Palmas alter Knast: Gefängnis ohne Häftlinge

Da ließe sich doch was draus machen … Seit zehn Jahren verfällt Palmas alter Knast. Eine Ortsbegehung mit kundiger Führung

01-12-2011  
Der dunkle Gang im Erdgeschoss wurde „el tubo
Der dunkle Gang im Erdgeschoss wurde „el tubo" (der Schlauch) genannt. Dort kamen besonders rabiate Insassen in Zellen mit halbrunden Sicherheitstüren („cangrejo") Foto: Sebastián Terrassa

SILKE DROLL Durch die vergitterten Fenster ohne Scheiben zieht die feuchtkalte Inselluft in die leeren Zellen. Unkraut überwuchert die Innenhöfe, wo die Häftlinge sich einst mit Basketballspielen und Gewichte heben die Zeit vertrieben. Jetzt streifen dort Katzen umher. In den langen Gängen bröckelt der Putz, lösen sich die Fliesen. Auf einem verrostenden Bettgestell liegt eine verwesende Taube. Zeichnungen und Schriftzüge an den Wänden erzählen vom früheren Leben der Insassen. „Meiner Frau gewidmet, die mir die Kraft gibt, jeden Tag weiterzumachen", steht etwa in großen Buchstaben in einer verlassenen Gruppenzelle. Palmas altes Gefängnis im Norden der Stadt steht seit mehr als zehn Jahren leer.

Seit 1999 ist das neue centro penitencario, nur ein paar Meter weiter auf der anderen Seite der Ringautobahn gelegen, in Betrieb. Der 1950 erbaute alte Knast ist dem Verfall preisgegeben, so wie in Palma etwa auch das Fußballstadion Lluis Sitjar oder neuerdings das Krankenhaus Son Dureta. Gefängnisdirektor Manuel Avilés schickt regelmäßig Häftlinge vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und etwa zu vermeiden, dass sich dort Obdachlose einrichten.

Eigentlich will er das alte Gefängnis lieber heute als morgen loswerden. Doch die Stadt, die das Gebäude aus dem Besitz der Zentralregierung übernehmen soll, hat keine Eile, sich eine weitere verrottende Liegenschaft mit den damit verbundenen Abbruchkosten ans Bein zu binden. „In der Zwischenzeit kann das Gebäude von Bürgern genutzt werden. Ich bin für vieles offen", sagt Avilés. Seit er 2008 sein Amt angetreten hat, wurde im alten Gefängnis schon mit viel Publikumserfolg Theater gespielt, Teile des Videoclips „Chance to Dance" der mallorquinischen Band Meeting Point und Szenen des Films „Vidas Tenebrosas" von Martin Garrido gedreht. Demnächst wollen Palmas Wirte dort zu den Patronatsfesten rund um Sant Sebastià (20.1.) eine Tapas-Messe ausrichten. Avilés, der in seiner Freizeit Bücher schreibt, träumt außerdem von der Verfilmung der Gefängnisszenen seines Romans „El metralla. Andanzas de un sublevado" in den Räumen mit Gruselcharme. „Zwei Regisseure haben Interesse daran", sagt er. Avilés selbst wohnt in einer der beiden Dienstwohnungen unmittelbar neben dem alten Gefängnis.

Wenn jemand kommt, wie an diesem Tag die Mallorca Zeitung, um sich das Gebäude anzusehen, schickt er den aus Murcia stammenden Justizvollzugsbeamten Francisco Martínez (54) mit auf die Tour. Eine gute Wahl. Martínez, der intern „Paco Huellas" genannt wird, weil er lange Zeit für die Fingerabdrücke zuständig war, hat viele Erinnerungen an das alte Gefängnis. „Es war familiärer als das neue", sagt er. Wenn er beim Rundgang erzählt, hallt seine Stimme in den langen Gängen.

Eines seiner prägendsten Erlebnisse hatte Martínez gleich am ersten Arbeitstag im August 1986. „Wir entdeckten die Leiche eines Häftlings, der an einer Überdosis gestorben war. Am Tag davor hatte er geheiratet, er hatte es wohl geschafft, sich bei der Hochzeit Heroin zu organisieren." Drogen waren immer wieder ein Problem unter den rund 600 Häftlingen, mit denen das Gefängnis überfüllt war. Weitere verurteilte Verbrecher von der Insel mussten früher in Haftanstalten auf dem Festland untergebracht werden. Viele kamen nach Castellón. Auf Mallorca saßen bis Mitte der 90er Jahre auch baskische ETA-Terroristen ein. „Sie hielten sich abseits von den übrigen Insassen und nutzten ihre Zeit zum Studieren. Einmal hatte ich Wache bei ihren Abschlussprüfungen."

Neuankömmlinge wurden in einem eigenen Zellengang im Erdgeschoss untergebracht. Während in das restliche Gebäude viel Licht fällt, ist es dort schaurig dunkel. Die verrostenden Bettgestelle sind in den Boden zementiert, die Lampen in die Decke eingelassen. „So, dass sich niemand etwas antun konnte." Von den doppelten Sicherheitstüren sind noch die halbrunden Gittertüren (cangrejo) übrig, durch die den Insassen das Essen gereicht wurde. Die Sicherheit hat ihren Grund. „Viele drehen in der ersten Nacht im Gefängnis durch, dann, wenn sie begreifen, was sie getan haben und was ihnen jetzt blüht."

Nach der Eingewöhnung sei der Knast dann oft gar nicht mehr so schlimm. Im alten Gefängnis gab es sogar einen Trakt mit fröhlich in verschiedenen Farben bemalten Zellen, wo sich die Häftlinge nach dem Zapfenstreich noch zum Plaudern auf dem Flur zusammensetzten. „Jeder hatte einen Schlüssel zu seiner Zelle und wir schlossen nur den Gang von außen ab." Falls es zu Konflikten oder gar Aufständen kam, musste man auf das Machtwort eines Kie setzen. „Das waren die Anführer unter den Häftlingen, auf die die anderen hörten. Bekannt war etwa Mateo Font aus Manacor."

Fast etwas neidisch waren die Wärter auf die wenigen Häftlinge, die in der Werkstatt als Zuschneider für eine Leder­jackenproduktion aus Magaluf eingesetzt wurden. „Wer da flink war, konnte mehr verdienen als ein Beamter." Diesen Knastjob gibt es heute nicht mehr. Auch die Gruppenzellen sind Vergangenheit. „Heute sind die Häftlinge allein oder zu zweit untergebracht." Ebenso abgeschafft: die eigene Währung. Früher gab es spezielles Geld – wie Monopoly-Scheine. Heute haben die Häftlinge aufladbare Geldkarten.

Bleibt die Sehnsucht nach Freiheit und Frauen. Beim Hinausgehen aus dem alten Gefängnis fällt noch ein auf dem Boden herumliegendes altes Busenblättchen auf.

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