Weg mit der Siesta: Arbeitsfrühstück statt Mittagsgelage

23.10.2008 | 00:00
Mittags erst mal ein mehrstündiges Päuschen: Spaniens Arbeitszeiten sind nicht sehr effizient.
Mittags erst mal ein mehrstündiges Päuschen: Spaniens Arbeitszeiten sind nicht sehr effizient.

Ignacio Buqueras hält sich vorbildlich an seine eigenen Prinzipien zum besseren Umgang mit dem Faktor Zeit. Der Vorsitzende der Nationalen Kommission zur Rationalisierung der spanischen Arbeitszeiten gibt sein Interview schon morgens um 9 Uhr, geht auf die Minute genau ans Telefon und fragt sogleich, wie lange das Gespräch denn dauern werde.

Buqueras hat eben keine Zeit zu verschenken in seinem Kampf gegen die Siesta und die bisherigen spanischen Arbeitszeiten, die traditionell eine mehrstündige Mittagspause vorsehen. Diese Zeiten sind laut der Vereinigung schuld daran, dass zu wenig Zeit für die Familie bleibt, die Spanier zu wenig schlafen und weniger produktiv sind als der Rest der Europäer.

Seit fünf Jahren gibt es die Nationale Kommission zur Abschaffung der Siesta bereits. An ihren Treffen nehmen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft teil. Inzwischen könne man erste Erfolge vorweisen, sagt Buqueras. Führende Unternehmen wie der Energieversorger Iberdrola hätten die Vorschläge aufgegriffen - für die 13.000 Mitarbeiter beginne der Arbeitstag um 7.30 Uhr und sei um 15.30 Uhr zu Ende. Weitere Unternehmen hätten zudem mit Umstellungen begonnen, darunter Telefónica, Repsol oder die Großbank Santander. Und auch bei Arbeitnehmern komme die Botschaft nach und nach an, sagt Buqueras. "Viele Bewerber fragen inzwischen nicht nur nach dem Gehalt, sondern auch nach den Arbeitszeiten."

Seine Regel lautet: acht Stunden arbeiten, acht Stunden für sich selbst, Familie und Freunde, acht Stunden schlafen. In jedem Fall sollte bis 18 Uhr Feierabend sein, fordert die Kommision - und die Mittagspause dürfe nicht länger als eine Stunde dauern. Das reiche aus, sich gesund und nach den Prinzipien der Mittelmeer-Diät (MZ berichtete) zu ernähren.

Mehr noch als um eine Änderung bei den Arbeitszeiten geht es Buqueras um einen vernünftigen Umgang mit der verfügbaren Zeit. "In Spanien wird oft die Anwesenheit im Betrieb mit Arbeit verwechselt." Ein Mentalitätswechsel sei notwendig, statt Präsenz sei Effizienz gefragt. Bisher werde viel Zeit vertrödelt. "Am Montag tauscht man sich über Fußball aus, am Dienstag über einen Spielfilm, am Mittwoch wird das Wochenende geplant..."

Mehr Effizienz heißt zum Beispiel auch mehr Pünktlichkeit, die in Spanien zu wünschen übrig lasse. ?Wer zu spät kommt, den sollte man deutlich als Zeitdieb outen", fordert Buqueras. Pünktlichkeit sei keine Zier, sondern unabdingbar für mehr Effizienz. Dazu gehöre auch, Meetings konsequent zu planen und Arbeitsessen am Mittag ganz zu vermeiden. "Ein mehrgängiges Menü mit Nachtisch und Wein ist nicht gerade ideal, um anschließend um halb fünf die Arbeit fortzusetzen", sagt Buqueras. "Wie wäre es stattdessen mit einem Arbeitsfrühstück?"

Derzeit kämen Arbeitnehmer viel zu spät nach Hause, wo zudem das Fernsehprogramm nicht dazu einlade, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Die Primetime endet anderthalb Stunden später als in anderen europäischen Ländern, meist erst nach Mitternacht. Als vorbildlich bezeichnet Buqueras die "Tagesschau": Spielfilme starten um 20.15 Uhr statt um 22 Uhr, die Zuschauer kommen rechtzeitig ins Bett. Die Spanier dagegen schlafen im Schnitt 53 Minuten weniger als die restlichen Europäer. Das bewirke mehr Stress und lasse die Zahl der Arbeitsunfälle steigen.

Muss eine spanische Tradition also der Globalisierung geopfert werden? Das Argument mediterraner Besonderheiten und zu heißer Sommertage lässt Buqueras nicht gelten. In anderen Ländern am Mittelmeer wie in Griechenland, Italien oder Portugal komme man ja schließlich problemlos mit "normalen" Arbeitszeiten klar. Zudem sei die Siesta keine echte spanische Tradition. "Bis etwa 1930 hatten wir ähnliche Arbeitszeiten wie der Rest Europas, und es wurde gegen 12 Uhr zu Mittag gegessen."

Spaniens zweigeteilten Arbeitstag erklärt Buqueras unter anderem mit den Folgen des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939), als viele Spanier zwei Jobs brauchten, um über die Runden zu kommen - einen am Vormittag und einen zweiten am Nachmittag. Zudem hätte man sich etwa Großgrundbesitzern angepasst, die morgens nicht aus dem Bett kamen und die Arbeit in den Nachmittag verlegten.

In einem Monat findet in Tarragona (Katalonien) der dritte spanien­weite Kongress zur Abschaffung der Siesta statt. Trotz vollmundiger Versprechungen der Parteien lasse deren Engagement für bessere Arbeitszeiten bislang zu wünschen übrig, bemängelt Buqueras. Dabei sei gerade in der jetzigen Wirtschaftskrise mehr Effizienz gefragt. Doch der Wechsel komme - langsam, aber unaufhörlich. Da ist sich Ignacio Buqueras ganz sicher.

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