Winter auf Mallorca: Cala Egos in Blues-Stimmung

In kleinen Ferienorten wird das Überwintern immer schwieriger. In dem Ort an der Südküste hat jetzt auch noch der letzte Supermarkt dichtgemacht

07-01-2010  
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Ist da irgendjemand? In Cala Egos haben fast alle Läden geschlossen. Fast.
Ist da irgendjemand? In Cala Egos haben fast alle Läden geschlossen. Fast.  Fotos: Feldmeier

FRANK FELDMEIER „Es ist richtig unheimlich“, sagt Ingrid Merkle, und ihre Stimme hallt wider von den Fassaden geschlossener Geschäfte. Cala Egos im Januar wirke ein bisschen wie eine Szene aus einem Katastrophenfilmen, sagt die deutsche Teilzeit-Residentin aus Frankfurt am Main – Filmen, in denen plötzlich alle Menschen verschwunden sind, und der Protagonist allein durch verwaiste Straßen irrt.

Tatsächlich sind in der Siedlung bei Cala d‘Or an der Südostküste von Mallorca nur zwitschernde Vögel zu hören. Weiße Farbe oder Zeitungspapier verdeckt die Fenster der Lokale, Laternen und Blumenkübel sind ebenfalls eingewickelt. Auf Schildern steht „Se vende“ (zu verkaufen) oder „Se traspasa“ (Nachmieter gesucht).

Wer einen Spaziergang unternimmt, landet so zwangsläufig „bei Paul und Belli“, im chirin­guito des Schweizers Paul Künzler. Der 61-Jährige betreibt die Bar seit sieben Jahren, und jedes Jahr werde es im Winter trübseliger. Die deutschen Langzeit-Urlauber seien inzwischen komplett an die Playa de Palma abgezogen, und die Engländer ließen sich kaum mehr blicken, erzählt Künzler, während aus dem Radio die Moll-Akkorde von „Blue River“ erklingen. Im Winter zu öffnen, lohne sich nicht wirklich, so Künzler, „ich bin froh, wenn die Kosten hereinkommen“.

Die deutschsprachigen Winter-Residenten würden es ihm wohl nicht verzeihen, wenn auch er den Laden dichtmachen würde. „Beim Paul ist man gut aufgehoben“, heißt es in der Runde, die im vertrauten Kreis ihre Sorgen über das idyllische Cala Egos austauscht. Die früher im Winter noch aufrechterhaltene Grundversorgung gibt es nicht mehr. Von drei Supermärkten habe keiner mehr offen. Die Apotheke öffne nicht einmal mehr stundenweise. Und auch die Bank habe dichtgemacht, sogar der Bildschirm des Geldautomaten bleibt dunkel.

Das Supermarkt-Problem hatte sich bereits Ende Oktober abgezeichnet. „14 Tage habe ich versucht, Schnittlauch zu kaufen“, sagt die Schweizerin Heidy Wiesendanger über die örtliche Eroski-Syp-Filiale. Doch ein Regal nach dem anderen habe sich geleert, es blieben nur ein paar Milchtüten und Konserven – und im November war dann ganz und gar Schluss.

Seitdem unternimmt Wiesendanger einen halbstündigen Spaziergang zum nächsten Supermarkt in Cala d‘Or. Und als der Seniorin vor kurzem auf dem Heimweg die Tüten rissen, ließ sie sich und ihre Einkäufe kurzerhand im Taxi nach Hause fahren.

Wenn denn ein Taxi kommt. Residentin Merkle behilft sich, indem sie bei Bekannten mitfährt. Aber das könne doch kein Dauerzustand sein: „Ich will auch nicht immer Freunde anbetteln.“ Zudem sei es auch nicht gerade umweltfreundlich, wenn man sich ins Auto setzen müsse, um Toast und Milch fürs Frühstück zu kaufen.

Beim Unternehmen Eroski versteht man die Sorgen der Anwohner, verweist aber auf die mangelnde Rentabilität der Filiale im Winter. Fernando Pereda, Leiter der auf den Balearen führenden Supermarktkette, bezieht sich auf den Caprabo-Markt in Cala d‘Or, den Eroski-Syp im Zuge seiner Expansion übernommen hat. „Im Winter konzentrieren wir uns auf diese größere Filiale.“ In dem kleinen Laden in Cala Egos sei der Umsatz beispielsweise bei der Versorgung mit Frischprodukten einfach zu gering, argumentiert Pereda. Zu Ostern werde die Filiale in Cala Egos aber wieder öffnen.

Bis dahin müssen die Residenten durchhalten. Zum Glück halte man in Cala Egos zusammen, sagt Merkle. Sie wohnt in einer der drei großen Apartmentanlagen in Cala Egos, ihre ist die größte mit 196 Wohneinheiten. Auf dem Weg zum Strand, der fünf Gehminuten entfernt ist, begegne man dem einen oder anderen Ruhesuchenden. Und während das Leben auf den Straßen zum Stillstand gekommen ist, steigt „bei Paul und Belli“ die Stimmung. Zu Silvester vergangene Woche fanden die letzten erst gegen halb sieben nach Hause.

In dem chiringuito kann man zu jeder Tageszeit aufkreuzen, immer findet sich jemand zum Plausch. Aber auch sonst werde der Ruhestand oder das Priva­tiers-Dasein niemals langweilig: Lange ausschlafen, mit dem Hund rausgehen, ein bisschen Haushalt, ein paar Telefonate, Lesen, Musik hören, aufs Meer gucken – die Tage vergingen wie im Fluge, versichert Merkle. Und falls doch Langeweile aufkommt, könnte man sich ja zusammentun und eine Supermarkt-Kooperative auf die Beine stellen, witzelt die Gruppe der Winterresidenten.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Leichtes Opfer für den Sturm: Silvester in Port d‘Andratx
- Innovationen in Capdepera: Mit dem Audioguide durchs Kastell
- Serie Überfischung: Die Meeresschützer

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