Perlen von Mallorca - ein kugelrundes Business

In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Geschäfte in der Umgebung der Kathedrale von Palma geradezu explodiert. Sogar ein Museum gibt es dort schon. Warum nur?

24.08.2013 | 08:34
Blick auf diverse Eingänge von Perlenläden
Blick auf diverse Eingänge von Perlenläden

Der Rubel rollt. Anders ist nicht zu erklären, dass das Geschäft namens „Perl Art" am Rathausplatz von Palma mit einem fast kinogroßen blitzsauberen Museum veredelt worden ist – samt nachgestellter Werkstatt und auf einer Art Mattscheibe flimmernder Fotos gottgleicher Perlenketten-Fans wie Liz Taylor, Madonna und Audrey Hepburn. Und dann sind da noch Vitrinen mit Romanen und sonstigen Büchern, in denen Perlen eine Rolle spielen, von weltbekannten Autoren wie John Steinbeck oder Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel"). Man ist belesen und richtet sich an Belesene, die aber bitteschön auch solvente Kunden sein sollten.

Seit zwei Jahren gibt es den feinen Laden in der Nähe des auf dem Platz stehenden steinalten Olivenbaums schon, wie eine von mehreren russischen Verkäuferinnen erzählt. Aus ihrem wirtschaftlich prosperierenden Heimatland sind derzeit viele Besucher und potenzielle Kunden auf der Insel. Beim Guck-Termin des MZ-Journalisten lässt sich denn auch ein augenscheinlich aus Osteuropa stammendes Pärchen – der Mann in Trainingshose und die deutlich jüngere Frau mit güldenen hochhackigen Schuhen – in die Geheimnisse des Perlen-Universums einführen.

Bei den Glücksrittern
Das „Perl Art" ist eines der wenigen eher edlen Perlen­geschäfte, die in den vergangenen zwei Jahren in Palmas Altstadt wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Besonders auf den Straßen Carrer del Palau Reial zwischen Rathaus und Kathedrale, Apuntadores und Morey reiht sich ein Laden an den anderen. Inder, aber auch Spanier versuchen zum Teil in winzigen Kabuffs ihr Glück. Einige Eigentümer sind gleich mit mehreren Geschäften vertreten. Kasse machen will man hier unter anderem mit augenscheinlich minderwertiger Ware in teils schreienden Farben wie Lila oder Grasgrün, die bereits für Nicht-Eingeweihte als Ramsch zu erkennen ist.

Hinzu kommen herkömmliche Insel-Souvenirs wie beispielsweise Postkarten und billige Armbanduhren. Hier zieht es Menschen hin, die nicht viel Geld ausgeben wollen und in der Regel Preisnachlässe verlangen. Einige von ihnen stammen aus Krisenstaaten wie Griechenland oder Portugal. Die etwas solider wirkenden, in größeren Räumlichkeiten untergebrachten Geschäfte haben neben den üblichen Billig-Artikeln zusätzlich die besonders schön rund geratenen Kunst­perlen der alteingesessenen mallorquinischen Firmen Majorica und Orquídea im Angebot.

Der Perlen-Boom im Zentrum von Palma hat nach Angaben von Toni España, Geschäfts­führer von Orquídea, zwei Gründe: „Zum einen sind da die Russen und ihre Leidenschaft für Perlen. Zum anderen kommen doppelt bis dreimal so viele Kreuzfahrtschiffe nach Palma wie noch vor einigen Jahren." Die Kreuzfahrer zieht es weniger ins Insel­innere, sondern hauptsächlich zur Kathedrale und in die Gassen rundum.

„Deswegen haben auch wir dort kürzlich einen neuen Laden aufgemacht", sagt Toni España, dessen 40 bis 50 Mitarbeiter in der Fabrik in Montuïri alle Hände voll zu tun haben – übrigens auch mit Naturperlen, die in Gold oder Silber gefasst werden und besonders Osteuropäerinnen mitunter zu fast ekstatischen Glücksrufen verleiten. „Vor den Russen galten vor allem Franzosen und Italiener als traditionelle Perlen-Fans", erzählt Toni España. Weniger die Deutschen, aber auch die kämen seit einiger Zeit auf den Geschmack.

Rezept mit Fischschuppen
Die Insel-Perlen werden seit Ende des 19. Jahrhunderts im Raum Manacor und Montuïri nach Geheimrezepten hergestellt – unter anderem unter Verwendung von Kupferdraht, Opalglas und Fischschuppen. Der Gründer der Firma Majorica war ein Deutscher namens Eduard Heusch, der im Jahr 1890 die entsprechende Rezeptur zusammenmischte und sich dann eine goldene Nase verdiente. Majorica stellt seine Perlen noch immer in Manacor her, der Geschäftssitz befindet sich indes inzwischen in Barcelona. Die Preise variieren zwischen 28 und 300 Euro.

Bis zu 32-mal muss so eine Perle in der wie das legendäre Coca-Cola-Rezept gehüteten Top-Secret-Substanz gebadet und dann wieder getrocknet und gekühlt werden, damit sie eine besonders gute Qualität bekommt. Das ist kostenintensiv. „So genannte ­Mallorca-Perlen in allen möglichen Farben, die in manchen Geschäften für lumpige 5 bis 11 Euro angeboten werden, kommen garantiert nicht von der Insel", schwört denn auch Juwelier Joan Bonnin Vall, der in der Argentaria-­Straße seit 30 Jahren „Joies Cande" betreibt und ebenfalls im Perlen-Geschäft mitmischt. Diese Ware werde millionenfach in Ländern wie China, der Tschechischen Republik oder der Slowakei produziert. Das Ganze wundere ihn nicht weiter, denn der Begriff Mallorca-Perle ist nicht gesetzlich geschützt.

Vor allem aus Ostasien, aber auch aus Australien kommen zudem viele der generalstabsmäßig in Austernfarmen hergestellten Naturperlen. Die können – wenn sie nicht rund genug sind – in Form von Ketten schon für 30 Euro erstanden werden. Dies auch im klimatisierten „Perl Art", wo allerdings die besonders Anspruchsvollen auch in Gold gefasste Colliers mit kugelrunden grauschwarzen Natur-Perlen aus der paradiesischen Südsee – genauer gesagt Tahiti – für knapp 4.000 Euro kaufen können. Wer sich mit Silber begnügt, bekommt dort auch Perlen-Kreationen für lau, also für 200 bis 300 Euro.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 22. August (Nummer 694) lesen Sie außerdem:

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- Wiederaufforstung mit Gewehr
- Wie Freiwillige aufforsten
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