Franco-Opfer: Gräber öffnen und Wunden schließen

Zwei Gesetze sollen fast 80 Jahre nach dem Bürgerkrieg die Vergangenheit aufarbeiten und den Verbleib von 2.318 Opfern klären

11.11.2015 | 11:09
Die meisten Franco-Opfer wurden in den Gemeinden Palma, Manacor, Sant Llorenç und Porreres verscharrt.

Knapp 80 Jahre nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) ist Eile angesagt. Noch vor Jahresende soll das Balearen-Parlament ein Gesetz verabschieden, das die Exhumierung und Identifizierung der anonym verscharrten Todesopfer des republikanischen Lagers und den Schutz der Ruhestätten vorsieht – möglichst bis zum Jahr 2019. „Wir wollen, dass zum Ende der Legislatur­periode kein Grab mehr offen ist", sagt Margalida Capellà, Abgeordnete der Regionalpartei Més per Mallorca im Parlament und Professorin für internationales Recht an der Balearen-Universität (UIB).

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Spanien keinen Konsens über die Vergangenheitsbewältigung – während die Konservativen die Franco-Zeit ruhen lassen wollen, streben die Linksparteien eine gründliche Aufarbeitung an. Die Opfer des republikanischen Lagers wurden als Bürgerkriegsverlierer während der Franco-Diktatur (1939-1975) totgeschwiegen und auch in den folgenden Jahren der Demokratie vergessen.

Jetzt hat sich unter der Links­regierung auf den Balearen wieder ein Zeitfenster aufgetan, und die Zeit soll nicht ungenutzt verstreichen. Die Koalition aus Sozialisten und der Regionalpartei Més per Mallorca will zwei Gesetze verabschieden – ein Gesetz zur Öffnung der Gräber („Ley de fosas"), das die Basis für die Exhumierungs­arbeiten legt, sowie ein zweites, viel weitgehenderes Gesetz zur Aufarbeitung der Franco-Zeit (Ley de Memoria Histórica y Democrática). Es umfasst nach den Plänen der Linksregierung die Entfernung der noch verbliebenen Symbole und Straßennamen aus der Franco-Zeit, die Löschung von Ehrentiteln, aber auch die offizielle Anerkennung der Opfer und den Denkmalschutz für deren Grabstätten.

Doch zunächst geht es erstmal um die Öffnung der Gräber. Die Vorarbeit ist geleistet: Die Vereinigung Memòria de Mallorca hat nach jahrelanger Archivarbeit und Interviews mit Hinterbliebenen alle verfügbaren Daten zusammengetragen – dokumentiert sind 47 Gräber in 27 Gemeinden Mallorcas, an denen mindestens 2.318 Opfer oftmals in Gemeinschaftsgräbern verscharrt wurden. Sie waren hingerichtet worden – nach ihrer Verschleppung, nach Schauprozessen oder bei nächtlichen Säuberungsaktionen in Gefängnissen. Mitgezählt sind aber auch mindestens 1.061 Milizionäre sowie 14 Mallorquiner, die auf Umwegen in Konzentrationslager der Nazis deportiert wurden.

Schon jetzt ist die Exhumierung möglich, allerdings gab es dafür keine Unterstützung durch die Zentral- oder Landesregierung. Ein Abkommen, das Memòria de Mallorca mit der früheren Mitte-Links-Regierung (2007-2011) abgeschlossen hatte, lag während der vier Jahre der Bauzá-Regierung auf Eis. Dass dennoch im vergangenen Jahr erstmals sterbliche Überreste von Franco-Opfern auf Mallorca exhumiert und identifiziert wurden, war deswegen nur dank freiwilliger Helfer möglich – darunter von Archäologen aus Barcelona, die während ihres Urlaubs auf dem Friedhof von Sant Joan gruben.

„Der Staat kann diese Verantwortung nicht delegieren", sagt dagegen die Abgeordnete und Juristin Capellà und verweist auf ähnliche Gesetze beispielsweise in Bosnien und im Irak, in Argentinien oder Guatemala. Eile sei auch geboten, weil viele Enkel der Opfer inzwischen selbst betagt seien und Gewissheit brauchten. Zudem gebe es auch Gräber, die etwa von Bau­arbeiten bedroht seien.

