Tod eines Obdachlosen: ´Charly wollte sein Ding machen´

Leider kein Einzelfall: Entsetzen über Schicksal eines Deutschen in Sóller, der mit Rattenbissen übersät im Krankenhaus starb

16.05.2013 | 01:15
Der deutsche Obdachlose lebte in diesem Abwasserkanal. Das Bild von ihm entstand vor etwa einem Jahr
Der deutsche Obdachlose lebte in diesem Abwasserkanal. Das Bild von ihm entstand vor etwa einem Jahr

Zwischen Müll, Unrat und Ungeziefer liegen versiffte Matratzen und dreckige Klamotten. Ein modrig-feuchter Geruch steigt in die Nase. In einem Suppenteller kleben noch die Reste einer Mahlzeit. An den Wänden des raumhohen Abwasserkanals hängen ein paar abstrakte Bilder. Seit rund eineinhalb Jahren hat Charly hier gehaust. Am Montag (6.5.) ist der 56-jährige Deutsche im Krankenhaus Son Llàtzer in Palma an multiplem Organversagen gestorben.

Tags zuvor hatte ein Anwohner die Polizei darüber informiert, dass sich in dem Tunnel, der direkt an der Hauptstraße von Sóller unter dem Telefónica-Gebäude durchführt, ein gesundheitlich stark angeschlagener Ausländer befinde. Die herbeigerufenen Sanitäter ekelten sich allerdings so sehr vor den Ratten und dem Dreck, dass ein paar Nachbarn schließlich in das Kanalrohr stiegen – wo sie den bereits bewusstlosen Deutschen fanden. Er war von Rattenbissen übersät. Einen Tag später hörte sein Herz auf zu schlagen.

MZ-Blog deutsches Konsulat: Obdachlos und fern der Heimat

Maria, eine ältere Einheimische im geblümten Kleid, steht fassungslos vor der Bleibe des Obdach­losen. „Ich wusste nicht, dass es ihm so schlecht ging", sagt sie den Tränen nahe. Sie hält eine Plastiktüte mit Essensresten in der Hand. Wie so oft wollte sie damit den Hund von Charly füttern. „Bobby, wo bist du?", ruft sie immer wieder in Richtung des Abwasser­kanals. Doch auch der Vierbeiner ist nicht mehr da.

Sie habe den señor alemán seit Langem gekannt, erzählt Maria. „Er saß immer vor dem Eroski-Supermarkt und ich wohne gleich gegenüber." Manchmal habe sie ihm Geld für Essen zugesteckt, manchmal habe ihr Sohn dem Obdachlosen Lebensmittel gekauft.

Maria macht sich weiter Sorgen um den Hund. „Was ist nur mit Bobby? Am liebsten würde ich ihn behalten." Ein Engländer aus dem Ort habe ihn bereits mitgenommen, sagt Uwe, ebenfalls ein deutscher Obdachloser aus Sóller, der nun alleine vor dem Supermarkt die Stellung hält.

Uwe hat von den Eroski-Angestellten vom Tod Charlys erfahren. Danach sah er es Schwarz auf Weiß in den spanischen Tageszeitungen. „Ich war schockiert", sagt der höchstens 50-Jährige mit den zerschlissenen Klamotten. Eine Zeitlang hätten sie zusammen in dem Abwasserkanal gewohnt. „Da wir uns nicht so gut verstanden, habe ich mir aber was anderes gesucht."

Als er Charly vor rund eineinhalb Wochen zum letzten Mal sah, habe er schon einen recht angeschlagenen Eindruck gemacht. „Er hatte vor einiger Zeit eine Blutvergiftung und behauptete immer, es ginge ihm wieder gut, was ja offensichtlich nicht stimmte."

