„Schwache Nebensaison gefährdet mittelfristig das Drehkreuz´

Der neue Airberliner Paul Verhagen über geschlossene Hotels, „teures" Fliegen und sparsame Manager

31.01.2013 | 01:15
„Das muss man aber auch kommunizieren!": Paul Verhagen
„Das muss man aber auch kommunizieren!": Paul Verhagen

Paul Verhagen ist der neue wichtige Mann von Air Berlin auf Mallorca: Zum 1. Januar hat der Niederländer aus Eindhoven den Posten des Bereichsleiters Spanien und Portugal von Álvaro Middelmann übernommen. Der 41-Jährige hat Luftverkehrsmanagement studiert und verfügt über langjährige Erfahrung in der Branche: Zuletzt war er bei KLM für den chinesischen Markt zuständig. Verhagen ist geschieden, seine chilenische Lebensgefährtin lebt in Norwegen. In den vergangenen 20 Jahren hat er in zehn verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten gelebt.

Wie fühlen Sie sich als Nieder­länder auf der „deutschen" Insel?
Sehr wohl! In der Fremde kommt es immer auf die eigene Bereitschaft zur Integration oder Anpassung an. An einem so schönen Ort wie ­Mallorca fällt das natürlich leichter. Der einzige Moment, in dem ich mich auf dieser Insel voller Deutscher nicht ganz so wohl gefühlt habe, war die Europa-Meisterschaft im vergangenen Sommer. Ich muss ja wohl nicht erklären, warum?

Lernen Sie schon Katalanisch?
Derzeit frische ich vor allem meine Deutschkenntnisse wieder auf, das ist gerade wichtiger. Ich hatte zwar sechs Jahre Deutsch in der Schule, aber das ist schon ein paar Jahre her. Schreiben und sprechen bereitet mir noch Schwierigkeiten, verstehen tue ich eigentlich alles. Das ist für uns Holländer ja recht einfach.

Álvaro Middelmann war und ist eine Institution auf Mallorca. Fällt es schwer, in seine Fuß­stapfen zu treten?
Es ist eine Ehre, Álvaro abzulösen. Er ist sehr beliebt, wie auch während seiner Verabschiedung in den Ruhestand in der vergangenen Woche nochmals deutlich wurde. 20 Jahre lang war er das Gesicht Air Berlins in Spanien, er hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich freue mich, dass er Air Berlin als Berater erhalten bleibt.

Was werden Sie anders machen?
Jeder hat seine eigene Art, und der größte Fehler, den ich machen könnte, wäre, Álvaros Stil nachzuahmen. Mein Ziel ist es, die Position von Air Berlin in Spanien und vor allem den Standort Palma zu verteidigen und zu stärken.

Haben Sie schon – wie Ihr Vorgänger – einen direkten Draht zu Balearenpremier Bauzà?
Ich habe ihn und andere für Air Berlin wichtige Politiker kennengelernt. Die Beziehungen sind gut, denn wir alle sind uns einig, dass Mallorca heute ohne Air ­Berlin nicht das wäre, was es ist, und umgekehrt wäre auch Air Berlin ohne Mallorca nicht da, wo wir heute stehen.

Werden Sie sich denn, wie Ihr Vorgänger, in politische Diskus­sionen einmischen?
Wenn die Themen Air Berlin betreffen, wie zum Beispiel die Flug­hafenabgabe oder den Residenten­rabatt, dann werde ich die Interessen von Air Berlin und somit auch die Interessen Mallorcas
verteidigen.

Was halten Sie denn von der Diskussion um den Residenten­rabatt?
Ich habe den Eindruck, dass die Insellage nicht genug berücksichtigt wird. Die Inselbewohner müssten gleich behandelt werden wie die Spanier vom Festland. Das hat für mich nichts mit Rabatten oder Obergrenzen zu tun, sondern mit einer einfachen Frage: Wie viel kostet es einen Spanier auf dem Festland, von A nach B zu kommen? Die gleichen Preise sollten für Inselbewohner gelten. Es überrascht mich ein wenig, wenn die Politik einerseits über die Preise für Flugtickets diskutiert, und die spanische Verkehrsministerin gleichzeitig erwägt, die Fahrkartenpreise für den AVE (Schnellzug auf dem Festland, A. d. R.) zu senken. Wie sollen Fluglinien mit einem subventionierten Zug mit­halten können?

Können Sie eigentlich das Wort „desestacionalización" (Belebung der Nebensaison) schon aussprechen?
Ja, nach viel üben! Aber vier Mal hintereinander ist es schon schwieriger. Ich würde es außerdem lieber nicht so oft verwenden müssen – nicht, weil es ein kompliziertes Wort ist, sondern weil das heißen würde, dass das Problem der Saison­belebung endlich gelöst wäre.

