Örtlich kann es nesseln

In Katalonien läuft ein EU-Projekt zur Beobachtung, Vorhersage und Eindämmung von Quallen, von dem auch Mallorca profitieren könnte

20.07.2013 | 22:54

Sie stehen unter Beobachtung: Sobald die Quallen in größeren Mengen an einen Strand gespült werden, gibt einer von derzeit 700 geschulten Mitarbeitern Ort, Zeitpunkt und Quallenart in ein zentrales Erfassungssystem ein. Die Glibbertiere werden anschließend nicht nur auf einer Karte im Internet angezeigt, sondern auch in einer speziellen Anwendung auf dem Handy oder Tablet. Und nicht nur das: Die Datenmengen sind zudem eine Basis, um in Zukunft Vorhersagen zu erstellen.

Die Operation „Jellyrisk" läuft derzeit in Katalonien, wäre aber mit wenig Aufwand auch auf den Balearen möglich, sagt Verónica Fuentes, Koordinatorin des EU-Projekts in Spanien. Die Urlauber würden es begrüßen, schließlich erweist sich 2013 als ein Jahr, in dem besonders viele Quallen an Mallorcas Küsten gesichtet werden. Zwar hat auch Fuentes keine Allzweckwaffe gegen die Nesseltiere. Doch die Biologin ist sich sicher, dass sich mit vergleichsweise wenig Aufwand das Problem weitgehend in den Griff bekommen ließe. „Wir gehen es mit einfachen Mitteln an und wollen konkrete Lösungen bieten."

Dass es das grenzüber­greifende Projekt überhaupt gibt, ist der EU zu verdanken: Sie finanziert es über einen Zeitraum von drei Jahren und in vier Ländern – neben Spanien auch in Malta, Italien und Tunesien – mit insgesamt drei Millionen Euro. Es begann im Herbst vergangenen Jahres, just als die Finanzierung durch die Regionalregierung gestrichen wurde. Fuentes als Spanien-Koordinatorin kann über 600.000 Euro verfügen, zudem sei man offen für weitergehende Kooperationen.

Jellyrisk beschäftigt sich weniger mit der wissenschaftlichen Untersuchung als mit dem Quallen­management. Nach einem Pilotversuch im Großraum Barcelona im vergangenen Sommer werden nun seit zwei Wochen insgesamt 230 katalanische Strände erfasst, und zwar mit Hilfe der dort teilnehmenden Rettungsschwimmer, Rathausmitarbeiter oder Strandbar-Betreiber. Zudem kann sich auch jeder Badegast anmelden und zusätzliche Daten beisteuern.

Das große Problem sei bislang der Informationsmangel und die Verunsicherung bei den Urlaubern, meint Fuentes. „Wir wollen informieren, nicht alarmieren." Dazu dient etwa eine Broschüre, mit der sich alle vorkommenden Quallenarten bestimmen lassen. Oder die Ortung der Exemplare auf einer interaktiven Online-Karte. Diese gibt es bereits als App für iPhone und ­Android, auf Spanisch, Katalanisch und Englisch.

Auf Mallorca ist die Datenlage freilich noch dünn. Statt regelmäßiger Infos gibt es immer mal wieder Alarm, etwa nach einer Schwemme in Can Picafort im Mai – Segelquallen färbten den Strand blau – oder im Juni in Sant Elm.

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Die Sichtungen in Katalonien und den Partnerländern sind zugleich eine Basis für die wissenschaftliche Erforschung der noch wenig bekannten Tiere. Diese läuft in einem parallelen Projekt namens „Life". „Dass die Zahl der Quallen im Mittelmeer zunimmt, ist unbestreitbar", sagt Fuentes. Schuld sei ein Mix vieler Faktoren, darunter Überfischung, Mangel natürlicher Feinde oder die Erwärmung des Meeres. Die Vermehrung der anpassungsfähigen Quallen sei ein Indiz dafür, dass das ökologische Gleichgewicht im Mittelmeer aus dem Lot geraten sei.

Sorgen bereitet vor allem die Feuer- oder Leuchtqualle (Pelagia noctiluca), die zu den wenigen europäischen Quallen gehört, deren Nesselkapseln die menschliche Haut durchdringen können. Stark vermehrt hat sich zudem die eingeschleppte Meer­walnuss (Mnemiopsis leidyi), eine Art der Rippenqualle.

Die wissenschaftliche Arbeit kann wiederum in eine neue Anwendung münden. Fuentes spricht von Meteomedusa, einer Art Quallenvorhersage, die genauso wie die Wetterprognose funktioniere: Die Daten über Quallensichtungen, klimatische Bedingungen oder auch der Wassertemperatur werden erfasst und mit numerischen Vorhersagemodellen verarbeitet. Eine tagesaktuelle Vorschau sei deswegen wichtig, da eine Quallenbank, die an einem Tag eine bestimmte Bucht heimsuche, am nächsten Tag schon wieder weitergezogen sein könne. Die Modelle gebe es bereits, so die Biologin. Nun hofft sie, dass in den kommenden zwei Jahren die Datenbanken über die Glibbertiere ausreichend anwachsen.

Neben Erfassung, Information und Vorhersage geht es beim Jelly­risk-Projekt aber auch um konkrete Bekämpfungsmethoden. In der Erprobung sind etwa spezielle Anti-Quallen-Netze, um die Tiere aus dem Gewässer zu fischen, bevor sie Badegäste belästigen.

Spanisches Vokabular und Tipps rund um die „medusas" finden Sie auf S. 49. Online können Sie eine Bestimmungstabelle downloaden und sich als Freiwilliger für Quallen­sichtungen melden: jellyrisk.eu/es/descargas1 www.observadoresdelmar.es

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