Lehrer-Streik: Warum der Dialog kaum möglich ist

Die "grüne" Protestbewegung gegen das Drei-Sprachen-Modell durchdringt alle Bereiche des öffentlichen Lebens – zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber

26.09.2013 | 09:51
Dafür oder dagegen: "marea verde" kontra Dreisprachenmodell
Dafür oder dagegen: "marea verde" kontra Dreisprachenmodell

Die grünen T-Shirts sind seit der vergangenen Woche allgegenwärtig auf Mallorca – von Palmas Kunstnacht Nit de l´Art über die Sitzung des Balearen-Parlaments bis hin zum eigentlich weitgehend textilfreien Unterwäsche-Lauf in Bunyola. Die marea verde, die grüne Flut, ist zum Erkennungszeichen der Protestbewegung geworden.

Zwei Wochen Lehrerstreik, tägliche Großdemonstrationen, Solidaritätsbekundungen allerorten – die Einführung des Drei-Sprachen-Modells an den Schulen und der Protest dagegen entzweit die Gesellschaft. Keine Seite will nachgeben, mögliche Kompromiss­e sind nicht zu erkennen. Das liegt auch daran, dass es nur vordergründig um die Bedeutung von Fremdsprachen und die praktischen Probleme bei der Umsetzung des Gesetzes geht: Im Hintergrund steht ein seit Langem bestehender Konflikt über die Inselsprache und Inselidentität, der jetzt in eine Art Kulturkampf ausgeartet ist.

„Es geht um ein Kernthema, zu dem man als Einwohner der Balearen nur sehr schlecht keine Meinung haben kann", sagt Roger Friedlein, Romanistik-Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Experte für die Geschichte und Kultur ­Mallorcas. Die Intention des Drei-Sprachen-Modells sei „unausgesprochen der Wille, das Katalanische auf diesem Umweg zurückzudrängen, was auf direkte Weise nicht gelingen würde". Eine ähnliche Strategie könne man derzeit in der Region Valencia beobachten.

So erklärt auch Filmemacher Pedro Barbadillo die Eskalation: „Es geht hier nicht um die Frage, ob mehr Englisch oder nicht." Vielmehr würden Teile der PP für eine Rehispanisierung eintreten – ein Kurs, der auch vom Bildungs­ministerium in Madrid mitgetragen werde. Ohnehin wecke jede Entscheidung, die eine Einschränkung des Katalanischen bedeute, bei vielen Mallorquinern Assoziationen mit dem Verbot der Inselsprache unter der Diktatur (1939-1975). Auch über dem jetzigen Streit liegt insofern der lange Schatten von Franco.

Insel-Künstler Nils Burwitz verweist zudem auf die schwere wirtschaftliche und politische Krise, die Spanien derzeit durchlebe. Die marea verde sei wie ein Ventil, über das sich der Unmut seinen Weg suche. Gerade im Bereich der Kultur, die von der Sparpolitik besonders betroffen ist, hat Burwitz diese Ausweitung des Konflikts beobachtet: Bei der kürzlichen Abschlussveranstaltung der Formentor-Literaturgespräche habe er miterlebt, wie drei Viertel des Saals bei Erscheinen des Regierungsvertreters den Saal verließen.

Auch wenn die Volkspartei (PP) 2011 eine absolute Mehrheit errang, im Vergleich zur marea verde schätzt der Komponist Joan Valent den Rückhalt für die derzeitige Politik in der Bevölkerung als deutlich geringer ein. „Das ist eine Gruppe von Wenigen mit sehr viel Macht." Valent verweist darauf, dass auch viele PP-Bürgermeister den Kurs nicht mehr mittrügen. In der Volkspartei habe sich eine Strömung durchgesetzt, die im Gegensatz zu früheren PP-Regierungen unter Cañellas und Matas stehe, sagt Valent. In den 80er und 90er Jahren hatte auch die PP die Förderung der Inselsprache unterstützt.

In der letzten Mitte-Links-Regierung (2007-2011) schlug das Pendel dann noch einmal in die entgegengesetzte Richtung: Unter dem Einfluss der regionalistischen Parteien wurden Fördergelder für Katalanisch massiv erhöht. Der Höhepunkt des sprachlichen Eifers war damals die Aufforderung an Air Berlin, doch auch die Borddurchsagen auf Katalanisch durchzuführen. Der Versuch, das eigene Sprachmodell in der Gesellschaft auszuweiten, fand mit dem Regierungswechsel 2011 ein abruptes Ende.

Die beiden Lager lassen sich soziologisch klar abgrenzen. Die Lehrerschaft sei ein Herzstück des regionalistischen Lagers, so Friedlein, mehr noch als die in der Inselsprache verwurzelte ländliche Bevölkerung. Stark vertreten sind zudem öffentliche Angestellte sowie der kleine Einzelhandel. Auf der anderen Seite stünden keineswegs nur die Zuwanderer vom Festland: „Die Familien der traditionellen Oberschicht der Insel, Hoteliers, Bankiers, die mit dem Wirtschaftsaufschwung unter Franco in den 60er Jahren und dem Tourismus reich wurden, fühlen sich dem ­Zentralstaat verbunden, der ihre jetzige Position sichert."

Ein Kompromiss im Richtungsstreit ist vor diesem Hintergrund schwer vorstellbar. Auch darin wiederholt sich laut Friedlein ein Muster: Die Spaltung in zwei Lager prägt Spanien seit dem 19. Jahrhundert. Konservative Monarchisten gegen liberale Republikaner, Bürgerkrieg, Unterdrückung unter Franco, Pakt des Schweigens statt Aussöhnung – Beispiele für einen gelungenen Dialog sucht man vergeblich. Spanien habe nie gelernt, eine gemeinsame Antwort auf grundlegende Fragen zu entwickeln.

Die Zeichen auf Mallorca stehen derzeit vielmehr auf Eskalation. So rechnet Filmemacher Barbadillo damit, dass es zwar die Lehrer bald bei sporadischen Streiktagen belassen – aber gleichzeitig andere Teile der Bevölkerung dafür sorgen, dass die „grüne Flut" weiter anschwillt.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 26. September (Nummer 699) lesen Sie außerdem:

- Tag der offenen Tür im Gefängnis
- Paar mit eingeschränktem Sorgerecht setzt sich mit Kindern auf der Insel ab
- Erste TEDx-Konferenz in Palma
- Todesstoß für das Zug-Projekt

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