Auch der Süden von Mallorca kämpft gegen Strommasten

Anwohner in der Gemeinde Llucmajor wollen eine 30 Kilometer lange Hochspannungsleitung verhindern

27.05.2014 | 10:20
Marta Urbina (2. v. li.) prüft mit weiteren Betroffenen die Pläne
Marta Urbina (2. v. li.) prüft mit weiteren Betroffenen die Pläne

Um zu verbildlichen, was da südwestlich von Llucmajor geplant ist, hat Werner Elsner eine Fotomontage angefertigt. Zu sehen ist darauf ein Strommast, der mit seinen 40 Metern das Rathaus von Llucmajor um mehr als das doppelte überragt. 49 solcher Masten soll die geplante Hochspannungsleitung südlich von Llucmajor haben – und einer davon wird laut den Plänen vor dem Haus von Elsner und seiner Lebensgefährtin Corinna Pfeiffer stehen, in rund 10 bis 20 Metern Entfernung. Vom Balkon des Hauses aus, das das Paar derzeit noch für den Einzug herrichtet, werde man dann wohl die gesamte Stromleitung im Blick haben, fürchtet Pfeiffer – schließlich ist das Land hier im Süden Mallorcas besonders flach.

Die Leitung ist eines von mehreren Projekten des spanischen Netzbetreibers REE. Vergangenes Jahr hatten Pläne für eine Leitung Manacor-Artà die dortigen Anwohner in Alarmbereitschaft versetzt – der Protest war erfolgreich, die Kabel sollen nun größtenteils unter die Erde. In diesem Jahr gab es besonders in den Gemeinden Felanitx und Manacor Ärger – hier ist eine neue Oberleitung vom Umspannwerk Es Bessons bei Manacor bis Can Gayà bei Portocolom geplant. Die balearische Umweltkommission hat inzwischen Einspruch eingelegt und Änderungen angemahnt.

Im Fall von Llucmajor dagegen dürften viele Anwohner noch gar nichts von den Plänen des spanischen Netzwerkbetreibers mitbekommen haben, glaubt Marta Urbina, ebenfalls betroffene Anwohnerin. Persönlich benachrichtigt habe REE bislang nur die Finca-Besitzer, bei denen auch Enteignungen für die Strom­masten notwendig sind. „Das ist alles sehr undurchsichtig", kritisiert die ­Mallorquinerin, die nun zusammen mit einheimischen und ausländischen Anwohnern eine gemeinsame Strategie gegen das Projekt plant. „Man muss 15-mal nachfragen, bis man alle Unterlagen erhält."

Inzwischen liegen die Pläne auf dem Tisch. Im Landhotel Son Guardiola südlich von Llucmajor, deren Besitzer ebenfalls eine Verschandelung der Landschaft und damit das Ausbleiben von Urlaubsgästen befürchten, beugen sich die versammelten Anwohner an diesem Freitag (16.5.) über eine Karte, die Urbina aus den Detailplänen zusammengeklebt hat. Eingezeichnet ist eine 66-Kilovolt-Leitung, die Llucmajor mit Cala Blava verbinden soll – mit Cala Blava meint REE allerdings nicht die Bucht bei Arenal, sondern ein geplantes Umspannwerk dieses Namens nördlich von Cala Pí. Der größte Teil der geplanten Leitung – 13,5 von 14,1 Kilometern – verläuft laut den Plänen oberirdisch. Ein zweite Leitung plant REE zwischen den Umspannwerken Cala Blava und Arenal – auch diese 16,4 Kilometer sollen fast vollständig überirdisch verlaufen. Laut den jetzt im balearischen Gesetzblatt (BOIB) veröffentlichten Plänen sind von den Enteignungen insgesamt knapp 200 Grundstücke betroffen.

Der Netzbetreiber REE begründet den geplanten Ausbau gegenüber der MZ mit der Sicherung der künftigen Stromversorgung der Urbanisationen östlich der Bucht von Palma – es sei ein verzweigtes Stromnetz zwischen den Umspannwerken notwendig, damit die Versorgung bei einem Ausfall über alternative Leitungen möglich sei, so eine REE-Sprecherin.

Die Betroffenen dagegen haben in erster Linie die Folgen für die Landschaft sowie die Wertminderung ihrer Häuser vor Augen. Ein deutsches Paar etwa hat erst im März eine Immobilie in der Gegend erworben – kurz darauf erfuhr es von dem Projekt, das einen Strommast in rund 300 Metern Entfernung vom Grundstück vorsieht. „Und das in dem flachen Land hier", so die beiden Deutschen. „Hätten wir das gewusst, hätten wir sicherlich nicht gekauft."

Wenn die Leitung schon gebaut werden müsse, dann besser unterirdisch und entlang bestehender Wege, argumentiert Urbina. Da dann keine Enteignungen nötig wären, würden sich auch die Kosten in Grenzen halten. Für die beiden Teilstücke, so wie sie jetzt geplant sind, hat REE Ausgaben in Höhe von 4,8 bzw. 3,4 Millionen Euro vorgesehen. Während jedoch eine oberirdische Leitung laut balearischem Industrieministerium mit 75 Euro pro Meter zu Buche schlägt, kostet die Verlegung unter der Erde 1.000 Euro pro Meter.

Beim spanischen Netzbetreiber wird betont, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. „Wir wollen alle Vorschläge berücksichtigen und prüfen, wie wir Qualität und Versorgungssicherheit mit den verschiedenen Einwänden in Einklang bringen können", so die diplomatische Antwort.

Im Fall der Linie Artà-Bessons liegt dem Stromversorger derzeit ein konkreter Alternativvorschlag der Landesregierung zur Prüfung vor, laut dem nur noch zehn Prozent der Leitung überirdisch verlaufen. Die Anbindung der Ostküste sei besonders heikel, da es hier nicht nur um die Versorgung der dortigen Tourismusgebiete gehe – eine Linie soll über Portocolom und Cala d´Or bis Santanyí reichen –, sondern auch der Strom eines zweiten Unterseekabels zwischen Mallorca und Menorca eingespeist werden soll.

Im Fall des Gebiets südlich von Llucmajor dürften Änderungen dagegen schwieriger durchzusetzen sein, fürchtet der Anwalt eines Betroffenen – die Linie sei im Energie­versorgungsplan der balearischen Landesregierung vorgesehen und damit stärker durch das Allgemeininteresse gedeckt.

Die Anwohner wollen dennoch nichts unversucht lassen und haben eine lange Liste mit Argumenten gegen die Pläne zusammengestellt – sie reicht von der Beeinträchtigung der Artenvielfalt über akustische Belästigungen bis hin zu gesundheitlichen Bedenken. Auch beim Bürgermeister von Llucmajor, Joan Jaume (Volkspartei, PP) habe man bereits vorgesprochen und Unterstützung versprochen bekommen, so Urbina. „Ich hoffe, es waren mehr als nur schöne Worte." Nun bereiten die Betroffenen zudem Eingaben an den Netzbetreiber vor – und auch eine Kampagne in den sozialen Netzwerken soll folgen.

Infos für Betroffene unter E-Mail altatensiollucmajor@gmail.com sowie auf einer neuen Facebookseite.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 22. Mai (Nummer 733) lesen Sie außerdem:

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