Schwul auf Mallorca: Projekt Regenbogen-Viertel

26.02.2010 | 10:20
Hier konzen-trieren sich die Szene-Lokale: Kristin Hansen mit ihrer Gay-Map.
Hier konzen-trieren sich die Szene-Lokale: Kristin Hansen mit ihrer Gay-Map.

Die Regenbogen-Fahne auf einem der Balkone wirkt ein bisschen verloren. An vielen Ecken sind die Rollläden dauerhaft heruntergelassen, ein leer stehendes Haus steht seit Jahren zum Verkauf. Übereinandergeklebte Plakate auf einer verstaubten Schaufensterscheibe werben für Partys in den Szene-Discos. Nachts steppt hier der Bär – tagsüber sieht Palmas Ausgeh- und Schwulenviertel vielerorts trostlos aus.

Aber nicht überall. Wer genauer hinschaut, entdeckt Zeichen des Aufbruchs in Gomila, das nun auch tagsüber attraktiver sein will. Im Café „Michel" sitzen junge Pärchen beim Mittagessen. Nebenan hat das Modegeschäft „Soft for men" geöffnet. Underwear, Beachwear, XTG-Pants, Calvin-Klein-Shirts – „ein Jungs-Geschäft für ein Jungs-Viertel", fasst Verkäufer Diego das Angebot zusammen. „Soft for men" gibt es seit Juni. Und die Reihe der Neueröffnungen lässt sich fortsetzen: ein Blumenladen, ein Restaurant, mehrere Cafés und Pubs, und alle richten sich – nicht nur, aber auch – an Schwule und Lesben.

Wie viele es genau sind, hat Kristin Hansen gezählt. Die deutsche Unternehmerin ist Mit­herausgeberin der zweimal jährlich erscheinenden „Mallorca Gay Map", einer schwul-lesbischen Mallorca-Karte mit Tipps zu allen einschlägigen Angeboten. Hansen geht die Liste aller Adressen durch – immerhin 15 Lokale in Gomila seien inzwischen annonciert. Eine solche Konzentration gibt es nirgendwo anders auf Mallorca: von Discos inklusive sogenanntem Darkroom wie dem „Black Cat" über Gay-Saunen und Gay-Hotels bis hin zu Szene-Cafés für Lesben oder Schwule.

Die Aufbruchstimmung wollen nun die Unternehmer in Gomila für sich nutzen. „Jede größere Stadt hat ein eigenes Schwulen-Viertel", sagt Javier Martín vom Café „El pecado de Eva", das es inzwischen seit einem Jahr gibt. In das Viertel sei neues Leben eingezogen, und nach und nach werde Gomila wieder attraktiv, und zwar nicht nur für Schwule und Lesben. „Bei uns ist jeder willkommen, wir schließen niemanden aus." Martín schwärmt von der Feier zum Christopher Street Day vor wenigen Wochen, zu der auch viele Familien mit Kindern gekommen seien – Toleranz werde in Gomila großgeschrieben, das Viertel zunehmend auch als Wohnort für Homosexuelle attraktiv. Ein renoviertes Apartmenthaus sei inzwischen fest in schwuler Hand, ein weiteres für dieselbe Zielgruppe in Planung.

Wird Gomila also eine Provinz-Version von Chueca, wie das Schwulenviertel in Madrid heißt? Dort hat sich das frühere Drogen- zum Trendviertel gemausert. Der Vergleich ist den meisten dann doch zu gewagt. Unternehmerin Hansen spricht lieber von einem geschickten Marketing-Konzept, um Gomila der schwul-lesbischen Zielgruppe näherzubringen und beispielsweise gemeinsam in Reiseführern aufzutreten. Auch Miguel Ángel Camacho von der Schwulen- und Lesben-Vereinigung Ben Amics scheut den Vergleich. „Palma ist nicht Madrid." Gomila sei seit den 80er Jahren ein Ausgehviertel für Schwule, und jetzt gehe es einfach darum, die Gegend aufzupolieren.

Das wäre auch den Ladenbesitzern in Gomila recht, die keine Regenbogenfahne gehisst haben. So heruntergekommen das Viertel heute wirkt, so hell erstrahlt es in der Erinnerung: Damals, in den 50ern und 60ern, als Künstler, Abenteurer und Bohèmes das Viertel belebten. „Das war hier das Puerto Portals von Palma", erinnert sich ein Gast in einer Bar.

Und jetzt das Comeback von Gomila, im Zeichen des Regenbogens? Der Wirtin, die gerade den Boden schrubbt, wäre jeder Investor recht. „120.000 Euro, und die Bar gehört Ihnen." Etwas anders sieht die Sache Àngel Domènech, Vorsitzender des Anwohnerverbands. „Weder wollen wir ein Themenviertel noch ein Etikett." Man habe zwar nichts gegen Homosexuelle, doch das Konzept eines Schwulenviertels passe nicht. Domènech spricht lieber von einem pluralistischen Viertel, in dem jeder willkommen sei. Ein „Ghetto" könne zudem dazu
führen, dass nur noch mehr Nachtlokale öffneten.

„Hier stören nicht die Schwulen, sondern die zügellosen Partys", sagt Carlos Santos, Verkäufer in einer Eisenwarenhandlung. Denn das Nachtleben hinterlässt auch noch am späten Vormittag seine Spuren, wenn die letzten Partygänger aus den sogenannten afters nach Hause wanken. Das sei zum Glück bereits ein wenig besser geworden. Und es würde noch besser werden, wenn weiter investiert werde, argumentiert Gastronom Martín: „Ich erinnere nur, wie es hier vorher zuging."

Um von einem „echten" Schwulenviertel zu sprechen, wäre nach Einschätzung von Hansen zudem noch mehr Angebote erforderlich. „Man könnte noch ein Reisebüro, ein Fitnessstudio oder einen Supermarkt eröffnen – alles, was eine kleine Community braucht, um selbstständig leben zu können." Die 33-Jährige gibt unter ihrer Marke „Mythos" die Gay-Maps inzwischen auch für andere Städte heraus, sie organisiert Hochzeiten für schwule und lesbische Paare sowie auch Trips mit dem Partyboot. Und Ende Juli hat sie auch ein Lokal mit Namen „Mythos" eröffnet. Es soll Café, Club und Kultur kombinieren und ein gemischtes Publikum anziehen.

Allerdings befindet es sich nicht in Gomila, sondern am Paseo Marítimo. Und auch die Szene-Disco „La Demence" ist schon vor Jahren ausgezogen – ins Gewerbegebiet Son Castellot. Braucht man also wirklich ein barrio gay, wo Schwule und Lesben unter sich sind – und das im heutigen Spanien, wo Homosexuelle heterosexuellen Paaren bis hin zu Ehe und Adoption gleichgestellt sind? Zumindest müsse man sich unter seinesgleichen keine Gedanken machen, wenn man spontan seine Freundin küsse, sagt Hansen. „Es wäre schön, wenn das Thema endlich gegessen wäre."

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