Doch zum Arzt habe er nicht gehen wollen. Auch einem Eroski-­Mitarbeiter war bereits aufgefallen, dass es dem Deutschen nicht sonderlich gut ging. „Früher kam er jeden Tag, vergangene Woche nur noch ein- oder zweimal." Da er aber seit jeher recht abgemagert gewesen sei, habe er sich nichts weiter dabei gedacht. „Das ist wirklich tragisch, er war ein angenehmer Zeitgenosse. Wenn man sich mit ihm unterhielt, merkte man, dass er gebildet war", sagt der rundliche Mann in der Supermarkt-Uniform.

Die Sozialarbeiter der Gemeinde hatten wohl ebenfalls ein Auge auf den Deutschen, baten ihm – so heißt es – während des kalten Winters wiederholt einen Platz in einem Wohnheim an. Vergeblich. Er wollte sich nicht helfen lassen. „Der bevorzugte dieses Leben hier draußen", sagt eine junge Frau aus dem Ort, die oft an dem Tunnel vorbeikam und für einen Plausch stehen blieb.

Ulrike Grimm, die als Nachrückerin für den Gemeinderat von Sóller auf der Liste der Volkspartei PP steht, bestätigt das: Die Gemeinde habe alles für den Deutschen, der überall bekannt und beliebt gewesen sei, getan. Oder es zumindest versucht. „Aber Charly wollte einfach sein Ding machen." Das müsse man akzeptieren. „Er war ein Künstler und Dichter, wie er selbst sagte."

Oben an der Straße hat der Deutsche gelegentlich seine selbst gemalten Bilder zum Verkauf angeboten. Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Für die Kunst. Danke" erinnert noch daran. Auch der pink-schwarze Buggy, mit dem er die teils riesigen Gemälde bis zum Supermarkteingang transportierte. Nun liegt er im Gestrüpp. „Was passiert nun mit all diesen Sachen", fragt Maria mit besorgtem Blick. Uwe zieht in Erwägung, die Bilder weiterhin zum Kauf anzubieten. Charly habe immer gesagt, dass Künstler erst sterben müssten, damit sie berühmt würden. „Aber das war doch ein Scherz, so schnell hätte es nun ja nicht gehen müssen", fügt er nachdenklich hinzu.

Wenngleich der Fall in Sóller das Vorstellungsvermögen eines fest in der Zivilisation verankerten Menschen stark strapaziert – ein Einzelschicksal stellt er dennoch nicht dar. „Das ist natürlich absolut horror­mäßig", sagt die deutsche Konsulin Regina Lochner. Doch in diesem Jahr seien auf Mallorca schon mehr als zehn Deutsche gestorben, die irgendwo auf der Insel auf der Straße lebten und vollkommen mittellos waren. Viele von ihnen seien psychisch angeschlagen, hätten mit Alkoholproblemen zu kämpfen und seien oftmals nicht gewillt oder in der Lage, sich in ein anderssprachiges System einzufügen. „Diese Leute meinen, sie kommen besser alleine zurecht", sagt Lochner. „Es ist bedrückend."

Zumal viele, wie sich nach dem Tod oftmals herausstellt, wirklich ganz alleine waren. Angehörige in Deutschland kann das Konsulat nur selten ausfindig machen – und solche, die bereit wären, für Überführungs- und Beerdigungskosten aufzukommen, noch weniger. „Sie bekommen dann ein Armenbegräbnis, das der spanische Staat bezahlt", erklärt die Konsulin.

Vermutlich erwartet dieses Schicksal auch Charly, der angeblich seit 17 Jahren auf Mallorca lebte, unter anderem in Artà. Er habe hier zwei Söhne, die nichts mehr von ihm wissen wollen, behauptet die junge Frau. Uwe hingegen glaubt zu wissen, dass seine Familie in Deutschland sei. „Er hat vier Kinder." Vielleicht finden es die Behörden heraus.

„Und hoffentlich kommt Bobby nicht ins Tierheim", sagt Maria, während sie die Tüte mit den Essensresten in einen Mülleimer wirft. „Was soll ich noch damit?"


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