Wie denn, zum Beispiel?
Es ist mein erster Winter hier, und was die Insel in der Nebensaison zu bieten hat, gefällt mir sehr. Das muss man aber auch kommunizieren! In Skandinavien herrschen derzeit Minusgrade – für die Menschen dort sind unsere 15 Grad hier fast wie Sommer. Aber sie wissen nicht, dass sie hier momentan Golf spielen oder im Freien essen können. Man muss den Urlaubern im Sommer vermitteln: Kommt im Winter wieder – da haben wir auch viel zu bieten!

Und das passiert nicht?
Über die Nebensaison wird viel geredet, aber keiner bietet eine Lösung. Solange mir Hoteliers sagen, dass es sie billiger kommt zu schließen als das Hotel im Winter offen zu halten, wird sich daran auch nichts ändern.

Air-Berlin fliegt immer mehr Ziele in Spanien direkt aus Deutschland an, zudem werden Flüge von Palma auf das spanische Festland gestrichen. Ist der Hub in Palma in Gefahr?
Nein. Eines der Ziele unseres Sparprogramms „Turbine" besteht in der Konzentration auf strategisch wichtige Märkte, Palma und Spanien gehören definitiv dazu. Im Sommer 2013 erhöhen wir nicht nur die Zahl der Flüge nach Palma, sondern nach ganz Spanien. Mittelfristig wird viel eher die Nebensaison und das offensichtliche Desinteresse der Beteiligten, diese zu beleben, zur Gefahr für den Hub und für den Tourismus auf Mallorca allgemein. Dieser Mangel an Ideen und Antrieb ist beunruhigend. Wenn im Winter nur
10 Prozent der Hotels geöffnet sind, warum sollte Air Berlin im Winter die Flüge aufrecht erhalten?
Immer wieder gibt es Klagen über hohe Ticketpreise in der Nebensaison und das vermeintliche Ausnutzen der Monopolstellung an Flughäfen wie Münster. Dass wir die Zahl der Verbindungen kürzen, um die Preise nach oben zu treiben, ist schlicht nicht wahr. Auf rentablen Strecken erhöhen wir die Frequenz, nicht umgekehrt. Der Beweis: Im kommenden Sommer nehmen wir pro Woche 51 zusätzliche Verbindungen zwischen Palma und Deutschland ins Programm.

Aber die Preise sind im Winter hoch.
Zu gewissen Stoßzeiten und ­Feiertagen vielleicht, aber allgemein halte ich Fliegen nicht für teuer. Es ist ja auch eine Frage der Definition: Ist ein zwei- bis dreistündiger Flug von Hamburg nach Palma für 100 bis 150 Euro teuer? Ich finde nicht. Zumal, wenn das Taxi vom Flughafen ins Hotel 60 Euro kostet. Das Verständnis von „teuer" ist im Luftverkehr ein anderes. Und unsere Kosten sind nun einmal sehr gestiegen: Kerosin­preis, Steuern, Abgaben, all das liegt nicht in unserer Hand. In Palma sind beispielsweise die Flughafengebühren 2012 um 23 Prozent gestiegen.

Wie genau sehen die Sparmaßnahmen für den Standort Palma aus?
Das steht noch nicht fest. Wir erarbeiten derzeit einen Plan, um so viele Arbeitsplätze zu erhalten wie möglich. Ich glaube fest daran, dass die Zukunft Air Berlins und des Standorts Palma mit der Umsetzung des Sparprogramms „Turbine" gesichert ist.

Vor dem Wechsel zu Air Berlin im April 2012 haben Sie bei der holländischen Fluggesellschaft KLM gearbeitet. Wie erleben Sie als von außen Kommender die Unternehmenskultur von Air Berlin?
Ich bin in einem Moment des Wandels zum Unternehmen gestoßen, der durch die Marktsituation, die Situation des Luftfahrtsektors und des Unternehmen selbst hervorgerufen wurde. Das Geschäftsmodell von Air Berlin ändert sich dahingehend, dass wir uns mehr auf die strategisch wichtigen Märkte konzentrieren und Prozesse, an die wir uns gewöhnt hatten, nun ändern und vereinfachen. Die Unternehmenskultur gefällt mir gut, vor allem die horizontale Organisation, die es erlaubt, schnelle Entscheidungen zu treffen – das ist in Zeiten des Wandels sehr wichtig.

Wird sich diese Unternehmenskultur durch die vielen neuen Führungskräfte, die in den vergangenen Wochen dazu gekommen sind, verändern?
Nicht zwangsläufig. Aber diese Führungskräfte sind natürlich zum großen Teil zum Unternehmen gestoßen, um notwendige Änderungen voranzutreiben. Das Ziel ist es, die Unternehmenskultur, die sich als „Service mit Herz" zusammenfassen lässt, mit dem internen „Lean & Smart"-Programm zu ­vereinbaren.


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