In der Praxis soll das Vorgehen so aussehen: Zunächst ist geplant, dass 2016 eine Kommission mit ­Vertretern der politischen Institutionen, aber auch von Memòria de Mallorca zusammentritt und prüft, welche Gemeinschaftsgräber geöffnet werden sollen. „Jedes Grab ist ein Fall für sich", erklärt der Historiker Manel Suárez von Memòria de Mallorca. Von den 47 dokumentierten Gräbern befänden sich 25 auf Friedhöfen, neun im Umland, drei in der Kanalisation, vier in Brunnenschächten, zwei in Feuerstätten, eines am Straßenrand und drei an Stränden.

Vor allem in Sa Coma und Porto Cristo liegen nämlich die Leichen der Milizionäre, die im Sommer 1936 bei einer gescheiterten Landung republikanischer Kräfte an der Ostküste ums Leben kamen. Da die Feuchtigkeit den Skeletten zugesetzt haben dürfte und die Opfer nicht von Mallorca stammten, ist eine Identifizierung praktisch nicht möglich. Aber auch auf den Friedhöfen von Palma und Manacor sieht es nicht gut aus: Bei Umbauarbeiten seien die Knochen heillos durcheinander geraten, so Suárez. Im Fall von neun Gemeinschaftsgräbern wisse man auch heute nicht, wie viele Opfer letztendlich dort vergraben wurden.

In anderen Fällen dagegen dürfte es nach Einschätzung des Historikers keine größeren Schwierigkeiten geben, etwa in den Gemeinden Deià, Valldemossa oder Calvià – dort hat der Gemeinderat bereits vor kurzem die Exhumierung der 24 Opfer beschlossen.

Ein wichtiges Hilfsmittel wird eine Datenbank mit DNA-Proben der direkten Angehörigen sein, die seit dem Jahr 2006 an der Balearen-Universität vorbereitet wird. Diese Proben sollen mit den DNA-Resten der exhumierten Knochen verglichen werden. Zum Glück sei dies deutlich günstiger als früher, so Capellà, die Kosten für eine Analyse an der Universität von Barcelona seien von rund 1.000 auf 100 Euro gesunken.

Mit der Identifizierung ist es nicht getan. Auch die Staatsanwaltschaft soll eingeschaltet werden, wenn die sterblichen Überreste Spuren von Gewaltanwendung zeigen. Schließlich verjähren Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht. Dabei gehe es aber nicht darum, möglicherweise noch lebende Täter im Greisenalter zur Rechenschaft zu ziehen, sondern den Sachverhalt aufzuklären, betont Capellà – „die Angehörigen wollen keine Vergeltung, sondern Gewissheit".

Das geplante Gesetz soll zudem nicht nur den Franco-Opfern gewidmet sein, sondern auch denen des republikanischen Lagers. Das ist allerdings von wenig praktischer Relevanz: Mallorca war 1936 schnell in die Hand der Putschisten geraten, ähnlich wie Ibiza und Formentera. Auf der Nachbar­insel Menorca dagegen waren zwar bis kurz vor Kriegsende 1939 die Republikaner an der Macht, denen ebenfalls Massaker zugeschrieben werden. Doch diese Opfer wurden während der anschließenden Franco-Diktatur nicht in anonymen Gemeinschaftsgräbern belassen, sondern – schon allein der Propaganda wegen – in Ehren gehalten. Man habe keine Anhaltspunkte für nicht identifizierte Tote des Franco-Lagers, so Capellà.

Während die Linksparteien geschlossen hinter der Initiative stehen, wird die Haltung der oppositionellen Volkspartei interessant sein. Im Fall von Calvià enthielten sich die Konservativen der Stimme, was Suárez bedauert. „Wir wünschen uns, dass endlich auch die PP die Aufarbeitung mitträgt."

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