Abrechnung mit der Playa

Saftige Negativ-Schlagzeilen in der „Bild am Sonntag" erschrecken die Tourismusbranche. Politik und Unternehmer kontern mit dem Verweis auf weiterhin steigende Urlauberzahlen

28.06.2013 | 12:28
„Böse Schatten auf der Happy Hour": Der Bericht der „Bild am Sonntag" wurde vielfach in der mallorquinischen Presse zitiert
„Böse Schatten auf der Happy Hour": Der Bericht der „Bild am Sonntag" wurde vielfach in der mallorquinischen Presse zitiert

„Mallorca ist immer noch so wunder­bar wie immer", heißt es auf Deutsch in dem Tweet der spanischen Nationalpolizei. „3.600 Polizei­beamten sorgen für einen sicheren #Urlaub. Wir warten auf Sie!". Die beruhigende Botschaft ging auch auf Spanisch und Englisch heraus – eine 140-Buch­staben-Nachricht gegen eine vierseitige Reportage in der „Bild am Sonntag": Das Boulevardblatt rechnete in seiner jüngsten Ausgabe mit der Playa de Palma ab. „Mallorcas dunkler Sommer" heißt die Reportage, die von „Koma-Saufen, Klau-Huren und kriminellen Clans" handelt. Der Tenor: Das „17. Bundesland" kippt, schuld habe die spanische Wirtschaftskrise.

Die Reaktionen auf Mallorca lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Zum einen Aufregung über die „Kampagne der Bild", die das Tourismusziel Mallorca frontal angreife. Inma de Benito, Geschäftsführerin der Hoteliersvereinigung (FEHM), forderte die Landesregierung zum Handeln auf. „Dieser Kampagne muss man mit PR-Maßnahmen etwas Positives entgegensetzen. Das Image wird der Insel nicht gerecht."

Andererseits regiert Gelassenheit. Man wisse um den Charakter des Boulevardblattes, praktische Auswirkungen müsse man nicht befürchten, heißt es beim spanischen Tourismusbüro in Berlin, das auf hervorragende Buchungszahlen verweist – ein Plus von 8,5 Prozent zwischen Januar und Mai. Die „Bild" könne schreiben, was sie wolle, argumentiert man auch beim Fremdenverkehrsverein Fomento del Turismo – die Urlauberzahlen sprächen eine andere Sprache. Und auch die Landesregierung übt sich in Gelassenheit: Das sei das Gleiche wie jedes Jahr und spiegle nur einen kleinen Teil des Geschehens auf Mallorca wider.

Besonders die eigenwillige Interpretation der Kriminal­statistik sorgte für Kritik. Die Rede ist von 74.573 Straftaten auf Mallorca und fünf Morden im vergangenen Jahr – jährlich stürben 200 Deutsche auf der Insel. Davon abgesehen, dass sich die Zahl der Delikte weder auf die Playa, noch auf Mallorca, sondern auf die gesamten Balearen bezieht, lag die Steigerung zum Vorjahr bei gerade mal 0,25 Prozent. „Es gibt weder eine alarmierende, noch eine steigende Tendenz", so der spanische Sicherheitsstaatssekretär Francisco Martínez. Die Probleme an der Playa mit der Kleinkriminalität und den Prostituierten seien bekannt – seit Jahren. Und werden mit wechselndem Erfolg bekämpft.

Wie es zu dem Bericht kam
Warum dann diese Reportage? In der Redaktion in Berlin wird die Frage an die Pressestelle weiter­gegeben, die sie aber in ihrer schriftlichen Antwort übergeht. „Normalerweise kommentieren wir unsere eigenen Artikel nicht", so ein Sprecher. Gelaufen sein dürfte es folgendermaßen: Ein spanischer Kollege der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" beschrieb vor zwei Wochen ausführlich das altbekannte Geschehen an der Playa de Palma und warnte in seiner zweiseitigen Reportage vor den in Gruppen organisierten Prostituierten. Diese Reportage war dann Anlass für eine Meldung der Presse­agentur dpa und fand so Eingang in die deutsche Medienlandschaft, als ob es sich dabei um eine wirkliche Neuigkeit handeln würde. Kurz darauf verdunkelte sich in der „Bild am Sonntag" Mallorcas Sommer.

Der Eindruck werde durch andere Artikel wieder ausgeglichen, argumentiert die Pressestelle des Blatts: Man berichte regelmäßig ausführlich über Mallorcas viele „schöne Seiten", so der Sprecher und fügt eine Liste mit Reportagen an. „Außerdem produzieren wir in Mallorca mit großem Aufwand Geschichten, wie etwa ein Interview mit Guido Westerwelle oder dem Tui-Chef Michael Frenzel." Aber natürlich könne man nicht immer nur über die Sonnenseiten berichten. „Dass dies einigen Interessen­gruppen wie Tourismusverbänden, Politikern und Behörden nicht unbedingt gefällt und diese ihre eigene Sicht auf die Dinge haben, ist nicht überraschend."

Vor allem Polizei und Justiz kommen bei der „Bild" schlecht weg: Richter seien überlastet, Streifenpolizisten nur Show. In Wahrheit ist das Problem eher die Gesetzeslage. Die meisten Delikte sind nur Ordnungswidrigkeiten, die nicht mit Gefängnis geahndet werden können – die eigentliche Ursache für das sommerliche Katz-und-Maus-Spiel.

Und trotz dieser Schwierig­keiten gibt es seit zwei Jahren zumindest Teilerfolge, etwa als die Hütchenspieler als kriminelle Vereinigung eingestuft und zeitweise von der Playa verbannt wurden. Mit einer anderen Art von Tourismus hätte man auch nicht so viele Probleme, heißt es indes bei der Ortspolizei. Kämen Kultur-, Sport- und Gastronomieinteressierte statt der Sauftouristen, sähe die Sicherheitslage viel besser aus.

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