16. Mai 2018
16.05.2018

Mallorcas Vergangenheit in 400.000 Bildern

Guillem Bestard kaufte seine erste Kamera 1898 einem Deutschen ab – und hörte nie wieder auf zu fotografieren. Später taten es ihm ein Sohn und ein Mitarbeiter gleich. Jetzt hat Pollença ihr Archiv erworben. Es ist gewaltig

16.05.2018 | 01:00
Mallorcas Vergangenheit in 400.000 Bildern

Es war irgendwann im Jahr 1898. Ein deutscher Künstler urlaubte in Pollença. Der Mann, dessen Name nicht überliefert ist, quartierte sich in einer Pension im Ort ein und lernte den Sohn der Wirtsleute kennen. Guillem Bestard Cànaves war 17, neugierig und wollte die Welt kennenlernen. Der deutsche Reisende hatte ein Faible für Fotografie und verkaufte dem jungen Guillem eine Kamera – der Startschuss für ein auf Mallorca wohl einmaliges Fotoarchiv, das Arxiu Bestard-Cerdà.

Jetzt kauft die Gemeinde Pollença die rund 400.000 Fotos umfassende Sammlung – die genaue Zahl kennt bisher niemand – für 277.500 Euro. Ein großer Teil der Bilder wurde in Pollença und Umgebung aufgenommen: Landschaftsfotografien, Aufnahmen bedeutender Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts, Bilder von gesellschaftlichen Ereignissen und Straßenszenen, Porträts. Ein kleiner Teil dieser Aufnahmen soll neben ausgedienten Kameras im Museum von Pollença ausgestellt werden. „Wann genau es so weit sein wird, ist noch unklar. Aber wir hoffen, dass es 2019 klappt", sagt der ortsansässige Historiker Pere Salas, der bei der Katalogisierung der Aufnahmen hilft. Geplant ist außerdem, im Casal de Can Llobera, dem früheren Wohnhaus des Dichters Miquel Costa i Llobera, einen Raum herzurichten, in dem ein Teil der Fotos zu Forschungszwecken bereitgestellt wird.

Der große Wert der Sammlung liegt in der Dokumentation eines verschwundenen Mallorcas. Einer Insel vor dem Beginn des Tourismusbooms, einer ruhigen und verschlafenen Gegend im Norden der Insel, in etwa zu der Zeit, als das erste Hotel in Port de Pollença erbaut wurde.

Dass Guillem Bestard sich überhaupt mit dem deutschen Reisenden, der ihm die Kamera verkaufte, verständigen konnte, hatte er einer anderen Deutschen zu verdanken. Der Mallorquiner besuchte die Schule Institució d'Ensenyament, eine von Guillem Cifre und seiner deutschen Frau Clara Hammerl geleitete Einrichtung in Pollença. Hammerl war, nach dem Freitod ihres Mannes, später auch die Sparkassenchefin der örtlichen Caixa Colonya. „Guillem Bestard war äußerst gebildet, er sprach neben Spanisch und Katalanisch auch Deutsch und Englisch", sagt Pere Salas.

Der junge Guillem Bestard verbrachte Stunden um Stunden damit, sich das Einmaleins der Fotografie beizubringen. Einerseits war
er ein Autodidakt, andererseits suchte er die Nähe der zahlreichen Künstler, die Anfang des 20. Jahrhunderts Pollença als Rückzugsort für ihre Arbeit auserkoren hatten. Überliefert sind Treffen mit den Malern Anglada Camarasa, Joaquín Sorolla und Tito Cittadini, einem argentinischer Künstler, der 1960 in Pollença starb. Sie brachten dem jungen Guillem Bestard Kniffe für die Bildkomposition bei.

