixon, der Tochter von Martin Otto Klepper, von Ursula Busch, Tochter der Klepper-Sekretärin Hedwig von Kalinowski, sowie von Tílin Seguí, der letzten noch lebenden Freundin von Renate Klepper aus dem mallorquinischen Schwimmteam. Antoni Mir Marquès, Autor von „Els Tres Bowdens" (2006), verdanke ich Hinweise auf das Leben und Wirken von Dina Moore Bowden. Einblick ins Familienarchiv mit Fotos von
Pastora Tramullas gewährte ihre Tochter, Maria Teresa Escalas.

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