Wirtschaftskrise auf Mallorca: Letzter Ausweg Kinderzimmer

Sie waren bereits vor Jahren ausgezogen, hatten einen Job und eine eigene Wohnung. Doch die Krise treibt tausende junge Erwachsene aus der Unabhängigkeit wieder zurück ins Elternhaus

04-02-2011  
Vertauschte Rollen: Seit Arturo wieder bei seiner Mutter wohnt, kümmert er sich ums Mittagessen
Vertauschte Rollen: Seit Arturo wieder bei seiner Mutter wohnt, kümmert er sich ums Mittagessen Foto: Terrassa

SILKE DROLL Bereits zehn Jahre lang verdiente Laura Duran (30) ihr eigenes Geld, zunächst als Fotografin, dann als Fernsehjournalistin. Auch ihr Studium der Kunstgeschichte finanzierte sie selbst. Ihr Leben war anstrengend, aber abwechslungsreich. Immer wieder gab es neue Aufträge von Produktionsfirmen, ihre Programme liefen mit hohen Zuschauerzahlen beim balearischen Regionalsender IB3. Ihr Elternhaus in Portocolom verließ sie früh, sie lebte alleine oder in WGs in Palma und war stolz darauf. „Meine Selbstständigkeit war mir immer sehr wichtig", sagt sie.

Dann aber gab es immer weniger Arbeit, die Zeitverträge wurden kürzer, die Bezahlung schlechter, die Wirtschaftskrise zeigte ihr hässliches Gesicht. Im vergangenen Oktober endete ihr letzter Auftrag, für ein halbes Jahr wurde ihr die Not-Sozialhilfe von 420 Euro gewährt. Doch das reichte kaum, um ihr Zimmer und Essen zu bezahlen. Es war Laura Durans privater Super-Gau. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu ihren Eltern zurückzukehren. „So spare ich mir die Miete und das Geld für Lebensmittel. Aber emotional ist das schwer zu verkraften. Da ist man 30 Jahre alt, denkt, man hat alles geregelt – und dann das."

Das Schicksal der gezwungenen Rückkehr zu Mama und Papa teilt Laura Duran mit tausenden anderen jungen Erwachsenen auf Mallorca. Längst hatten sie sich abgenabelt, doch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise setzen ihnen so sehr zu, dass sie der letzte Ausweg wieder heim ins Kinderzimmer führt. In nur einem Jahr ist die Zahl der 18- bis 34-Jährigen auf den Balearen, die nicht bei ihren Eltern leben, um 19.000 Personen zurückgegangen. Das geht aus der Studie des spanischen Jugendverbandes (Consejo de la Juventud de España) hervor. Mitte 2010 lebten auf den Balearen gut die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen nicht mehr bei ihren Eltern. Die Inseln, die zuvor Spaniens Regionen mit der höchsten Prozentzahl unabhängiger junger Erwachsener anführten, fielen damit im landesweiten Vergleich auf den dritten Platz hinter Valencia und La Rioja zurück. Der spanische Durchschnitt liegt nur bei 45,8 Prozent.

In Deutschland leben deutlich weniger junge Erwachsene bei ihren Eltern. So wohnten etwa von den 25-Jährigen laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2009 nur noch 30 Prozent zu Hause.

Viele junge Spanier schlugen sich bereits vor Ausbruch der Wirtschaftskrise als mileuristas (Geringverdiener mit Einkommen unter 1.000 Euro) mit Zeitverträgen in der Schattenwirtschaft und unbezahlten Überstunden durch. Sie haben nun nur einen sehr niedrigen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder wegen Schwarzarbeit überhaupt keinen.

Zudem gibt es viele verhinderte Nestflüchter. Mehr Schulabgänger auf Mallorca als früher nehmen infolge der Krise ein Studium in Angriff, statt sofort zu arbeiten. Gleichzeitig wählen sie dabei eher die heimische Balearen-Universität als eine Hochschule auf dem Festland, um die Kosten niedrig zu halten, und bleiben bei ihren Eltern.

