Wenn sich Nachbarn die Zähne zeigen

Das erinnert an Düsseldorf und Köln oder Augsburg und München: Orte im Inselosten, die sich nicht grün sind. Aus mehr oder weniger gutem Grund

05.06.2014 | 13:23
Spinnefeind ist man sich zwar nicht, aber gestichelt und gefrotzelt wird auf Teufel komm raus
Spinnefeind ist man sich zwar nicht, aber gestichelt und gefrotzelt wird auf Teufel komm raus

Es sind nur zwölf Kilometer, die die ostmallorquinischen Orte Felanitx und Manacor trennen. Doch man strengte sich in der Vergangenheit geradezu an, Welten dazwischen zu schieben: „Die Verbindungsstraße war eine Ewigkeit lang ein nicht asphaltierter Eselsweg mit 80 engen Kurven", sagt Historiker Sebastià Sansó, der wie kaum ein anderer auf der Insel über die Rivalität zwischen diesen Städten, aber auch etwa über die zwischen Artà und Capdepera oder zwischen Santa Margalida und Muro Bescheid weiß. „Was Manacor und Felanitx angeht, gab es zwar zwei parallele Bahnlinien nach Palma, aber nie eine zwischen den beiden Orten." Auch direkte Busverbindungen habe es lange Zeit nicht gegeben.

Streit um Es Fangar
Dieses distanzierte Verhältnis fußt auf nicht wenigen historischen Begebenheiten, die die Menschen der Nachbarorte zwar nicht spinnefeind, aber misstrauisch aufeinander machten. „Alles fing im 16. Jahrhundert an, als die Finca Es Fangar, die beiden Orten gehörte, von Juristen in Manacor einfach der Stadt Manacor zugeschlagen wurde", so der Wissenschaftler. Das riesige Anwesen gehört heute übrigens dem deutschen Unternehmer Peter Eisenmann.

Im 19. Jahrhundert kam es dann fast Schlag auf Schlag: „Manacor durfte anders als Felanitx ein erstinstanzliches Gericht haben, das den Heimatort natürlich vor dem Rivalen zur Stadt erklärte." Und das, obwohl ­Felanitx damals wirtschaftlich weiter entwickelt war als Manacor. Und damit nicht genug: Während sich die Menschen in Manacor 1835 an einem Aufstand gegen die einige Jahre zuvor als Kleinkind zur spanischen Königin ernannten Isabel II. beteiligten, blieb es in Felanitx ruhig.

Hinzu kam eine jahrzehntelange Auseinandersetzung, die mit dem Thema Wein zu tun hatte: Frankreich hatte sich damals entschieden, Mallorca-Wein nur den Gemeinden Manacor und Binissalem abzukaufen. Das wurmte die felanitxers zutiefst, zumal dort traditionell viel mehr Wein angepflanzt wurde als in der Nachbargemeinde. Und dann verstieg man sich in Manacor noch dazu, den eigenen Hafen Portocristo für den Export auszubauen, um nicht vom gegnerischen Hafen Portocolom losfahren zu müssen.

Angriff der Reblaus
Auf den Boden der Tatsachen gestoßen wurden die rivalisierenden Orte durch die Reblaus, die dem Wein-Anbau in jener Gegend 1891 mit fast apokalyptischer Wucht den Garaus machte: „Aus beiden Orten flohen viele in Not geratene Einwohner in die Fremde, vor allem nach Lateinamerika, nach Argentinien, Chile oder Kuba", so Sebastià Sansó. Manacor verlor dabei etwa 6.000 Einwohner, Felanitx etwa 1.000. Während sich Manacor aber wirtschaftlich wieder erholte – unter anderem wurden Möbelfabriken, ein Krankenhaus und eine Fabrik für Kunstperlen gegründet – blieb Felanitx am Boden.

Wiewohl ähnlich hart vom Reblaus-Schicksal getroffen, blieb die Rivalität somit bestehen: Menschen in beiden Orten werfen ihren Nachbarn aus dem anderen Ort noch immer Überheblichkeit und Arroganz vor.

Das gilt auch für die Orte Artà und Capdepera im Nordosten der Insel. Auch hier können allerlei historische Begebenheiten angeführt werden. „Capdepera gehörte bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Artà und wurde erst dann unabhängig", erzählt Sebastià Sansó. Zu dem Gefühl der Eigenständigkeit habe etwa beigetragen, dass deutsche und Schweizer Söldner im Dienst der spanischen Krone im 18. Jahrhundert auf der Burg von ­Capdepera stationiert waren und über die Jahre hinweg gemeinsam mit Einheimischen Familien gründeten.

Unter anderem dies habe die Bewohner von Capdepera so sehr geprägt, dass sie sich noch vor 30 Jahren mehrheitlich mit Händen und Füßen dagegen wehrten, im Krankheitsfall zu einem Gesundheitszentrum nach Artà fahren zu müssen und flugs selbst eines einrichteten, obwohl die beiden Orte nur sieben Kilometer auseinanderliegen. „In Artà hingegen werden die Bewohner von Capdepera noch heute verächtlich gabellins (Hinterwäldler) genannt", so Wissenschaftler Sansó.

Auch die Rivalität zwischen den ebenfalls nur sieben Kilometer von einander entfernten Dörfern Muro und Santa Margalida war vor langer Zeit begründet worden. „Während Muro im Mittelalter dem Königshaus gehörte, so war Santa Margalida Eigentum eines señor, eines Adeligen." Aus ähnlichen Gründen entstand auch eine Rivalität zwischen den Südost-Kommunen Santanyí und Campos.

Wie sehr in alter Zeit begründete Animositäten noch nachhallen können, könne man noch heute in der Welt der lokalen Fußballvereine erkennen, so Sebastià Sansó – am Spielfeldrand wie auch im Internet. In sämtlichen Altersstufen und Kategorien werde auch weiterhin im Sinne der traditionellen Rivalität geholzt, wenn auch mittlerweile nur noch verbal. „Für Handgreiflichkeiten sind wir denn heute doch schon zu zivilisiert", sagt Sansó.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 5. Juni (Nummer 735) lesen Sie außerdem:

- Hoteliers im Abseits: Kritik an der harten Linie
- Erdölsuche vor Mallorca: Die Bedrohung kommt näher
- Gezeichnet fürs Leben: Bedürftige Kinder auf den Balearen

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |