Malle-Holger auf seiner Trauminsel

Ex-NPD-Chef Holger Apfel eröffnet an der Playa ein Restaurant – und gibt den geläuterten Nazi

22.05.2014 | 09:39
Der ehemalige NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel vor seinem Lokal.
Der ehemalige NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel vor seinem Lokal.

Ein paar Herren in kurzen Hosen und Sandalen genehmigen sich ein Bier, ein rotblonder Junge kippt noch eine Ladung Extra-Ketschup auf seine Pommes, zwei Damen mit Dauerwellen trinken Filterkaffee. Die Stimmung in der „Maravillas Stube" an der Playa de Palma auf Mallorca ist gelöst, alle sind freundlich, alle scheinen sich zu kennen. Und angesichts dessen, dass der Wirt vor Kurzem noch Bundesvorsitzender der Nationaldemokratischen Partei Deutschland war, fühlt man sich an ein NPD-Grillfest in der sächsischen Provinz erinnert.

Ja, ausgerechnet Holger Apfel, der seit seinem Rücktritt im Dezember 2013 in Deutschland vollkommen von der Bildfläche verschwunden war, ist nach Mallorca ausgewandert. Auf seiner „Trauminsel", auf der er bereits mehr als 40-mal Urlaub gemacht und sogar seine Flitterwochen verbracht habe, suche er nach seinem Ausscheiden aus der Politik nach einer neuen beruflichen Herausforderung, sagte er am Dienstag (20.5.) zur Mallorca Zeitung. Sein neues Tätigkeitsfeld ist die „Maravillas Stube – Restaurant bei Jasmin und Holger", das ganz in der Nähe des Asadito-Steakhauses, in der Parallelstraße zur Strandpromenade liegt und „gutbürgerliche und mediterrane Küche" bietet. Er habe das frühere „Zenit" zum 15. Mai von einem deutschen Gastronom übernommen und wolle es künftig zusammen mit seiner Frau Jasmin betreiben.

Die befindet sich momentan allerdings noch in Deutschland, ist hochschwanger und wird voraussichtlich am Wochenende das vierte Kind des Paares entbinden, erzählt der 43-Jährige. Sobald sie sich von den Strapazen der Geburt erholt habe, werde dann die ganze Familie auf die Insel kommen, wo Apfel bereits eine ausreichend große Wohnung angemietet hat. Der älteste Sohn werde eine ganz normale spanische Schule besuchen – „da gibt es keine Sonderbehandlung". Er selbst wolle so schnell wie möglich die Landessprache erlernen und sich so gut wie möglich integrieren.

Ungewohnte Worte für jemanden, der 20 Jahre im Dienst einer rechtsextremen Partei stand. Apfel war von 2004 bis Dezember 2013 Vorsitzender der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag, Landeschef in Sachsen, Chefredakteur des Partei­blattes „Deutsche Stimme". Die Aufgabe des Bundesvorsitzes hatte er mit „gesundheitlichen Gründen" erklärt, innerhalb der Partei hieß es, er leide an Burn-out. Nach heftigen, parteiinternen Querelen trat er an Weihnachten 2013 aus der NPD aus und legte alle seine Ämter nieder. Kurz zuvor waren auch die Vorwürfe eines homosexuellen Übergriffs – Apfel soll sich einem „jungen Kameraden" unsittlich genähert haben – wieder laut geworden. Der gebürtige Hildesheimer wollte sich damaligen Medienberichten zufolge an einen derartigen Vorfall „alkoholbedingt" nicht erinnern. Gegenüber der MZ will er das Thema nicht noch einmal aufrollen und spricht allgemein von „Intrigen und menschlichen Enttäuschungen".

Mit der Politik habe er mit dem Umzug nach Mallorca ein für allemal abgeschlossen. Die „Maravillas Stube" solle weder ein Treffpunkt der rechten Szene, noch eine Anlaufstelle für rechte Schlachtenbummler werden. „Hier wird nicht politisiert, hier ist jeder willkommen, auch Linke oder Menschen anderer Nationalitäten." Wenn jemand sein Schnitzel aufgrund seiner politischen Vergangenheit lieber woanders essen wolle, würde er das akzeptieren. „Wobei das Hier und Jetzt entscheidend sein sollte, nicht die Vergangenheit." Getreu dem Motto, jeder hat eine zweite Chance verdient.

In deutschen Parteikreisen wird sein Schritt mit dem Hinweis „Auswanderung stoppen! Fachkräftemangel bekämpfen" kommentiert. Ist Auswandern überhaupt mit den Ideen der NPD vereinbar? „Ich habe nach wie vor eine patriotische Einstellung", rechtfertigt sich Apfel, der bereits früher in rechten Kreisen als „Malle-Holger" verspottet wurde. „Aber ich stand nie für die Extreme der NPD." Er habe vielmehr versucht, sie zu einer modernen, bürgerlichen Partei zu machen. „Doch sie erwies sich als nicht-reformierbar." Deswegen habe er Ende 2013 beschlossen, sich zurückzuziehen.

Rechtsextremismus-Forscher misstrauen solchen Aussagen und werten sie als Taktik, um rechtsextreme Parteien für neue Wählerschichten interessant zu machen. Der Neu-Gastronom betont hingegen vehement, sich auf der Ferieninsel nicht im geringsten politisch engagieren zu wollen. Die Facebook-Seite der „NPD Mallorca" ist denn auch just einen Tag, nachdem die MZ auf ihrer Website über Apfels beruflichen Neustart berichtete, nicht mehr auffindbar. Das sei besser so, „damit da keine Querverbindungen aufkommen", sagt Apfel auf Nachfrage. Er selbst habe damit aber nichts zu tun. Dahinter stecke ein Bekannter von Matthias Wächter.

Auch Wächter ist kein Unbekannter. Zumindest bis zu den Kommunalwahlen am Sonntag (25.5.) sitzt der Dortmunder NPD-Kreisvorsitzende noch im dortigen Stadtrat. Doch wegen seiner engen Kontakte zu Apfel gilt auch er als parteiintern umstritten. Sollte es nicht zum Wiedereinzug reichen, erwägt er angeblich ebenfalls einen Umzug nach Mallorca, wo er Apfel schon beim Renovieren seines Lokals geholfen haben soll. Dieser bestätigt: „Wächter ist gerade auf der Insel." Die Frage, ob denn sogar eine geschäftliche Zusammenarbeit geplant sei, will Apfel nicht kommentieren. Fest steht jedoch, dass bisher nur Wächter samt Steuernummer in Palmas Handelsregister eingetragen ist.

Fest steht auch, dass ausländerfeindliche Parolen an der Playa keine Seltenheit sind. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Hetzkampagnen gegen schwarzafrikanische Straßenhändler und sogar zu Übergriffen. Dass die deutsche Urlauberhochburg ein geeigneter Nährboden für rechtes Gedankengut ist, streitet auch Apfel nicht ab. Der potenzielle NPD-Wähler werde sicherlich eher die Playa als Ferienort wählen – statt Ibiza-Stadt, wo sich im Sommer Europas versammelte Schwulenszene tummelt. „Hier fühlen solche Leute sich heimisch, hier ist alles deutsch." Auch er selbst scheint diese Vorzüge zu schätzen. Ein anderer Ort jedenfalls sei für ihn „eher nicht" zum Auswandern in Frage gekommen.

Dieser Text basiert auf unserem Artikel vom Dienstag (20.5.) und wurde am Mittwoch aktualisiert und erweitert.

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