Auch Mallorca will den Flüchtlingen helfen

Mehrere Gemeinden der Insel wollen Unterkünfte anbieten und die Hilfe koordinieren - wenn Madrid mitspielt

08.09.2015 | 10:36
Hier lag ich nach der Bombardierung im Krankenhaus: Ein irakischer Flüchtling in Stuttgart zeigt auf seinem Handy, warum er geflohen ist.

„Ich habe ab November meine Finca frei und würde gerne eine syrische Familie für einige Monate aufnehmen." So hat sich MZ-Leserin Elisabeth Bock an die Redaktion gewandt – ob man ihr nicht eine Anlaufstelle auf Mallorca nennen könne. Sie habe sich bereits im Kölner Sozialamt erkundigt, ob sie nicht in Deutschland angekommenen Flüchtlingen ein Flugticket bezahlen und sie nach Mallorca holen könnte. Denn im Winterhalbjahr stehe die Ferienwohnung leer. Doch dass sei abgelehnt worden: Die Asylbewerber müssten in Deutschland bleiben.

Die Mallorca-Residentin würde sich gerne bei der Hilfe beteiligen – so wie das derzeit zahlreiche Menschen in Deutschland tun. Doch während dort eine Solidaritätswelle angerollt ist, die Menschen in Aufnahmezentren mit anpacken, Sachspenden vorbeibringen oder ein Zimmer für Flüchtlinge freiräumen, sind die Insel-Deutschen bislang vor allem Zuschauer. Freilich, man kann Geld spenden und Position beziehen – aber das ist vielen zu wenig.

Ganz ähnlich denken eine Reihe von Lokalpolitikern auf Mallorca. Sie haben jetzt eine Initiative gestartet, die weniger ein Sofortprogramm als ein symbolischer Appell an die spanische Regierung ist, vor dem Flüchtlingselend nicht die Augen zu schließen. So erklärten sich Ortsverbände der Regional­partei Més per Mallorca am Dienstag (1.9.) bereit, in den von ihr regierten Gemeinden Flüchtlinge aus
Konflikt- und Krisenregionen aufzunehmen
.

Inca geht voran

Vorreiter ist die Stadt Inca, wo am Donnerstag – nach dem Vorbild von Barcelona – im Stadtrat eine ­Erklärung verabschiedet werden sollte, in der die Kommune Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge anbietet. Stadtrat Biel Frontera (Més) spricht gegenüber der MZ von einer politischen Willens­erklärung – schließlich liege die Zuständigkeit für das Asylwesen nicht bei den Kommunen, sondern beim spanischen Staat. Er hat aber schon einmal ausgerechnet, wie das konkret aussehen könnte: Würde Madrid wie gefordert 4.000 Flüchtlinge akzeptieren, entfielen auf die Balearen 80. „Das entspricht in etwa der Zahl der Gemeinden auf den Balearen – 67 –, so dass jede im Schnitt eine Familie aufnehmen müsste." Das sei nun wirklich nicht zu viel verlangt.

Ähnliche Erklärungen sind in Calvià oder Andratx geplant. Palma indes will sich auf Vorschlag der Linkspartei Podemos einem Netzwerk von spanischen Städten anschließen, das Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenländern in Nordafrika und dem Nahen Osten aufnimmt. Das sei eine humanitäre Pflicht. „Palma und Mallorca haben unmittelbar erlebt, was die Flucht aus Diktatur und Konfliktregionen bedeutet, zu der unsere Großeltern gezwungen waren", heißt es in Anspielung auf Bürgerkrieg und Franco-Diktatur (1936-1975).

Hilfsregister in BarcelonaPalma folgt somit der Initiative der Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau. Die katalanische Hauptstadt, die seit dem Machtwechsel im Mai von einem Linksbündnis regiert wird, kündigte am Dienstag die Einrichtung eines Registers an, in dem sich alle freiwilligen Helfer eintragen lassen können – sei es für Sachspenden oder die Unterbringung von Flüchtlingen bei sich zu Hause. Auf diese Weise solle die Solidarität kanalisiert werden. Nötig ist das vor allem beim Thema Unterbringung: So verfügt Barcelona gerade einmal über 28 Schlafplätze. Das Budget für provisorische Unterbringungsmöglichkeiten wurde auf 200.000 Euro verdoppelt. 2014 hatten knapp 800 Personen in Katalonien Asyl beantragt, die Bearbeitungszeit beträgt bis zu drei Jahre. Während die Stadt­regierung Madrid zu mehr Transparenz und Schnelligkeit bei der Zuweisung der Finanzhilfen aufforderte, warnte die konservative Opposition vor „unkoordinierten Alleingängen".

Kein Asyl auf Mallorca

Auf Mallorca dagegen gibt es bislang keine Anlaufstelle für Asylbewerber, schon gar kein Flüchtlingslager. Um beispielsweise syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen, müssten diese zunächst im Rahmen einer Brüsseler und ­Madrider Vereinbarung den Balearen zugeteilt werden.

Die meisten Immigranten, die mitunter ohne Aufenthaltsgenehmigung auf Mallorca leben, sind nicht vor Bürgerkrieg oder Terror, sondern der Armut etwa in Afrika geflohen und meist auf Umwegen auf die Insel gelangt. Auch viele Lateinamerikaner suchten hier ein besseres Leben – sie kamen als Touristen und blieben illegal hier, wendeten der Insel aber in der Krise häufig wieder den Rücken zu.

Zwar sind auf Mallorca immer mal wieder Flüchtlingsboote aus Nordafrika angekommen, zuletzt im Juli in Cala Figuera. Die Boote werden in der Regel aber schnell entdeckt – auch dank eines auf Cabrera installierten speziellen Radars. Die von der Polizei aufgegriffenen Immigranten werden in solchen Fällen innerhalb weniger Tage auf das spanische Festland geflogen, um sie dort in Flüchtlingslagern unterzubringen und bei Ablehnung des Asylantrags abzuschieben.

Dass die Immigranten schon auf Mallorca Beratung und Hilfe erhalten sollten, gehört ebenfalls zu den Forderungen von Més – auch deshalb, weil in Zukunft mehr Menschen direkt oder indirekt auf Mallorca ankommen könnten. Spätestens dann wären auch Insel-Deutsche mit ihrer Finca gefragt. „Hier auf Mallorca stehen viele Immobilien leer", meint Elisabeth Bock. „Ich habe alles, was ich brauche, ich kann etwas abgeben."

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