REWE-Touristik-Chef Euling: "Man darf die Mitte nicht vergessen"

24-04-2008  
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Rembert Euling dort wo er am liebsten ist: in seinem Haus in Bendinat.  privat

Seit Februar führt Rembert Euling (52) als Vorsitzender der Geschäftsführung die Geschicke der Rewe Pauschaltouristik mit den Marken Tjaereborg, ITS und Jahn Reisen. Das Unternehmen ist hinter Tui und Thomas Cook die Nummer drei der deutschen Reiseveranstalter auf den Balearen. Der promovierte ­Betriebswirt lebt mit seiner Familie bereits seit 1996 auf Mallorca, wo er bis zu seinem Wechsel zu Rewe geschäftsführender Gesellschafter der Zielgebietsagentur MTS war. Nun pendelt er zwischen der Insel und Köln, dem Sitz der Rewe-Pauschaltouristik.

Von Holger Weber

Sie sind einer der wenigen Top-Tourismusmanager, die in einem Zielgebiet leben.
Tourismus ist ein Geschäft, bei dem man sehr gut die Bedürfnisse der Kunden, der Hoteliers und die Produktionsverhältnisse ver-
stehen muss. Wenn man davon keine Achtung hat, dann ist es sehr schwierig, ein guter Manager zu sein. Dort zu leben, wo man die Reisen produziert, ist deshalb ein großer Vorteil.

Testen Sie an den Wochenenden die Angebote Ihrer Kataloge?
Nein, an den Wochenenden gehe ich lieber aus ... (lacht). Aber ernsthaft: Das Reisen ist für einen Tourismusmanager unentbehrlich. Wenn Sie neue Hotelkonzepte wie beispielsweise die in der Türkei verstehen wollen, dann müssen Sie dorthin fahren und sich diese ansehen.

Hat Mallorca im Vergleich zur Türkei Nachholbedarf?
Nein. Mallorca ist definitiv am Puls der Zeit. Die Insel kann aber nicht über ihren Schatten springen. Große Hotels mit verschiedenen Erlebniswelten - sprich Restaurants oder Pool-Landschaften - sind hier auf Mallorca, wo die Flächen ja bereits verteilt sind, nicht umsetzbar. Dennoch entwickelt sich die Tourismuswirtschaft auf der Insel weiter. Ein gutes Beispiel ist die Playa de Palma.

Mit deren Umgestaltung noch nicht begonnen worden ist.
Ich rede nicht von dem Investitionsprojekt über 350 Millionen Euro. Auch so sind dort eine Reihe guter Hotels entstanden. Die Mallorquiner haben es geschafft, die Playa de Palma wieder interessant zu machen.

Die Hoteliers selbst jammern aber über veraltete Strukturen. Was erhoffen Sie sich von der Umgestaltung?
Sehr viel. Es wird ein Dreieck entstehen, das durch eine Straßenbahn verbunden wird: Playa, Flughafen und Zentrum. Die Playa de Palma würde somit zu einem echten Stadtstrand und auch für Kurzurlauber attraktiv. Das ist ein hochinteressantes Projekt.

Glauben Sie, dass durch die Nominierung des Mallorquiners Joan Mesquida zum Tourismus-Staatssekretär das Projekt endlich an Fahrt gewinnt?
Ich finde, die Wahl ist zu begrüßen, und hoffe zugleich, dass er eine Brücke schlägt zwischen den Balearen und Madrid. Es darf nicht sein, dass Parteipolitik auf dem Rücken einer Region ausgetragen wird, wie es in der Vergangenheit oftmals der Fall war. Das war extrem provinziell.

Hat man aus der Krise zu Beginn dieses Jahrhunderts gelernt?
Ich glaube, das war eine Art Sinnkrise der Mallorquiner. Vorausgegangen war eine Entwicklung mit jährlich steigenden Touristenzahlen. Da gab es zum Teil verständliche Bestrebungen einiger Gruppen, die sagten, hey, stopp: Jetzt lasst uns erst einmal überlegen, was wir überhaupt wollen. Es war Zeit für eine Neubestimmung, die ja auch gelungen ist. Jetzt darf man allerdings nicht die Zukunft aus den Augen verlieren.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen?
Mallorca darf nicht nur eine Insel für die Reichen auf der einen und den Massentourismus auf der anderen Seite sein. Man darf die Mitte nicht vergessen. Ich werde nicht müde, dies zu erwähnen. Das Rückgrat Mallorcas bilden die Kunden mit dem ganz normalen mittleren Einkommen. Ich hoffe, die Hoteliers vergessen das nicht ...

... wenn es an den Verhandlungstisch geht.
Das hat natürlich viel mit Preisen zu tun. Die Zielgruppe im mittleren Segment hat in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren nicht wirklich reale Einkommenssteigerungen erlebt. Man muss da also sehr vorsichtig sein und mit begrenzten Budgets effizient produzieren.

Tui fordert mehr All-inclusive-Angebote. Sie auch?
Unser All-inclusive-Anteil ist mit 30 Prozent bereits sehr hoch. Bei diesem Modell kommt es immer auf das Umfeld an. Es macht keinen Sinn, All-inclusive an der Playa de Palma oder in Peguera anzubieten, wo die Kunden zahlreiche Restaurants zu vernünftigen Preisen finden. Attraktiv an Mallorca ist doch das große sogenannte Komplementärangebot.

Rewe-Touristik unterhält 2.640 Reisebüros - so viel wie kein anderer deutscher Reiseveranstalter. Wird Ihnen bange bei dem Gedanken, dass immer mehr Menschen im Internet buchen?
Reisebüros wird es immer ­geben. Der Deutsche ist es einfach gewohnt, die ganze Organisation über das Reisebüro zu machen. Natürlich spielt das Internet eine zunehmende Rolle. Die Frage ist nur: welche? Studien haben ­gezeigt, dass die Kunden sich im Internet informieren, aber dennoch im Reisebüro buchen, weil sie die Sicherheit und die gute Beratung suchen.

Das gilt vorwiegend bei Reisen in exotische Zielgebiete. Rechnet sich für den Kunden auch auf Mallorca noch die Pauschalreise?
Ja, weil die Reiseveranstalter die Flugkontingente günstiger einkaufen, als sie die Airlines im freien Verkauf anbieten. Die Fluggesellschaften wollen den Reiseveranstaltern, ihren immer noch wichtigsten Kunden, ja nicht wehtun. Wir können zudem den Bodentransfer, das heißt den Transport zum Hotel, wesentlich preisgünstiger anbieten. Fahren Sie mal mit dem Taxi vom Flughafen nach Cala Ratjada und zurück. Da sind Sie locker mehr als 100 Euro los. Das muss man einrechnen. Da nützt es Ihnen wenig, dass Sie einen günstigen Flug bekommen. Und von den berühmten 29-Euro-Plätzen gibt es ja ohnehin nur sehr wenige. 

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:
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