Die Playa de Palma der Zukunft: ´Ballermänner willkommen, aber nicht ausreichend´

Der neue Chef des Konsortiums, Álvaro Gijón, muss die stecken gebliebenen Sanierungspläne wieder in Gang bringen

18-08-2011  
„Ich stehe für Kontinuität
„Ich stehe für Kontinuität": Álvaro Gijón in seinem Büro im Rathaus von Palma Foto: sebastián terrassa

FRANK FELDMEIER Im sich schon seit Jahren hinziehenden Vorhaben, die Playa de Palma zu sanieren, hat ein neues Kapitel begonnen: Der Stadtrat für Tourismus von Palma, Álvaro Gijón (Volkspartei, PP), hat die Sozialistin Margarita Nájera an der Spitze des Konsortiums abgelöst. Gijón hat keine leichte Aufgabe: Das Projekt war im vergangenen Jahr nach den Protesten von Anwohnern gegen geplante Enteignungen ausgesetzt worden. Unklar ist zudem, wo die benötigten Milliarden herkommen sollen, um die Playa de Palma attraktiver, hochwertiger und nachhaltiger zu gestalten.

Herr Gijón, auf diesem Foto sehen Sie typische deutsche Ballermann-Touristen. Werden sie auch an der künftigen Playa de Palma willkommen sein?

Die Urlauber haben in den vergangenen 20 Jahren immer weniger Geld an der Playa de Palma ausgegeben. Das ist der Ausgangspunkt für das ganze Projekt. Es geht also weniger darum, ob die Urlauber viel Sangria trinken oder nicht, sondern ob sie daneben auch noch Geld für andere Dinge wie Ausflüge ausgeben. Von mir aus kann ansonsten kräftig Sangria bestellt werden.

Die Ballermänner sind also auch in Zukunft willkommen?

Natürlich, aber sie allein werden nicht reichen. Wir sprechen hier von einem Prozess über 20 Jahre, an dessen Ende das ganze Jahr über Urlauber kommen sollen, zum Fahrradfahren, Golfspielen oder Segeln, und nicht nur wegen der Playa. Wir wollen einen neuen Mix: Der Anteil der Strandtouristen soll von 95 auf 50 Prozent sinken.

Ist Ihr Amtsantritt eine Zäsur, oder stehen Sie für Kontinuität?

Ich stehe zweifellos für Kontinuität. Es gab eine Serie von Problemen, die Pläne zur Enteignung von 300 Wohneinheiten in Can Pastilla stießen auf viel Widerstand. Aber den immensen Teil der Projekte werde ich weiterführen.

Passt dieses Milliarden-Projekt angesichts leerer Kassen überhaupt noch in die heutige Zeit?

Ich denke schon. Die Tourismus­industrie steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel, und die Playa de Palma soll ein spanienweites Vorbild werden. Ich glaube, dass Madrid ein großes Interesse an dem Projekt hat, weil die Urlauber spanienweit immer weniger ausgeben. Die Sanierung wird vielleicht nicht so schnell vorankommen. Aber ich bin schon zufrieden, wenn in den kommenden zehn Jahren genügend Geld kommt, um anfangen zu können. Wenn erste Veränderungen sichtbar sind, kommen auch private Investitionen in Gang.

Wie viel Geld ist derzeit da?

Meine Vorgängerin hat mir versichert, dass Madrid die Projekte, die wir präsentieren werden, auch finanzieren wird. Das muss ich nun in Gesprächen ausloten. Bei den spanienweiten Wahlen in zwei Monaten kommt hoffentlich wieder die PP an die Macht, und deswegen bin ich mir sicher, dass das Geld fließen wird. Letztendlich sind es gar nicht so große Beträge für die Zentralregierung.

Können Sie Ihr Budget beziffern?

Nein. Die Vorgängerregierung hat zehn Millionen Euro, die für die Playa gedacht waren, für andere Dinge ausgegeben. Das Geld ist da, aber wir müssen klären, ob es auch verfügbar ist.

Über Planungen und Streitigkeiten sind acht Jahre ins Land gezogen, ohne dass es sichtbare Ergebnisse gibt. Wie viel Glaubwürdigkeit bleibt dem Projekt?

Leider wenig. Es gab viele Pläne, Fotos und Besprechungen, aber nichts Konkretes. Deswegen will ich endlich anfangen. Mir geht es gar nicht mehr darum, das schönste Projekt von allen zu machen, sondern überhaupt erst einmal anzufangen, die erste Fassade zu streichen, das erste Gebäude einzureißen und so wieder Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Enteignungspläne haben die Gemüter erhitzt. Wie wichtig sind sie für die Playa-Sanierung?

Enteignung ist eine Zwangsmaßnahme. Das ist für mich keine gute Lösung. Die Playa de Palma ist keine Naturlandschaft wie vor 70 Jahren, es gibt Hotels, Wohnungen, Läden, Restaurants. Wenn man den Menschen ihre Häuser nehmen will, wird nichts aus diesem Projekt, das haben wir bereits erlebt. Als mir Projektplaner
Adriaan Geuze in einem Gespräch die Pläne für eine Grünfläche zeigte, befanden sich in diesem Gebiet auch 35 Wohneinheiten. Warum malt er die Grünfläche nicht woanders hin, wo vielleicht nur drei betroffen sind?

