Countdown zum Abriss: Der Brückenbau zu Porto Cristo

Mit Bauarbeiten mitten in der touristischen Hochsaison steuert der jahrelange Konflikt um die illegale Brücke in dem Küstenort seinem Höhepunkt entgegen

11-08-2011  
Blick von der neuen Brücke: Arbeiter verlegen Stromkabel und Wasseranschlüsse auf die alte Brücke (Bildmitte), am Ufer ist ein Graben ausgehoben (li.).
Blick von der neuen Brücke: Arbeiter verlegen Stromkabel und Wasseranschlüsse auf die alte Brücke (Bildmitte), am Ufer ist ein Graben ausgehoben (li.).  Foto: Feldmeier

FRANK FELDMEIER Der Blick vom Balkon ist für René Kielhorn mitunter spannender als jedes Fernsehprogramm. Der Deutsche, der seit rund 15 Jahren in Porto Cristo an der Ostküste von Mallorca wohnt, kann derzeit das neueste Kapitel in der Posse um die umstrittene Brücke des Touristenorts an der Ostküste verfolgen. Zu sehen ist ein Graben, der entlang des Sturzbachs Riuet gebaggert wurde. Mit schwerem Gerät ist ein Bautrupp auf der alten, rund 100 Meter entfernten Brücke von Porto Cristo zu Gange. Es staubt, der Lärm tönt weithin – und nur wenige Urlauber verirren sich in die Lokale an der Promenade.

Die Arbeiter verlegen Stromkabel und Wasserrohre. Die Arbeiten müssen bis 26. September abgeschlossen sein – denn spätestens dann muss laut einem Gerichtsurteil mit dem Abriss der erst 2004 errichteten neuen Brücke begonnen werden. Sie ist die einzige Verbindung zwischen dem Ortskern und dem westlichen Teil des Ortes und somit auch den Drac-Höhlen. Ihr Bau kostete 1,1 Millionen Euro, ihr Abriss voraussichtlich 1,5 Millionen Euro. „Hat Mallorca im Lotto gewonnen?", fragt Kielhorn.

Noch weniger Verständnis haben die Geschäftsleute an der Promenade dafür, dass die Arbeiten ausgerechnet zur Hauptsaison beginnen. „Man kommt sich vor wie in einem Kriegsgebiet", sagt Antonio Gonzáles. Sein Restaurant hat er erst vor wenigen Monaten eröffnet, nun bleibt die Terrasse trotz Hauptsaison weitgehend verwaist. Der Wirt fühlt sich von Politik und Justiz im Stich gelassen.

Zu Beginn vergangener Woche gelang es einigen Dutzend Demonstranten, die Arbeiten zu stoppen. Doch am dritten Tag war die Polizei stärker, wie Kielhorn berichtet: „Wir haben es noch mal probiert, aber sie hatten ein Rollkommando aus Palma geschickt."

Der Konflikt um die neue Brücke brodelt seit ihrem Bau zwischen 2002 und 2004, jetzt treibt er seinem Höhepunkt entgegen. Das balearische Oberlandesgericht hat in einer Reihe von Urteilen und Beschlüssen alle Versuche der Politik zur Rettung der Brücke endgültig verhindert.

Geklagt hatten Anwohner – sie mussten mitansehen, wie die Brücke so nahe an ihren Apartments gebaut wurde, dass sie praktisch über das Balkongeländer führt und sich mehrere Fenster nicht mehr öffnen lassen. Und im folgenden Hin und Her von Urteilen, Widersprüchen und Erklärungen ist schon fast vergessen, was das Problem ist und wer Schuld hat.

Ihren Ursprung hat die Posse im Jahr 1968. Damals wurde die neue Brücke in den Infrastrukturplan aufgenommen, aber nicht gebaut. Der Gebäudekomplex Cap des Toi, in dem heute die Kläger wohnen, entstand in den 70er Jahren, unter großzügiger Interpretation der Bauvorschriften. Als die Brücke schließlich in den 90er Jahren auf den Weg gebracht wurde, stand nicht nur das Gebäude im Weg, die Baupläne wichen auch von den ursprünglichen Vorgaben ab: Mit 7,5 Metern Höhe und 11 Metern Breite fiel sie größer aus als ursprünglich geplant. Was da gebaut wurde, sei im Infrastrukturplan nicht vorgesehen gewesen, urteilte das balearische Oberlandesgericht (TSJB) im Februar 2007.

