Nach Terror in Tunesien: Blindes Vertrauen ist gefährlich

Auf Mallorca stellt sich nach dem Anschlag auf ein Riu-Hotel in Tunesien die Frage nach der Sicherheit – die Behörden sind längst wachsam

16.07.2015 | 02:30
So viel Polizeipräsenz war selten auf Mallorca: Nach den ETA-Anschlägen 2009 galt auf der Insel höchste Alarmstufe

Als Tourist getarnt und mit einem Sonnenschirm unterm Arm kommt man problemlos bis an den Hotelpool. Das ist das Ergebnis eines kleinen Selbstversuchs, den Journalisten in zehn Hotels auf Mallorca unternommen haben – nachdem Ende Juni bei einem Terroranschlag am Strand eines Hotels der mallorquinischen Riu-Gruppe in Tunesien 39 Menschen getötet wurden. Der Attentäter war wie ein Urlauber gekleidet, seine Kalaschnikow hatte der 23-Jährige unter einem Sonnenschirm versteckt.

Doch bedeutet allein die Tatsache, dass es nicht an jedem Hoteleingang Security-Checks wie am Flughafen gibt, dass die Sicherheitsvorkehrungen in den Urlauberhochburgen viel zu lasch sind? Und dass somit die Terrororganisation Islamischer Staat auch auf unserer Ferieninsel jederzeit ungehindert zuschlagen könnte? „Den ersten Schlag bekommt immer der ab, der blindes Vertrauen hat", sagt ein Sicherheitsexperte aus Palma, der seit Jahren für private Sicherheitsfirmen Präventionspläne ausarbeitet. Denn wer sich zu sehr in Sicherheit wäge, sei ein leichtes Opfer für die Angreifer.

Die Antwort auf die Frage, ob ein solches Attentat auch auf Mallorca möglich wäre, muss deshalb mit einem klaren Ja beantwortet werden – auch wenn es auf den ersten Blick keinerlei Anzeichen auf eine ernsthafte Bedrohung gibt. Wie schützt sich die Insel also vor der islamistischen Gefahr, die – da ist man sich in Polizeikreisen und im Innenministerium einig – meist völlig unsichtbar ist? Dort, wo alle Fäden zusammenlaufen, in der Vertretung der Madrider Zentralregierung in Palma, wird ein großes Geheimnis um die Sicherheitslage auf Mallorca gemacht. Es gibt keine offizielle Einschätzung und keine Angaben zur Zahl der auf der Insel operierenden Anti-Terror-Einheiten. Ja, nicht einmal deren Namen wird verraten, um deren Arbeit nicht zu beeinträchtigen.

Doch es gibt sie. Da sind etwa die Agenten von Odaisa. Das Akronym steht für „Oficina de Análisis e Investigacíon de Seguridad Aeroportuaria", wohinter sich eine Einheit verbirgt, die ein Auge auf verdächtige Passagiere an Bord sogenannter „heißer Flüge" hat. Sie kommen aus Ländern, in denen die Dschihadisten aktiv sind, oder aus Städten in Europa, die direkte Flugverbindungen mit den Terrorgebieten haben – was etwa bei Madrid und Barcelona der Fall ist und wo nun höchste Alarmstufe herrscht. Dass die Odaisa-Beamten auch auf Mallorca gebraucht werden, zeigte sich zum Beispiel 2011, als in Zusammenarbeit mit der hiesigen Guardia Civil in Cala Ratjada die Festnahme eines mutmaßlichen Al Qaida-Mitglieds gelang.

Erst im vergangenen Herbst hat die spanische Regierung eine neue Geheimdienst-Einheit („Centro de Inteligencia Contra el Crimen Organizado") ins Leben gerufen, die direkt dem Innenministerium untersteht und sich nicht nur mit organisierter Kriminalität, sondern auch mit ­terroristischen Netzwerken beschäftigt. Die Ermittlungen dieser Einheit sind top secret – bis sie zuschlägt: Erst Anfang Juli wurden im Rahmen einer konzertierten, internationalen Aktion gegen ein kriminelles Netzwerk, das unter anderem mit Drogen handelte, am Flughafen von Palma zwei Verdächtige festgenommen. Schon länger verfolgen die spanischen Behörden das Treiben nordafrikanischer Drogen-Netzwerke, die mit ihren Geschäften auch Terrorzellen mit­finanzieren. Es gehe schließlich nicht nur um einzelne Dschihadisten, heißt es bei der Guardia Civil. „Die Sache ist wesentlich komplexer."

Im Kampf gegen den islamistischen Terror arbeitet die Guardia Civil seit einigen Monaten eng mit 200 Hotels und privaten Sicherheitsfirmen zusammen. Zudem verfügt sie über eine Art eigenen Geheimdienst, der unter anderem Moscheen und verdächtige Gruppierungen beobachtet. „Informationen sind das A und O", sagt einer der Beamten. „Natürlich können wir darüber sprechen, wie lange es dauert, bis wir an einem Strand eintreffen, an dem ein Attentäter um sich schießt. Aber unser Ziel ist es vielmehr, das Attentat von vornherein zu verhindern." In vielen Fällen gelinge das – nur lese man darüber nichts in den Zeitungen.

Sollte es tatsächlich zum Ernstfall kommen, stehen schnelle Eingreiftruppen zur Verfügung, die von Beamten der Guardia Civil sowie der National- und Lokalpolizei unterstützt werden. Als Elite-Einheit gilt die der Guardia Civil unterstellte Usecic („Unidad de Seguridad Ciudadana"), so etwas wie die GSG9 der Insel, die in Palma sitzt, aber innerhalb von Minuten an jedem Punkt Mallorcas einsatzfähig sein kann. Und bei Bedarf greifen ihr Kommandos aus Madrid unter die Arme, die mit dem Hubschrauber einfliegen.

Und damit sind wir gewappnet? „Wir verfügen inzwischen über wesentlich mehr Ressourcen als früher", sagt der Guardia Civil-Beamte – wobei noch viel Luft nach oben sei. Dass man nie genug tun könne, gibt auch ein hochrangiger Mitarbeiter des Innenministeriums zu. „Allerdings werden wir immer besser und können Ergebnisse liefern." Seit Anfang 2014 wurden in Spanien über 50 Personen festgenommen, die Sympathisanten und Krieger für die Terrororganisationen in Syrien, Mali oder im Irak anwerben sollten – mehr Festnahmen gab es nur in Frankreich und Belgien. Dass keiner der Verdächtigen auf Mallorca gefasst wurde, erklären sich die Behörden auch damit, dass die Anti-Terror-Einheiten auf der Insel nach den Anschlägen der baskischen ETA-Separatisten 2009, bei denen zwei Polizisten starben, kräftig aufgestockt wurden.

Damals hatte man sich noch in Sicherheit gewägt. Doch die Zeiten des unbeschwerten Inselidylls sind längst vorbei, sagen zumindest diejenigen, die im Hintergrund die Augen offen halten.


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