Die balearische Architektenkammer argumentiert, dass ohne Enteignungen nur ein bisschen Kosmetik, aber keine echte Reform möglich ist.

Damit bin ich nicht zu 100 Prozent einverstanden. Enteignungen dürfen nicht die Regel, sondern müssen die Ausnahme sein.

Betroffen waren gerade einmal zwei Prozent der Gebäude. Zu viel?

Fragen Sie das die Besitzer dieser Häuser. Dahinter stehen viele Schicksale. Wie soll ich denen sagen, dass ein Boulevard wichtiger als ihr Haus ist? Der kann auch woanders verlaufen. In Can Pastilla lässt sich praktisch genauso viel erreichen, wenn wir die Autos verbannen und Bäume pflanzen. Wir müssen mehr Flexibilität zeigen.

In der Gegend um den Torrent des Jueus sehnen viele Anwohner den Abriss von Häusern herbei.

Dort gab es ganz klar mehr urbanen Wildwuchs, und es wird sicherlich leichter sein, mit den Eigentümern zu einer Einigung zu kommen.

Was werden Sie mit den 1.335 eingegangenen Eingaben machen?

Ich werde mich mit den Sachbearbeitern beraten. Entweder wir bearbeiten alle Eingaben, oder wir stoppen die ohnehin auf Eis liegenden Pläne und beginnen mit kleineren Sanierungen in den Vierteln mit den meisten Problemen. Weitere Viertel könnten folgen.

Das heißt, der Masterplan wird eingestampft?

Nein. Der größte Teil der Vorarbeit ist gut, die Eingaben betreffen nur einen kleinen Teil. Mit dem Rest können wir fortfahren, sobald wir dafür einen rechtlich gesicherten Weg gefunden haben.

Im Feuchtgebiet Ses Fontanelles sollte ein Einkaufs- und Vergnügungszentrum entstehen, das Mitte-Links zugunsten einer abgespeckten Lösung stoppte. Welche Variante bevorzugen Sie?

Die Besitzer haben Klage eingereicht. Es wurde blockiert, statt das Problem zu lösen. Es spielt keine Rolle mehr, was ich denke, das ist nun Sache der Justiz. Die Landesregierung kann sich jedenfalls kaum erlauben, 100 Millionen Euro Entschädigung zu zahlen.

Ihre Vorgängerin wollte die Hälfte der rund 40.000 Hotelbetten an der Playa de Palma abschaffen. Wie sieht Ihre Lösung aus?

Wir brauchen weniger Ein- und Zwei-Sterne Hotels und dafür mehr Drei-, Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Über die konkrete Zahl muss der Markt entscheiden. Ich will eine Frist gewähren und ein Ziel vorgeben. Die Hotels, die bis dahin nicht modernisiert sind, müssen ihren Betrieb einstellen.

Spruchreif sind die Projekte zur Sanierung von Wohnungen sowie zum Bau eines neuen Kanalsystems. Wann geht es los?

Mit dem Kanalsystem können wir frühestens im Oktober 2012 beginnen. Wir müssen das 25-Millionen-Projekt über 52 Tage ausschreiben, Eingaben bearbeiten und den Auftrag erteilen. Das ist frühestens im April 2012 so weit. Und zur Hauptsaison können wir nicht starten. Die Wohnungssanierungen betreffen sieben Gebäude, die Pläne stehen, nach der Ausschreibung könnten wir Ende des Jahres beginnen.

Die Vertreter der Zentralregierung haben Ihre Ernennung zunächst abgelehnt, weil sie weiterhin Stadtrat sind. Ein denkbar schlechter Start …

Die Sozialisten sind Spezialisten darin, Empfehlungen zu geben, die sie selbst nicht einhalten. Kurz zuvor hatte die Zentralregierung Ramon Socías ohne Absprache zu ihrem Repräsentanten im Konsortium ernannt, obwohl er
bereits Delegierter der Zentralregierung ist.

Die Playa de Palma ist ein Mega-Projekt. Wäre es da nicht logisch, dass Sie ihm 100 Prozent Ihrer Zeit widmen?

Schauen Sie auf das Kabinett der Landesregierung. Ein Minister ist gleichzeitig für Umwelt, Verkehr und Raumordnung zuständig und hat jetzt weniger Mitarbeiter. Da hat auch niemand protestiert. Wenn ich mich überfordert fühlen sollte, würde ich sofort eines der beiden Ämter ablegen. Ich glaube, die Synergieeffekte werden beträchtlich sein, wenn der Tourismus-Stadtrat auch im Konsortium sitzt. An der fehlenden Abstimmung scheiterte schließlich das bisherige Projekt.

Ist ein Projekt wie die Playa de Palma im Konsens umsetzbar?

Wahrscheinlich nicht, aber wir müssen es probieren. Ich habe mich früher als Stadtrat nicht gescheut, Entscheidungen zu treffen, auch wenn kein Konsens zustande kam, zum Beispiel beim Parkdeck in der Carrer Antoni Maura am Borne. Das wollte am Anfang auch niemand.

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