Gleichzeitig machte Guillem Bestard bereits in jungen Jahren künstlerisch hochwertige Porträtaufnahmen der Maler. Daneben bekam er Personen aus Politik und Zeitgeschichte vor die Linse. So gibt es Bestard-Fotos von Antoni Maura, dem bisher einzigen mallorquinischen Regierungschef Spaniens, von König Alfonso XIII., der zwischen 1886 und 1931 regierte, oder auch von Diktator Miguel Primo de Rivera, der von 1923 bis 1930 an der Macht war.

Und Guillem Bestard machte seine Sache außerordentlich gut. Bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war der Mallorquiner ein Fotograf von Rang, der internationale Preise abräumte. 1910 gewann er auf der Internationalen Foto-Ausstellung in Paris die Goldmedaille für seine Kunst-Fotografien. Darauf folgten weitere Auszeichnungen in Paris, Brüssel und Barcelona. „Man kann behaupten, dass Guillem Bestard der erste professionelle Fotograf Mallorcas war", sagt Pere Salas.

Sobald ein gesellschaftliches Ereignis, eine Hochzeit, eine Kommunion oder auch ein Todesfall anstand, war Bestard mit seiner Kamera vor Ort. „Er konnte damals sehr gut von der Fotografie leben", erklärt Salas. Vor allem die aufkommende Tradition, die Toten der Familie zu fotografieren, sei Guillem Bestard entgegengekommen. „In den gut betuchten Kreisen war es üblich, die Toten von einem Maler porträtieren zu lassen. Dank der Fotografie konnten sich auch einfachere Familien nun eine letzte Erinnerung an den Toten leisten", berichtet Salas – es seien durchaus schaurige Aufnahmen dabei.

Dabei ist die Vielfalt das, was Bestards Werk auszeichnet. So fotografierte er unter anderem die Anfänge des Tourismus in Port de Pollença mit den ersten Hotelbauten, und witterte – geschäftstüchtig war er ohne Zweifel – ein Geschäft mit den Urlaubern. Viele seiner Aufnahmen machte er zu Ansichtskarten und verkaufte sie an Urlauber.

Obwohl er das Interesse an der Fotografie nie verlor, widmete sich Bestard ab Anfang der 30er-Jahre mehr und mehr der Malerei und nutzte dabei seine Kontakte zu den Künstlern Sorolla und Camarasa. In den Familienbetrieb ließ er seinen Sohn Josep nachrücken. Zwischen 1931 und 1951 führte dieser neben dem Hauptsitz in Pollença auch eine Filiale des väterlichen Geschäfts in Alcúdia. Deshalb finden sich in dieser Zeit besonders viele Aufnahmen aus der Kleinstadt. 1947 stieß Joan Cerdà als Mitarbeiter in der Casa Bestard dazu. Josep Bestard starb früh, sein Vater Guillem verkaufte den Betrieb 1959 an Joan Cerdà, weshalb das Archiv heute Arxiu Bestard-Cerdà genannt wird.

Cerdà blieb der Linie seines 1969 verstorbenen Lehrmeisters treu und war mit seiner Kamera bei allen offiziellen Anlässen in Pollença und Umgebung zugegen. So nahm er Anfang der 90er-Jahre den Dalai Lama bei seinem Besuch auf Mallorca auf. „Guillem Bestard und später Joan Cerdà profitierten ungemein von der Tatsache, dass sie sich in Pollença befanden. Ins Hotel Formentor kamen regelmäßig Prominente", sagt Salas.

Jetzt wartet auf den Historiker und seine Mitstreiter in Pollença eine ganze Menge Arbeit. Die 400.000 Fotos wollen gesichtet, katalogisiert und viele davon gescannt werden, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Dabei hilft Maria Cerdà, die Tochter des letzten Besitzers, Joan Cerdà. Es werde streng chronologisch vorgegangen, sagt Pere Salas. Das sei angesichts der schieren Masse an Bildern die einzige Chance. „Wir schnappen uns zunächst die ältesten Fotos und arbeiten uns langsam in Richtung 21. Jahrhundert vor." Die letzten Fotos des Archivs datieren aus dem Jahr 2006.

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