Dabei ist eine bessere Ausbildung bei weitem kein Garant für eine bessere Zukunft. Der 27-jährige Arturo Montesinos kann davon ein Lied singen. Er arbeitet heute im gleichen Job (in der Bildbearbeitung eines Verlags in Palma) wie vor sieben Jahren. Der Unterschied: Damals war er ein Schulabbrecher, der nicht einmal den Pflichtabschluss gemacht hatte. In der Zwischenzeit hat er sein bachillerato nachgeholt und eine Ausbildung als Tontechniker abgeschlossen. Damals wohnte er in einer WG, heute wieder bei seiner Mutter. Ähnlich wie Laura hielt sich Arturo schon während seiner Ausbildung mit Nebenjobs alleine über Wasser, teilte mit seiner Freundin die Wohnung. Als diese aber in Spanien keinen Job mehr fand, ging sie Anfang 2010 nach England. Arturo musste nun die komplette Miete bezahlen und fand nach seiner Ausbildung keine Arbeit in seinem Beruf. „Erst war ich Anzeigenverkäufer ohne Basislohn, dann Nachtschicht schiebender Rezeptionist für 700 Euro im Monat."

Einen Monat lang lebte er ohne Strom, weil er die Reparatur der Leitungen nicht bezahlen konnte. Immer mehr Rechnungen kamen zusammen, dann unterschrieb er noch einen Vertrag für eine Schulung zum Flugbegleiter für 3.000 Euro. Doch noch vor Kursbeginn konnte er im vergangenen Sommer überraschend wieder bei seinem alten Arbeitgeber anfangen. „Ich mache den gleichen Job wie damals für 100 Euro weniger", sagt er und freut sich darüber. Um seine Schulden abbauen zu können, ist er wieder bei seiner Mutter eingezogen, schläft in seinem alten Kinderzimmer. „Wir verstehen uns gut, sie macht mir keine Vorschriften und wegen unserer Arbeitszeiten sehen wir uns nur mittags zum Essen. Bei meinem Vater wäre es viel schlimmer", sagt Arturo, dessen Eltern getrennt leben.

Plötzlich wieder als Kind behandelt zu werden statt als Erwachsener, das ist für die unfreiwilligen Rückkehrer das Schlimmste. „Auf einmal wird wieder nachgefragt, wann ich nach Hause komme. Und manchmal verhalte ich mich wieder selbst wie in der Pubertät", berichtet Luis Rodríguez (Name geändert). Der 33-Jährige hat vor einem Jahr Zuflucht bei seinen Eltern gesucht, weil er seine eigene Wohnung nicht mehr halten konnte – obwohl sich sein Arbeitsvertrag nicht geändert hat. „Offiziell bin ich nur wenige Stunden beschäftigt. Alles darüber hinaus wird schwarz bezahlt", berichtet er. Seit er sein Philosophie-Studium vor sechs Jahren abgebrochen hat, arbeitet er im Hafengelände als Fahrer und befördert ankommende Waren von den Fähren zu Lastwagen. Doch es gibt deutlich weniger zu tun als vor der Krise. „Deswegen verdiene ich jetzt weniger als die Hälfte, nur noch rund 500 Euro." Nun hofft er, bei der nächsten Ausschreibung eine Stelle als Busfahrer bei der städtischen Transportgesellschaft EMT zu ergattern.

Arturo will so viel Geld wie möglich sparen und dann sein Glück als Tontechniker im Ausland versuchen. Laura baut mit einer Freundin ein kleines Mode-Label auf, organisiert Veranstaltungen und fängt demnächst einen Master in asiatischer Kultur an. „Ich hoffe, dass ich noch vor dem Sommer meine Unabhängigkeit zurückerobert habe."

In der Printausgabe vom 3. Februar (Nummer 561) lesen Sie außerdem:
- Krise in Ägypten: Mallorca steht als Alternative bereit
- Wahlkampf: Der neue PP-Kandidat für Palmas Rathaus
- Zwei Tote bei Ehedrama in Calvià

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