So klar das Urteil, so schwierig die Suche nach dem Schuldigen. Zwar wurde der Brückenbau beschlossen, als die Sozialisten in der Legislaturperiode 1999-2003 mit der Porto-Cristo-Lobby AIPC regierten – doch den Entschluss trug auch die damalige Opposition der Konservativen (PP) mit, die später mit AIPC regierte. Sie verteidigte die Brücke nach dem Urteil als legal und ging erfolglos in Berufung: Das Gericht verurteilte die Stadt Manacor schließlich im März 2010 dazu, einen Abrissplan auf den Weg zu bringen und bis Dezember desselben Jahres umzusetzen.

Die Verantwortlichkeit ist auch deswegen schwer zu klären, weil Gemeinde, Inselrat und Landesregierung die Brücke zu gleichen Teilen finanzierten. Die Stadtverwaltung verweist auf Gutachten der balearischen Umweltkommission von 1998 und 2000. „Vielleicht müsste man die Sachbearbeiter zur Rechenschaft ziehen", sagt heute Salvador Vadell, Vorsitzender der Einwohner-Vereinigung. „Aber die Politiker hätten ein strengeres Auge auf die Vorgänge haben müssen."

Auch die zwei letzten Versuche zur Rettung der Brücke scheiterten: Zum einen kamen Verhandlungen mit den Klägern über Entschädigungen in Gang. Doch das beeindruckte das Gericht ebenso wenig wie ein Gesetz des Balearen-Parlaments von Juli 2010, das mit den Stimmen der PP und der Regionalpartei Unió Mallorquina (UM) zustande kam und die Brücke nachträglich legalisieren sollte. Diesen Schritt interpretierte das Gericht als unzulässige Einmischung in die Justiz und gewährte eine letzte Frist bis September dieses Jahres.

„Diese Entscheidung macht uns die Hauptsaison zunichte", sagt Jordi Sansó. Er brät in seiner Bar neben der alten Brücke gerade Hamburger zum Mitnehmen. Seine Terrasse neben dem Bauzaun bleibt dagegen leer – genauso wie die Cafeteria von Thomas Cammerer. Der Deutsche zeigt auf ein Haus gegenüber von seinem Lokal. Dort hatte die Stadtverwaltung vor kurzem Arbeiten an der Gebäudefassade nach Lärm-Beschwerden stoppen lassen – mit Verweis auf die Hauptsaison. Nun sorge die gleiche Stadtverwaltung einige Meter weiter für ein Vielfaches des Lärms. Zwei Polizisten stehen derweil im Schatten und lassen die Arbeiten nicht mehr aus den Augen. „Jetzt müssen wir dafür büßen, dass der Abriss verschleppt wurde", sagt Boutiquenbetreiber Frank Conrads, der sich ebenfalls an der Demo gegen die Arbeiten beteiligt hatte.

Die Bauarbeiter müssen sich beeilen, um die alte Brücke zu stabilisieren. Das mehr als 50 Jahre alte und für den Verkehr zu
schmale Bauwerk muss nicht nur Lkw und Bussen standhalten, sondern auch rissagas – den in Porto Cristo immer wieder auftretenden und durch Luftdruck-Unterschiede verursachten Mini-Tsunamis.

Da ist wenig verwunderlich, dass auch die Kläger den Volkszorn auf sich ziehen. Wirt González berichtet, dass die Familienmitglieder öffentlich ausgebuht werden. Und ein wütender Barbesitzer habe einen Kläger sogar des Lokals verwiesen.

René Kielhorn beschäftigt sich derweil auf seinem Balkon mit dem nächsten Kapitel des Schlamassels, dem bevorstehenden Abriss. Der Berliner zeigt auf ein Grundstück auf der anderen Seite des Sturzbachs. Wo vor acht Jahren der Baukran zur Montage der Brücke aufgestellt worden war, ist inzwischen eine Apartmentanlage hochgezogen. „Wo soll man jetzt den Kran hinstellen?", fragt sich Kielhorn. „Entweder ins Wasser oder sie lassen einen Helikopter kommen."

In der Printausgabe vom 11. August (Nummer 588) lesen Sie außerdem:
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