SILKE DROLL UND THOMAS FITZNER
Plötzlich geht das Licht aus, die Trommler schlagen auf ihre Instrumente ein und durch das Halbdunkel huschen Gestalten, an denen Glocken bimmeln und an deren Köpfen Hörner auszumachen sind. Die dimonis. Dann ein Knall und mit einem Mal ist der Teufel los, im Wortsinn: Maskierte Figuren tanzen über den Platz, in ihren Händen lange Stäbe, von deren Spitzen ein Funkenregen wirbelt.
Diejenigen, die diesen Nervenkitzel auf den Balearen regelmäßig bei allerlei Festen, aber vor allem im Januar, produzieren, sind die insgesamt 26 Teufelsvereine (colles de dimonis) mit jeweils 20 bis 50 Mitgliedern. Sie bereiten sich das ganze Jahr über auf ihre correfocs vor, sie üben den Umgang mit dem Feuer, feilen an ihren Tänzen und ihrer musikalischen Untermalung.
Doch der Brauch, der so uralt und archaisch daherkommt, wurde auf Mallorca erst vor rund 20 Jahren eingeführt. „Damals schlossen sich erstmals Bürger zu einem Teufelsverein im Dorf San Joan zusammen", sagt Felip Munar, Dozent für Populärkultur an der Balearen-Universität. Vorher gab es zwar auf den Festen Mallorcas die Figur des Teufels, aber keine Teufelsvereine mit ihren dramaturgisch gestalteten Feuerläufen, den correfocs.
Vorbild für die neuen Teufelsgruppen war eine correfoc-Show vom Iguana Teatre Ende der 80er Jahre. Das Unternehmen, das in diesem Jahr auch das atiarfoc in Palma (s. Kasten) organisiert, hatte sich dabei von Feuerläufen in Katalonien inspirieren lassen. Dort sind Teufelstänze schon seit dem 12. Jahrhundert bekannt. „Es gibt eine Erwähnung eines Teufelstanzes bei einer Hochzeit der aragonesischen-katalanischen Krone 1150", sagt Felip Munar. Weil auch Mallorca zu diesem Reich gehörte, könnte es sein, dass es im 13. Jahrhundert auch auf der Insel correfoc-ähnliche Umzüge gab. Fest steht auf jeden Fall, dass sie dann wieder verschwanden.
Munar erklärt sich die neuzeitliche Begeisterung für die correfocs mit dem menschlichen Bedürfnis nach der Überschreitung von Alltagsbarrieren, der Lust an der Verwandlung und dem Spiel mit dem Feuer. Auch die Suche nach Gemeinschaftserlebnissen und einer Besetzung des öffentlichen Raums in einer Zeit der Individualisierung spiele eine Rolle.
Die schnelle Ausbreitung der alten, neuen Tradition auf Mallorca verwundert Munar, wie auch seinen deutschen Kollegen Hermann Bausinger nicht. „Man vergisst oft bei Bräuchen, das die immer irgendwann anfangen. Dieses ´uralt´ wird häufig überschätzt", sagt Bausinger, einer der führenden Vertreter seines Fachs – der Volkskunde – in der Bundesrepublik. Die Entwicklung der Teufelsvereine auf Mallorca erinnere ihn stark an die Gründung der Narren-Vereine Ende der 50er Jahre im Rheinland und im Südwesten Deutschlands. Zuvor sei der Karneval dort deutlich unorganisierter abgelaufen.
Auch der Glaube, dass immer mehr Traditionen verloren gingen, sei falsch. „Es gab noch nie so viele Bräuche wie heute", sagt Bausinger. Das Bedürfnis danach, das „etwa los sei", sei groß und viele neuen Vereine bedeuteten einen Brückenschlag zwischen Tradition und Spaßgesellschaft.
Dies trifft wohl auch auf Mallorca zu. Denn, wie Munar gerne zugibt, seien die Feste auf Mallorca früher deutlich monotoner ausgefallen. „Man hat sich mit weniger amüsiert. Es gab hauptsächlich viel zu essen, alles vom Schwein, man sang ein paar Lieder und veranstaltete das ein oder andere Spiel."
In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
– Hilfaktionen: Auch Mallorca sammelt für Haiti
– Millionentrick des Nobelpreisträgers: Urteil im Erbstreit Cela
– PP-Spitzenpolitiker stärken Ramón Bauzá den Rücken
– Angriff auf den Urlaubsmarkt: Jetzt kommt Quo Vadingo
– Serie Überfischung: Eindringlinge unter Wasser
Diese Artikel finden Sie auch hier.