Kampf der trüben Brühe

Wenn es im Stadtgebiet von Palma heftig regnet, müssen anschließend häufig mehrere Strände gesperrt werden. Warum das so ist, und wie ein 100-Millionen-Euro-Projekt Abhilfe bringen soll

02.11.2015 | 08:37
An der Playa läuft regelmäßig Abwasser ins Meer.

Wer glaubt, dass man in zwei oder drei Sätzen erklären könnte, warum nach heftigen Regenfällen regelmäßig mehrere Abschnitte der Strände in Palmas Stadtgebiet wegen verunreinigtem Wasser gesperrt werden müssen, der ist auf dem Holzweg. Warum das so ist, wird mit einem Blick in das Büro von Llorenç Mestre klar. Der technische Leiter bei Palmas Stadtbetrieben Emaya hat großformatige Karten aufgehängt, in denen das Zusammenspiel von unberechenbaren Sturzbächen, veralteten Abflussleitungen und einer sanierungsbedürftigen Kläranlage deutlich werden soll. Und auf dem Schreibtisch türmen sich Aktenordner mit Dokumenten über ein Mammutprojekt, das hoffentlich die Lösung bringt.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, jetzt muss Madrid zustimmen", sagt Mestre. Das geplante Projekt sieht Investitionen über rund 100 Millionen Euro vor, die vor allem die Zentralregierung und die EU beisteuern sollen. Machbar wären die Arbeiten bis zum Ende der Legislaturperiode 2019 – dann gäbe es wohl keinen Fäkalalarm mehr in Cala Major, Can Pere Antoni, Ciutat Jardí oder eben an der Playa de Palma.

Die Probleme zeigen sich vor allem im Herbst, wenn nach einem langen, trockenen Sommer der Regen nicht nur besonders intensiv einsetzt, sondern sich auch auf kurze Zeiträume konzentriert. So geschehen im September und Oktober, und jedes Mal musste an den ­Stellen, wo die Sturzbäche (torrentes) ins Meer münden, die Rote Flagge zum Zeichen für Badeverbot gehisst werden. Dass die Verunreinigungen nicht nur aus Schlamm und sonstigen Ablagerungen bestanden, sondern mitunter auch aus Fäkalien, räumt der Emaya-Mann ein.

Störende Strände
Was ist das Problem? Zum einen die Länge der Strände, meint Mestre. Sie wurden in der Mehrheit nachträglich aufgeschüttet, wo eigentlich die Sturzbäche ins Meer münden. Da wäre der Torrent Gros im Fall von Ciutat Jardí, sa Síquia auf Höhe des Palma Aquarium oder der Torrent dels Jueus, der im Osten der Playa de Palma die Gemeindegrenze zwischen Palma und Llucmajor markiert. Ohnehin wurde der Pla de Sant Jordi, wie das Hinterland der Playa de Palma heißt, erst im 19. Jahrhundert trockengelegt. Auch heute noch ist das flache Gebiet anfällig für Überschwemmungen und Mückenplagen. Der Strand von Cala Major wurde sogar direkt über dem Sturzbach aufgeschüttet – wenn es regnet, bricht sich das Wasser im Sand seine Bahn.

Vermischtes Regenwasser
Bei einem weiteren Faktor wird es etwas komplizierter – der Trennung von Regen- und Abwasser. Viele ältere Häuser in Palmas Zentrum verfügten über keine getrennten Rohre, sodass Regenrinne und WC-Spülung in dieselbe Leitung mündeten, erklärt Mestre. Dieses Gemisch muss dann von der Kläranlage bewältigt werden. Die Abwässer im Stadtgebiet fließen vor allem in zwei Kläran­lagen. Da ist zum einen EDAR 1 – die Abkürzung steht für Estación de Depuración de Aguas Residuales –, gelegen bei Sant Jordi. Die Anlage wurde zuletzt 2005 renoviert und ausgebaut. Das Problem ist EDAR 2,­
gelegen bei Coll d´en Rabassa in der Nähe des neuen Kreisels über der Flughafen-Autobahn. Sie stammt aus den 60er Jahren, wurde zuletzt 1986 renoviert und reicht längst nicht mehr für das anfallende Abwasser aus. Vor allem fehle ein Regenrückhaltebecken (tanque de tormentas), das kurzfristig in großen Mengen anfallendes Niederschlagswasser vorübergehend speichert, damit es verlangsamt in die Kläranlage fließt. Reicht die Kapazität nicht aus, gelangt die Dreckbrühe eben ins Meer.

Veraltete Anlagen
Sorgen bereitet auch eine veraltete Anlage in der Carrer Parcelas in Arenal, die das Abwasser, das von Pumpstationen entlang der Playa de Palma hierher transportiert wird, zur Kläranlage weiterleitet. Auch hier reichen die Kapazitäten bei intensivem Regen nicht aus, und Störungen sind keine Seltenheit.
Im Gegensatz beispielsweise zur Playa de Muro, wo ein seitlich von Dämmen gesäumter Sturzbach Regenwasser aus dem Feuchtgebiet der s´Albufera ableitet, münden die torrentes an der Playa de Palma direkt hinter dem Strand ins Meer. Bei starken Regenfällen wird so das Wasser direkt am Strand ­verunreinigt. Dieses Problem soll mit Leitungen angegangen werden, die weiter hinaus führen.
Es fehlt an vielen Dingen: neuen Leitungen, die vor Rohrbrüchen gefeit sind, neuen Pumpstationen, die jederzeit mit der anfallenden Wassermenge fertig werden, zusätzlichen Regenwasser­kollektoren. Einen solchen baue man gerade im Viertel Sometimes an der Playa de Palma, erklärt Mestre. Die dafür nötige rund eine Million Euro strecke man vor.

Kompetenzgerangel
Wie so oft in der spanischen Verwaltung überlagern sich auch beim Abwasser die Zuständigkeiten der verschiedenen Institutionen: Verantwortlich sind zwar erst einmal die Kommunen, die ja auch die
Wassergebühren eintreiben. Doch bei großen Infrastrukturprojekten steht die Landesregierung zur Seite. Bei Emaya wird beklagt, dass man seit 2010 die für Investitionen gedachten Gelder nicht mehr erhalten habe – wegen Haushaltsproblemen der Landesregierung, die zudem einen Teil der Mittel bei der Zentralregierung in Madrid eintreiben muss.

Bis dahin führt kein Weg daran vorbei, nach intensiven Regenfällen den Strand zu sperren – auch dann, wenn gar keine Fäkalien austreten sollten. „Die Ergebnisse der Labor­untersuchungen liegen erst nach 24 oder 48 Stunden vor – so lange müssen wir auf Nummer sicher gehen", erklärt der Technikleiter von Emaya. Auch dann, wenn nach dem intensiven Regen gleich wieder die Sonne scheint und die Badegäste an den Strand lockt.

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